Der 11. September 2001 markiert nicht nur für viele US-Amerikaner eine Zäsur. Vier Flugzeuge steuern an jenem Tag auf wichtige zivile und militärische Gebäude in den Vereinigten Staaten zu. Zwei von ihnen rasen am Vormittag kurz nacheinander in die Zwillingstürme des World Trade Centers, eines der höchsten Bürokomplexe in New York. Bilder von den einstürzenden Gebäuden gehen um die Welt: Bilder von vermeintlich stabilen Konstruktionen, die schnell wie Kartenhäuser bei einem Windstoß kollabieren, Bilder von fallenden Menschen – Bilder nach denen nichts mehr so ist, wie es einmal war.
Die von islamistisch-motivierten Terroristen aus Al Qaida-Kreisen organisierte Aktion nimmt fast 3.000 Menschen auf grausame Art das Leben. Sie versetzt eine Nation in Schock und stürzt die USA in einen Krieg gegen den Terror: Unter Präsident George W. Bush intervenieren die Vereinigten Staaten militärisch in Afghanistan, wenig später marschieren sie im Irak ein. Neben der verzweifelten Frage nach dem "Warum?" rückt in der Zeit nach dem Anschlag zunehmend eine weitere in den Vordergrund: "Wie sicher sind wir und wie können wir uns schützen?".
Trauer und Neuanfang
Inzwischen ist der "Angriff auf Amerika" fünfzehn Jahre her. Doch die Katastrophe ist nach wie vor präsent, ihre Folgen sind auf vielen Ebenen spürbar: emotional, körperlich und politisch. So ist dort, wo einst die Zwillingstürme in den Himmel ragten, ein neuer Riese entstanden. Das One World Center ist heute das höchste Gebäude von New York und ein unübersehbares Zeichen für den Neuanfang.
Doch auch Trauer und Gedenken haben am Ground Zero ihren Platz. Nach jahrelanger Bauzeit eröffnete Präsident Barack Obama im Mai 2014 das Mahnmal, das die Lücke, die der Tod tausender Menschen gerissen hat, auch baulich dokumentiert. Zwei große leere Stellen mit versenkt eingelassenen Wasserbecken erinnern an die einstigen Türme und die Opfer ihres Einsturzes, deren Namen in die Kupferumrandung gefräst sind.
Abschied nach fünfzehn Jahren
Jeder einzelne von ihnen hat im Leben seiner Angehörigen eine wohl nie mehr zu füllende Leere hinterlassen. Doch während manche Ehepartner, Eltern, Kinder und Freunde den schmerzlichen Verlust mit der Zeit zumindest ein wenig verarbeiten konnten und durch die Trauerarbeit vielleicht auf irgendeine Art und Weise damit abschließen konnten, war anderen diese Möglichkeit bislang verwehrt.
Das zeigt die Geschichte der Familie von Lawrence Stack: Knapp fünfzehn Jahre wartete sie darauf, dass doch noch sterbliche Überreste des Feuerwehrmanns identifiziert werden können. "Wochen wurden zu Monaten", sagte sein Sohn Michael Stack in einem Interview der Zeitung "New York Times". "Monate wurden zu Jahren." Er selbst sei am Tag der Anschläge zu den Trümmern des World Trade Centers geeilt und dann Tag für Tag zu den Ruinen zurückgekehrt. "Graben und schauen, suchen, hoffen."
Doch die Fahndung nach der Leiche des Vaters war bis heute vergeblich. Vor wenigen Monaten wurde Lawrence Stack trotzdem im Rahmen einer Trauerfeier beigesetzt. Statt seines Leichnams wurde eine zu Lebzeiten abgegebene Blutspende für die Beisetzung verwendet. Fünfzehn Jahre nach 9/11 konnte die Familie Lawrence nun Abschied nehmen – und hat endlich einen Ort zum Trauern.
Gesundheitliche Langzeitfolgen
Nicht weniger schwer als die seelischen Belastungen der Angehörigen wiegen offenbar noch immer die körperlichen Folgen der Terrorattacke. Wie die Centers for Disease Control and Prevention (CDC) in Atlanta berichten, haben gegenwärtig tausende Menschen mit den gesundheitlichen Folgen der Tragödie zu kämpfen. Demnach scheinen unter anderem etliche Krebserkrankungen auf den 11. September zurückzuführen zu sein.
Denn bei der Arbeit in den Trümmern haben Sanitäter, Aufräumarbeiter und Freiwillige erhebliche Mengen wahrscheinlich karzinogen wirkender Schadstoffe eingeatmet. Bei rund 5.441 Krebspatienten gehen die Behörden inzwischen von einem Zusammenhang der Erkrankung mit dieser Belastung aus. Die Zahlen könnten jedoch noch höher sein, weil sich längst nicht alle Betroffenen im Rahmen von Gesundheitsprogrammen registrieren lassen. Darüber hinaus hat die Schadstoffbelastung laut offiziellen Angaben bei mehr als 32.000 Menschen zu Atemwegsbeschwerden wie Asthma, chronischem Husten oder COPD geführt.
Sicherheitspolitik im Fokus
Politisch hat sich der Terroranschlag vor fünfzehn Jahren vor allem auf die Sicherheitspolitik der westlichen Länder und ganz besonders der Vereinigten Staaten ausgewirkt – eine logische Konsequenz: "Fast 3.000 Tote an Orten, an denen wir unseren normalen Alltag lebten – das gab mir zum ersten Mal das Gefühl, dass unser Heimatland wirklich verwundbar ist", hat Barack Obama einmal gesagt.
Als Folge ist in den USA eine Behörde mit umfangreichen Zuständigkeiten für die "Homeland Security" entstanden und die Sicherheitsbehörden wurden mit neuen Kompetenzen und vergleichsweise üppigen Ressourcen ausgestattet. Es galt, Fehler der Vergangenheit in Zukunft zu vermeiden. So kam im Nachgang des 11. Septembers etwa heraus: Die CIA hatte gewusst, dass zwei mutmaßliche Terroristen bereits wenige Monate vor dem Anschlag in die USA eingereist waren. Sie hatte jedoch versäumt, dem FBI Bescheid zu sagen – und wenig später entführten ebendiese Terroristen die 9/11-Flugzeuge.
"Never again"?
Auch an Flughäfen und in anderen öffentlichen Räumen hat sich seit dem Anschlag einiges getan: Milliarden Dollar teure Technik soll hier für mehr Sicherheit sorgen – von Kameras bis hin zu Strahlungsdetektoren. Im wahrsten Sinne des Wortes durchleuchtet zu werden, gehört in vielen Situationen inzwischen zum Alltag dazu.
Doch macht uns das wirklich sicherer? Der US-amerikanische Journalist Steven Brill sagt: Ja und nein. Zwar seien die Sicherheitsmaßnahmen sehr viel effektiver als noch vor fünfzehn Jahren. Gleichzeitig hätten die Bedrohungen überall auf der Welt zugenommen. Anschläge wie erst kürzlich in Paris oder Nizza seien eher mehr als weniger geworden.
Nach der Attacke vom 11. September verkündete Präsident Bush das Credo: "Never again – nie wieder." "Das ist in der heutigen Welt einfach unrealistisch", so Brills nüchternes Fazit. Fünfzehn Jahre nach dem Einsturz der Türme beschäftigt der Kampf gegen den Terror die Nationen der Welt wohl mehr denn je.


