Ob Micky Maus, Donald Duck oder Kater Karlo: Es gibt wohl kaum ein Kind des 20. Jahrhunderts, das die Helden aus Entenhausen nicht kennt. Kein Wunder, schließlich hat der Vater dieser Figuren die Unterhaltungsbranche seiner Zeit so sehr geprägt wie kein Zweiter: Walt Disney erweckte nicht nur die tierischen Bewohner der fiktiven Stadt zum Leben, er entführte seine Zuschauer auch in das Reich der klassischen Märchen und lud sie später mit seinen Themenparks sogar dazu ein, jenseits von Sofa und Kinosessel eine Reise durch fantastische Welten zu unternehmen.
Während seiner Schaffenszeit von den 1920er bis 1960er Jahren schaffte er es, Generationen mit seinen Geschichten zu begeistern und schuf ein wahres Imperium der Fantasie. Heute gilt Disney damit als einer der größten und erfolgreichsten Visionäre der Filmgeschichte. Begonnen aber hat alles im Kleinen: Walter Elias Disney, wie der Pionier eigentlich heißt, wird am 5. Dezember 1901 geboren. Fortan wächst er in bescheidenen Verhältnissen auf einer Farm auf. Schon als Kind muss er seinen Eltern bei der Arbeit helfen und bessert den Lebensunterhalt der Familie als Zeitungsjunge auf.
Erste Gehversuche mit den "Laugh-O-Grams"
Doch seine heimliche Leidenschaft ist von Anfang an das Zeichnen. Mit vierzehn Jahren nimmt der junge Walter das erste Mal Kunstunterricht. Später vertraut er erste Proben seines Schaffens der Schülerzeitung seiner High School an. Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs ist an Zeichnen jedoch zunächst nicht mehr zu denken, denn Disney meldet sich freiwillig zum Militär. Nach seiner Rückkehr aber macht er sein Hobby zum Beruf.
Inspiriert wird er dabei unter anderem von dem Zeichner Ub Iwerks, der ihn bei seiner Arbeit unterstützt. In dieser Phase entstehen die Vorarbeiten späterer Welterfolge: Disney zeichnet seine ersten Cartoons, die er "Laugh-O-Grams" nennt und später animiert, es entstehen kurze Werbefilmchen und gemeinsam mit seinem Bruder gründet Disney schließlich die "Disney Brothers Cartoon Studios", die späteren "Walt Disney Productions".
Mit Micky Maus zum Erfolg
Der Erfolg will sich jedoch nicht so richtig einstellen - bis zu jenem schicksalsträchtigen Moment: Die Legende will es, dass Walt Disney just in dem Augenblick, in dem er verzweifelt über eine neue Trickfigur nachgrübelt, eine Maus über den Schreibtisch läuft. Die Idee der Micky Maus ist geboren. Berühmtheit erlangt die freche Maus im Jahr 1928 durch den Kurzfilm "Steamboat Willie". Es ist der erste Film, in dem Disney Animation mit Musik verbindet. Das Werk trifft bei der breiten Masse ins Schwarze - und macht Disney über Nacht vom Niemand zum Star. 1932 erhält er sogar einen Ehrenoskar für seine Mickey Maus.
Was die Legende verschweigt: Die berühmte Maus mag zwar im Kopf von Disney entstanden sein, erstmals gezeichnet haben soll die Figur aber Disneys Kollege Iwerks - und er ist es auch, der die Szenen von "Steamboat Willie" auf Papier bringt. Auch der Name der Maus geht angeblich nicht auf Disney selbst zurück, sondern auf dessen Frau: Während er seine Figur Mortimer Maus nennen will, schlägt sie schließlich den Namen vor, den heute jeder kennt.
Eine wahnwitzige Idee?
Micky Maus bringt Disney den Ruhm: Mitte der 30er Jahre flimmert kaum ein Film über die Kinoleinwände, ohne dass das Publikum im Vorprogramm Bekanntschaft mit der Maus, "Alice in Cartoonland" oder "Oswald the Lucky Rabitt" macht. Doch für Disney ist der Erfolg der kurzen Trickfilme nur ein Etappenziel. Längst hat er ein ehrgeizigeres Projekt im Visier. Er will innerhalb von nur drei Jahren den ersten abendfüllenden Zeichentrickfilm produzieren - und dieser soll auf einer klassischen Vorlage beruhen: dem Märchen "Schneewittchen und die sieben Zwerge".
Kritiker halten diese Idee für absurd, doch Disney macht sich mit seinen inzwischen 750 Mitarbeitern trotzdem ans Werk: "Es hieß, niemand könne so eine Sache durchhalten. Es gab aber nur einen Weg, und das war, uns hineinzustürzen und alles auf eine Karte zu setzen", beschreibt Disney 1933 sein Vorhaben.
Schneewittchen schreibt Filmgeschichte
Die Standing Ovations der starbesetzten Premiere am 21. Dezember 1937 geben ihm Recht: Der Streifen ist einer der bis dato aufwändigsten und teuersten Unterfangen der Filmgeschichte - aber er wird später auch der bedeutendste Zeichentrickfilm aller Zeiten genannt werden. "Die sieben Zwerge waren ideal", sagt Disney rückblickend. "Wir konnten sie mit grenzenlosem Humor füllen, nicht nur hinsichtlich ihrer körperlichen Erscheinung, sondern auch in ihren Persönlichkeiten."
Auf Schneewittchen folgen weitere animierte Märchenfilme wie "Pinocchio", "Dumbo" und "Bambi". Gleichzeitig erschließt sich Disney nun jedoch weitere Geschäftszweige. So entwickelt er eigene Fernsehshows, eröffnet den ersten Vergnügungspark namens "Disneyland" und produziert Spiel- und Dokumentarfilme wie "Die Wüste lebt" oder "Die Schatzinsel". Außerdem gelingt ihm mit "Mary Poppins" eine erfolgreiche Mischung aus Trick- und Realfilm.
Das Kryonik-Märchen
Als Walt Disney am 15. Dezember 1966 an Lungenkrebs stirbt, geht er als erfolgreicher Unternehmer mit einem Vermögen von rund fünf Milliarden Dollar. Die Disney-Corporation schätzt zu diesem Zeitpunkt, dass jedes Jahr weltweit 240 Millionen Menschen einen Disneyfilm sehen, 150 Millionen einen Comic-Streifen lesen und 80 Millionen die von Disney lizensierten Merchandising-Artikel kaufen - noch heute wächst der Konzern in seinem Namen weiter und es entstehen immer neue Figuren, Filme und Vergnügungsparks.
Neben dem wirtschaftlichen Vermächtnis hinterlässt Disney aber vor allem ein Werk voller Fantasie - und er zeigt, dass er auch nach seinem Ableben die Vorstellungskraft der Menschen beflügeln kann. So machen Gerüchte die Runde, der Zeichner habe sich für die Nachwelt einfrieren lassen. Tatsächlich ist die Kryokonservierung in den 1960er Jahren in aller Munde. Die Geschichte von Walt Disney im Eis ist allerdings nichts weiter als ein Märchen.



