500 Jahre Reformation: Luthers Sprachvermächtnis
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500 Jahre Reformation: Luthers Sprachvermächtnis

Bild: Foto: Unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Als Martin Luther auf die Wartburg kommt, ist er auf der Flucht. Vor wenigen Wochen hat er auf dem Reichstag zu Worms im April 1521 vor Kaiser und Prälaten ein mutiges Glaubensbekenntnis abgelegt und seine in den berühmten 95 Thesen formulierte Kritik an der Kirche erneut wiederholt - anstatt sie wie gefordert zu widerrufen.

Als Martin Luther auf die Wartburg kommt, ist er auf der Flucht. Vor wenigen Wochen hat er auf dem Reichstag zu Worms im April 1521 vor Kaiser und Prälaten ein mutiges Glaubensbekenntnis abgelegt und seine in den berühmten 95 Thesen formulierte Kritik an der Kirche erneut wiederholt - anstatt sie wie gefordert zu widerrufen.

Sein entschiedenes Auftreten gegen den geschäftsmäßigen Handel mit Ablassbriefen und die Lehre von einem strafenden Gott hatten dem Mönch zuvor bereits die Exkommunikation durch Papst Leo X. eingebracht. Nun ist er "vogelfrei" und seines Lebens nicht mehr sicher. Die Wartburg wird sein Zufluchtsort. Hier hält er sich als Junker Jörg versteckt und macht sich schließlich an ein Projekt, das die deutsche Sprache entscheidend mitprägen wird: Die Übersetzung der Bibel ins Deutsche.

"Dem Volk aufs Maul schauen"

Das eine Deutsche existiert zu Luthers Zeit allerdings nicht. Ein Hochdeutsch, wie wir es heute kennen, ist noch in weiter Ferne. Vielmehr gibt es im Deutschland des 16. Jahrhunderts etwa zwanzig verschiedene Sprachen oder Dialekte. Grob lassen sich diese in zwei große Sprachgebiete aufteilen: das Oberdeutsch im Süden und das Niederdeutsch im Norden.

Die zerklüftete Sprachlandschaft macht Luthers Anliegen umso schwieriger. Er möchte für seine Übersetzung eine Sprache finden, die alle Leute verstehen. Man muss "dem Volk aufs Maul" schauen, ist er überzeugt. Das heißt: hören, wie die Menschen sprechen. Wörtliche Übersetzungen, wie sie in vorherigen Bibelübersetzungen zu finden sind, hält er für sinnlos. Ja, er amüsiert sich regelrecht über das in seinen Augen viel zu sklavische Festhalten am Original. Das Ergebnis würde kein Deutscher verstehen.

Sinn für Sinn statt Wort für Wort

Anders als seine Vorgänger will Luther deshalb nicht Wort für Wort, sondern Sinn für Sinn übersetzen. Er fragt sich: Wie muss ein "gut deutscher" Satz lauten, damit er die gleiche Bedeutung transportiert? Anders als seine Vorgänger wählt er als Vorlage bewusst den griechischen Urtext des Neuen Testaments - und nicht die durchs Übersetzen bereits verfälschte lateinische Version.

Die "Sächsische Kanzleisprache" bildet die Ausgangsbasis für Luthers deutsche Bibel. Die vor allem im behördlichen Schriftverkehr genutzte Sprache hat den Vorteil, dass sie geographisch wie sprachlich in der Mitte liegt und so in weiten Teilen Deutschlands verstanden werden kann. Doch auch umgangssprachliche Elemente aus Sprachräumen, die Luther kennt, gehen in die Übersetzung ein. So vereint Luther Niedersächsisch, Fränkisch, Ostniederdeutsch und viele weitere Sprachen in seinem Deutsch, das dadurch besonders lebensnah und volkstümlich wird.

In der Sprachwerkstatt

Seine unermüdliche Suche nach den richtigen Ausdrücken lässt Luther zu einem wahren Sprachschöpfer werden. Nicht nur, dass er durch seine Übersetzung Wörter aus dem Norden in den Süden bringt - Begriffe wie Lippe und Peitsche würde man in Bayern heute womöglich gar nicht verstehen, wenn Luther nicht gewesen wäre. Luther erfindet auch selbst neue Ausdrücke: Lückenbüßer, Morgenland, friedfertig und Machtwort beispielsweise stammen allesamt aus seiner Feder. Auch Metaphern und Redewendungen wie "Perlen vor die Säue werfen", "sein Licht unter den Scheffel stellen" oder der "Wolf im Schafspelz" gehen auf den sprachgewaltigen Reformator zurück.

Einige bereits geläufige Begriffe erhalten durch Luther wiederum eine neue Bedeutung. So ist der Pfaffe für seine Zeitgenossen noch ganz wertfrei ein Welt- oder Ordenspriester. Durch Luther bekommt er jedoch eine abwertende Konnotation. Das Wort fromm wird ursprünglich in einem säkularen Kontext verwendet und bedeutet so viel wie gut oder tüchtig. Erst Luther führt das Wort in die kirchliche Welt ein.

Die Lutherbibel - ein Bestseller

Innerhalb von nur elf Wochen fertigt Luther auf der Wartburg seine deutsche Version des Neuen Testaments an - ein Werk, das 220 Seiten umfasst. Als er im Jahr 1522 seinen Zufluchtsort verlässt, hat er das Manuskript im Gepäck. Bereits im September erscheint in Wittenberg die erste Auflage mit dem für die damaligen Verhältnisse sehr großen Umfang von 3.000 Exemplaren. Zwei Jahre später kommt auch Luthers Übersetzung des Alten Testaments heraus.

Die Lutherbibel verbreitet sich dank des Buchdrucks immens schnell - und mit ihr auch Luthers Sprache. Schon bald wird das Werk des Reformators auf den Kanzeln zitiert, im Schulunterricht verwendet und als Volksbuch geschätzt. Allerdings: Vielerorts müssen zunächst noch Übersetzungshefte zur Bibel gereicht werden, um unbekannte Begriffe nachschlagen zu können.

Eine Sprache für alle

Nach und nach aber setzt sich Luthers Deutsch in der Kirche und in Deutschland durch - die Weichen für die Entwicklung des Neuhochdeutschen sind gestellt. Nach etwa 100 Jahren wird die von Luther mitgeprägte Sprache in Norddeutschland zum schriftlichen Standard, ein weiteres Jahrhundert später dann auch im bayerisch-österreichischem Raum.

Auf der gesprochenen Ebene braucht es sogar noch länger, bis sich eine gemeinsame Sprache aller Deutschen herausbildet: Erst im 19. Jahrhundert entsteht ein überall geläufiges Einheitsdeutsch. Die deutsche Sprache hat sich seither kontinuierlich weiter gewandelt. Doch die Spuren von Luthers Vermächtnis sind auch in unserem modernen Gegenwartsdeutsch noch deutlich sichtbar.

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