Als Joachim Gauck am 23. März 2012 als neuer Präsident der Bundesrepublik Deutschland vereidigt wird, schaut er bereits auf sieben Jahrzehnte Lebenserfahrung zurück. Mehr als die Hälfte davon hat er in einem untergegangenen Staat verbracht – einem Staat, in dem er für Freiheit und Gerechtigkeit vehement kämpfen musste: der DDR.
Die DDR, ein Unrechtsstaat
Schon in jungen Jahren entwickelt der am 24. Januar 1940 in Rostock geborene Gauck in diesem Staat ein Gefühl dafür, was gerecht ist. Und was ungerecht. Im Alter von elf Jahren erlebt er mit, wie sein Vater völlig überraschend von der Volkspolizei verhaftet wird. Lange weiß die Familie nicht, wo der verurteilte "Spion" ist und ob er überhaupt noch lebt. Seit diesen Tagen ist die DDR für Joachim Gauck ein Unrechtsstaat. Sozialismus und Kommunismus erscheinen ihm suspekt.
Doch das Ereignis im Jahr 1951 ist nicht das erste Mal, dass sich der Junge mit Politik und Gerechtigkeit auseinandersetzen muss. Schon zuvor hat er seinen Vater einmal verloren. Der Kapitän, der im Zweiten Weltkrieg für das Aufspüren von Minen verantwortlich ist, gerät in Gaucks frühster Kindheit in Kriegsgefangenschaft. Scheinbar ganz ohne Grund.
Predigen gegen die Diktatur
Vielleicht sind es diese beiden Erlebnisse, die Joachim Gaucks Lebensthema vorgeben. Von seiner Jugend an, beginnt er sich politisch zu engagieren, setzt sich in seiner Heimat für Veränderungen ein und tritt immer wieder in Opposition zur DDR.
Das ändert sich auch nicht, als Gauck schließlich eine Karriere als Kirchenvater anstrebt. Er spricht nun von der Kanzel zum Volk und hält auch im Gotteshaus nicht mit seiner negativen Haltung hinter dem Berg. Immer wieder predigt Gauck "für die Hoffnung in der DDR" und "gegen den regierenden Staat".
"Die größten Tage in meinem Leben"
Der Stasi ist der kritische Pastor naturgemäß ein Dorn im Auge. Doch Gauck hat Glück: Trotz eines laufenden Verfahrens gegen ihn kommt es nie zu einer Verurteilung. Stattdessen kann sich Gauck weiter engagieren: Er wird Mitinitiator des kirchlichen und öffentlichen Widerstandes gegen die SED-Diktatur und leitet die wöchentlichen Friedensgebete, aus denen die Protestdemonstrationen hervorgehen – jene, die schließlich zum Mauerfall führen.
"Diese Tage werden immer die größten in meinem Leben sein", sagt der scheidende Bundespräsident in einem kürzlich ausgestrahlten Interview mit dem ZDF. Am 23. März vor fünf Jahren spricht ein Mann, der diese Erfahrungen als Wegweiser für seine Amtszeit nutzen will. Damals sagt er, er werde seine "Erinnerung als Kraft und Kraftquelle nutzen, um mich und uns zu lehren und zu motivieren."
Lehren aus der Vergangenheit
Lehren aus der Vergangenheit ziehen, das ist bereits Gaucks Motto, als er seine offizielle politische Laufbahn beginnt. Bei der Volkskammerwahl im Jahr 1990 wird er zum Abgeordneten für die Partei "Bündnis 90/ Die Grünen" gewählt. In dieser Position beschäftigt er sich mit der Arbeit der Stasi und fordert einen "Sonderausschuss zur Kontrolle der Auflösung" dieses Ministeriums.
Nach der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 wird Gauck Bundesbeauftragter für die personenbezogenen Unterlagen des ehemaligen Staatssicherheitsdienstes. Gleichzeitig tritt er aus seiner Partei aus und legt die Pastorentätigkeit nieder, um sich voll und ganz auf den neuen Job konzentrieren zu können.
Wulffs Nachfolger
Im Jahr 2000 endet Gaucks Amtszeit. Von nun an ist er vermehrt in den Medien zu sehen, unter anderem als Moderator von Polit-Sendungen. Ins Licht der Politik rückt er erst zwölf Jahre später wieder. Als Bundespräsident Christian Wulff nach weniger als zwei Amtsjahren zurücktritt, bringen SPD und Grüne den ehemaligen Pastor als Nachfolger ins Spiel. Am 18. März wählt ihn die Bundesregierung zum neuen Staatsoberhaupt.
Obwohl die Flüchtlingskrise und ihre Folgen für Deutschland damals noch genauso weit weg sind wie der sogenannte "Islamische Staat" und seine Attentäter, obwohl die Populisten in Europa noch nicht so sehr auf dem Vormarsch sind wie heute und sich wahrscheinlich niemand einen US-Präsidenten wie Donald Trump vorstellen kann, stellt Gauck schon damals skeptische Fragen: "Werden Menschen sich als Verlierer fühlen, wenn sie an den Rand der Gesellschaft geraten? Hat die europäische Idee bestand? Kann ein verbrecherischer Fanatismus friedliche Menschen bedrohen?"
Zudem spricht er das mangelnde Vertrauen der Menschen in die politischen Institutionen an, wünscht sich mehr Bürgerbeteiligung und eine Gesellschaft mit weniger Ressentiments und Europaskepsis.
"Demokratie unter Beschuss"
Heute – fünf Jahre später – haben sich viele seiner Befürchtungen von damals bewahrheitet. "Ich bin nun stärker von dem Bewusstsein beeinflusst, dass diesem demokratischen und stabilen Deutschland auch Gefahren drohen. Die liberale Demokratie und das politische und normative Projekt des Westens, sie stehen unter Beschuss", konstatiert Gauck in seiner Abschiedsrede.
Auch seine persönliche Bilanz fällt durchwachsen aus: Joachim Gauck, das war für viele ein Präsident, der die Macht des Wortes zu nutzen wusste – wie schon auf der Kirchenkanzel. Gauck, das war ein Präsident, der mit seiner Warmherzigkeit und Emotionalität anrührte und sich glaubhaft für Versöhnung einsetzte. Doch Gauck war auch einer, der immer wieder aneckte. So wird er von den Linken als "Kriegstreiber" erklärt, als er für eine stärkere Rolle der Bundeswehr plädiert. Für die Rechten ist er ein "Volkverräter", weil er sich für Flüchtlinge stark macht.
Wieder Privatperson
Manche sagen, er hat wichtige Themen vernachlässigt, für andere mischte sich Joachim Gauck als Bundespräsident zu viel in das politische Alltagsgeschäft ein. Befreit von den Grenzen seines Amtes wird er dies künftig zumindest wieder ohne angezogene Handbremse tun dürfen – und es aller Wahrscheinlichkeit nach auch tun. "Demokratie ist kein politisches Versandhaus", ist er schließlich überzeugt. Nur wer mitmacht, darf auch meckern. Ab jetzt macht Joachim Gauck das wieder als Privatperson.



