75 Jahre Casablanca: Ich seh dir in die Augen, Kleines
Leben & Lifestyle

75 Jahre Casablanca: Ich seh dir in die Augen, Kleines

Bild: Foto: Davidvraju, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Auf der Bestenliste der größten Liebesfilme aller Zeiten rangiert "Casablanca" auf Platz eins. Dorthin zumindest hat ihn das American Film Institute 2002 offiziell gewählt - noch vor "Vom Winde verweht" und der "West Side Story". Tatsächlich ist die unmögliche Romanze zwischen Humphrey Bogart als Rick und Inga Bergman als Ilsa bis heute eine der bekanntesten und beliebtesten Hollywoodschnulzen überhaupt.

Auf der Bestenliste der größten Liebesfilme aller Zeiten rangiert "Casablanca" auf Platz eins. Dorthin zumindest hat ihn das American Film Institute 2002 offiziell gewählt - noch vor "Vom Winde verweht" und der "West Side Story". Tatsächlich ist die unmögliche Romanze zwischen Humphrey Bogart als Rick und Inga Bergman als Ilsa bis heute eine der bekanntesten und beliebtesten Hollywoodschnulzen überhaupt.

Vielleicht liegt es an dem Charme der Hauptdarsteller oder an dem unter die Haut gehenden Liebeslied "As Time Goes By", mit dem der Barpianist Sam in den beiden Liebenden schmerzlich-süße Erinnerungen an ihre Affäre in Paris weckt - an eine Zeit, in der Ilsa dachte, dass ihr Mann, der tschechische Widerstandskämpfer Laszlo, womöglich tot ist. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die Dialoge mehr unsterbliche Filmzitate hergeben als jedes andere Drehbuch. Oder daran, dass "Casablanca" schlicht eine Essenz von allen nur denkbaren Liebesfilmen ist. Ein Feuerwerk der Klischees, aber gerade deshalb so gut.

Liebesschnulze mit Propaganda-Ambitionen

"Casablancas" Qualitäten als großes Melodrama sind unbestritten. Dabei wird manchmal vergessen, dass der Film zum Zeitpunkt seiner Entstehung auch als Propagandafilm gegen die Nationalsozialisten dienen sollte. Denn die Dreiecks-Liebesgeschichte zwischen dem amerikanischen Nachtklubbesitzer Rick, der jungen Norwegerin Ilsa und dem Widerstandskämpfer Laszlo ist auch eine Geschichte von politisch Verfolgten, die vor den Nazis aus Europa über Französisch-Nordafrika nach Amerika fliehen wollen.

Für Flüchtlinge wie Ilsa und Laszlo soll Casablanca das Tor in das verheißungsvolle Land hinter dem großen Teich sein. Doch viele von ihnen gelangen nicht über Casablanca hinaus, da der französische Polizeichef Louis Renault mit den Deutschen zusammenarbeitet. Auf der verzweifelten Suche nach Ausreise-Visa nach Lissabon, der einzigen noch neutralen Stadt in Westeuropa mit Atlantik-Schiffspassagen und Flugverbindungen in die USA, sucht das Paar das "Café Américain" auf. Dort treffen sie Ilsas ehemaligen Geliebten Rick. Eine Geschichte voller emotionaler Verstrickungen und Intrigen beginnt.

Traurige Kriegsrealität am Set

Die Botschaft war klar: Mit "Casablanca" sollte die amerikanische Öffentlichkeit, überzeugt werden, dass es geboten war, die Eroberungsfeldzüge Hitlers zu stoppen. Denn die Bevölkerung war damals mehrheitlich gegen eine Beteiligung der USA am Zweiten Weltkrieg. Im Film reagiert Rick dann auch zunächst abweisend wie seine Landsleute: "Ich halte für niemanden den Kopf hin". Ihm entgegnet ein anderer Barbesitzer: "Mein lieber Rick, wann wird Ihnen endlich klar, dass in der Welt von heute der Isolationismus keine zweckmäßige Politik mehr ist?"

Doch nicht nur das Drehbuch des heutigen Klassikers war vom Krieg beeinflusst: Der Film entstand mit knapp einer Million Dollar Budget unter den strengen Beschränkungen der Kriegswirtschaft - und auf dem Set vermischte sich das Dargestellte mit der traurigen Realität des Zweiten Weltkriegs auf einmalige Weise.

Denn wie die sich unter französischem Protektorat befindliche Stadt Casablanca, wurde auch Hollywood im Zweiten Weltkrieg zum Auffangbecken vieler heimatlos Gewordener. Der Regisseur Michael Curtiz, selbst ehemaliger jüdischer Emigrant, verschaffte etlichen kreativen Geflüchteten mit "Casablanca" einen Job. Er sorgte dafür, dass viele Nebenrollen mit Schauspielern besetzt wurden, die in Europa nicht nur ihre große Karriere, sondern auch ihre gesamte Habe zurückgelassen hatten.

Historisch überholt

Im Film opfert Rick am Ende sein privates Glück für die gute Sache und schließt sich der französischen Résistance an. Die politische Botschaft, die von der Geschichte ausgehen sollte, war zum Zeitpunkt der Uraufführung jedoch bereits historisch überholt. Nach dem Angriff der Japaner auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 war den Amerikanern die Entscheidung abgenommen: Jetzt mussten sie sich verteidigen, zumal auch das mit Japan verbündete nationalsozialistische Deutsche Reich sowie Italien den USA daraufhin den Krieg erklärten.

Als der in den USA mit drei Oscars ausgezeichnete Filmerfolg 1952 auch in Deutschland in die Kinos kam, war von dem Hintergrund, vor dem die Produktion entstanden war, nichts mehr zu sehen: Alle Hinweise auf den Weltkrieg und die Nazi-Herrschaft waren getilgt, der Film um 25 Minuten gekürzt. Der Grund: Die deutsche Niederlassung der Filmgesellschaft Warner Bros glaubte, dem deutschen Publikum sieben Jahre nach Kriegsende keinen Anti-Nazi-Streifen zumuten zu können.

Neu synchronisiert zum Kultstatus

Erst 1975 strahlte die ARD "Casablanca" neu synchronisiert und ungekürzt aus. Erst in dieser Version wurden die Dialoge zum größten Teil wörtlich übersetzt und brachten Zitate hervor, von denen sich manche zu geflügelten Worten entwickelten - zum Beispiel "der Beginn einer wunderbaren Freundschaft" oder "die üblichen Verdächtigen."

Einer der berühmtesten Sätze jedoch, den Rick mehrfach zu Ilsa sagt, kommt im Original anders daher als in der Übersetzung: "Ich seh dir in die Augen, Kleines" ist in der englischsprachigen Fassung "Here's looking at you, kid" - ein alter Trinkspruch, bei dem sich zwei Menschen gegenseitig zuprosten und sich durch das Glas in die Augen sehen.

Hätten die Übersetzer damals ihr Handwerk verstanden, hätte Rick in der deutschen Fassung so etwas sagen müssen wie "Ich trinke auf dein Wohl, Kleines" oder "Hoch die Tassen". Doch diese Sätze hätten wohl niemals dieselbe Wirkung entfaltet wie die Fehlübersetzung - und den Deutschen würde heute eines ihrer liebsten Filmzitate fehlen.

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite