70 Jahre Menschenrechte - Gleiches Recht für alle?
Leben & Lifestyle

70 Jahre Menschenrechte - Gleiches Recht für alle?

Bild: Foto: Bekoelber, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Es war eine Zeit, als die Menschheit gerade erst die Schrecken des Zweiten Weltkriegs hinter sich gelassen hatte: Solche menschenverachtenden Gräueltaten sollten nie wieder zugelassen werden – das beschloss die internationale Gemeinschaft mit der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945. Bereits auf der ersten Tagung dieser neuen Organisation sprachen die Staats- und Regierungschefs der Welt über ein Dokument, dass dies garantieren sollte: die spätere Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Acid Pics via flickr, CC-BY 2.0

Es war eine Zeit, als die Menschheit gerade erst die Schrecken des Zweiten Weltkriegs hinter sich gelassen hatte: Solche menschenverachtenden Gräueltaten sollten nie wieder zugelassen werden – das beschloss die internationale Gemeinschaft mit der Gründung der Vereinten Nationen im Jahr 1945. Bereits auf der ersten Tagung dieser neuen Organisation sprachen die Staats- und Regierungschefs der Welt über ein Dokument, dass dies garantieren sollte: die spätere Allgemeine Erklärung der Menschenrechte.

Gemeinfrei

Um eine Grundlage für die menschliche Gemeinschaft, für Frieden und Gerechtigkeit zu formulieren, kam schon bald danach ein Ausschuss aus Mitgliedern unterschiedlicher politischer, kultureller und religiöser Herkunft zusammen – angeführt von Eleanor Roosevelt, der Aktivistin und Witwe des ehemaligen US-Präsidenten. Nachdem dieser Ausschuss einen Entwurf ausgearbeitet hatte, wurde er von allen Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen gemeinschaftlich überarbeitet.

In einer Zeit, in der die Welt in östliche und westliche Blöcke geteilt war, erwies es sich als keine leichte Aufgabe, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Doch schließlich war es geschafft: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." Dies beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen gemeinsam mit 29 weiteren Artikeln am 10. Dezember 1948 in Paris.

Historisches Ereignis

Fortan galt, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat – unabhängig von seiner Herkunft, Hautfarbe oder Religion, seinem Geschlecht, Alter oder Vermögen. Dazu gehören zum Beispiel das Recht auf Meinungsfreiheit, Bildung und soziale Sicherheit, aber auch das Recht darauf, nicht diskriminiert, gefoltert oder willkürlich verhaftet werden zu dürfen.

"Ich habe deutlich wahrgenommen, dass ich an einem wirklich bedeutsamen historischen Ereignis teilhabe, bei dem ein Konsens über den höchsten Wert der menschlichen Person erzielt wurde", schrieb der Chilene Hernán Santa Cruz, Mitglied des Menschenrechtsausschusses rückblickend. "Ein Wert, der das unveräußerliche Recht hervorbrachte, frei von Not und Unterdrückung zu leben und seine Persönlichkeit voll zu entwickeln."

Universell – aber bedroht

Die damals verabschiedete Erklärung war ein Meilenstein in der Geschichte der Menschenrechte und diente als Vorbild für diverse weitere Menschenrechtsabkommen. Heute ist sie das am meisten übersetzte Dokument und hat auch 70 Jahre nach ihrer Verabschiedung nichts an Aktualität verloren. Dieses Jubiläum sollte eigentlich ein Grund zum Feiern sein – doch es gibt nicht nur Anlass, sich zu freuen.

Denn die Rechte, die für viele von uns heute so selbstverständlich sind, werden in vielen Teilen der Welt inzwischen wieder mit Füßen getreten. "Die Menschenrechte sind unteilbar und universell – das war die unmissverständliche Botschaft, als die Menschenrechte verabschiedet wurden. Heute allerdings ignorieren immer mehr Machthabende auf der ganzen Welt gezielt, dass Menschenrechte Völkerrechte sind", sagt Barbara Unmüßig, Stiftungsvorsitzende der Heinrich-Boell-Stiftung.

Пакко / CC BY-SA 3.0 (links), Shane T. McCoy, U.S. Navy (Public Domain; rechts)

Beispiel UN-Migrationspakt

"Im Namen von Religion oder Tradition stellen zunehmend mehr politische Akteure zentrale universelle Rechte und Werte in Abrede, oder erklären Minderheitenschutz und Religionsfreiheit mit rassistischen, sexistischen und immer häufiger mit völkischen Argumenten für obsolet", so Unmüßig weiter.

Dies lässt sich längst nicht nur in Autokratien, sondern zunehmend auch in demokratischen Ländern beobachten. "Ein aktuelles Beispiel ist der UN-Migrationspakt", sagt die Professorin für Menschenrechte an der Hochschule Coburg, Claudia Lohrenscheit. "Die Tatsache, dass auch von demokratischen Staaten so viel Widerstand gegen diese Mindeststandards für Flucht und Migration kommt, ist aus Sicht der Menschenrechte verstörend."

iStock.com, MilosMalinic

"Nicht verhandelbar"

Was tun? Jeder Einzelne kann dafür sorgen, dass Menschenrechte mehr Beachtung finden – zum Beispiel durch Engagement in Organisationen wie Amnesty International oder sozialen Projekten. Aber auch im kleinen Kreis zu Hause: "Jeder sollte sich Gedanken machen, was Werte wie Freiheit, Würde und Solidarität heute konkret bedeuten. Indem wir darüber mit Freunden und Familie sprechen, schaffen wir ein Alltagsverständnis und lassen Menschenrechte lebendig werden", meint Lohrenscheit.

Gleichzeitig dürfe das Eintreten für Menschenrechte aber nicht allein Aufgabe der Zivilgesellschaft sein, betont Unmüßig: "Die Charta schreibt die primäre Verantwortung der Staaten fest, die Menschenrechte zu garantieren, zu schützen und auch weiterzuentwickeln. Daher gehören Menschenrechte als Prinzip von Regierungshandeln in alle Ressorts und internationale Vereinbarungen. Denn Menschenrechte sind nicht verhandelbar – sie gelten für alle auf der Welt."

Weitere Artikel auf wissenschaft.de

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite