Von der Idee zu den Dreharbeiten für "Agora"
"Ich habe mich nie sonderlich für Wissenschaft interessiert", gibt Amenábar offen zu. "Das Wundervolle an diesem Projekt war für mich, mir die Welt der Wissenschaft von einem spirituellen und emotionalen Ausgangspunkt aus zu erschließen. - Unser Ziel bei diesem Film war es, die Vorgänge des Universums auf eine emotionale Weise zu untersuchen, all den Emotionen nachzuspüren, die durch die Beschäftigung mit den Rätseln des Kosmos entstehen.
Unser Entschluss, die Geschichte von Hypatia im vierten Jahrhundert zu erzählen, fiel nach einem sehr komplexen Auswahlprozess. Zuerst hatten wir eine Geschichte, die 2000 Jahre umspannt, vom geozentrischen Weltbild bis zur Relativitätstheorie, wir hatten jedes Detail recherchiert. Als wir uns dann mit Hypatia und ihrer historischen Epoche beschäftigten, stellten wir fest, dass es viele Verbindungen zu unserer heutigen Welt gibt, und das weckte unser Interesse. Alexandria symbolisierte eine Zivilisation, die langsam durch verschiedene Gruppen, vor allem religiöse Gruppen, zerstört wird. Für viele markiert die Zeit, in der Hypatia lebte, das Ende des Zeitalters der Antike und den Beginn des Mittelalters
Von Anfang an war mein Ziel bei diesem Projekt, formal gesprochen, den Zuschauern das Gefühl zu geben, einem CNN-Team dabei zuzusehen, wie es die Ereignisse des vierten Jahrhunderts dokumentiert. Dieses Gefühl der Dringlichkeit, der "Breaking News", war die Basis meines Ansatzes. Ich wollte mit einigen der etablierten Normen für Historienfilme brechen, nicht nur einfach von grandioser Musik untermalte Breitwandbilder und Weitwinkelaufnahmen drehen. AGORA ist eine Mischung aus Genauigkeit und Spektakel.
Ich wollte mich von der formalen Perfektion lösen, die diese Art von Filmen in der Regel auszeichnet. Wenn wir zum Beispiel eine Begegnung auf der Straße sehen, muss es so erscheinen, als ob die Kamera nicht alles perfekt aufnehmen kann, damit wir näher an die Realität herankommen und deutlich wird, dass in der Realität keine Perfektion möglich ist. Wir entschieden uns dafür, unmittelbare Zeugen der Ereignisse zu sein, die Dinge also nicht aus der Nahdistanz zu untersuchen, sondern sie aus einer gewissen Entfernung zu betrachten. Außerdem, und das ist besonders wichtig, wird Gewalt nicht als Spektakel inszeniert."
Internationale Besetzung
"Dieser Film wurde von Anfang an als internationales Projekt gepitcht, das in Englisch gedreht werden sollte, da wir von einem Budget von 50 Millionen Euro reden. Es wäre Selbstmord, zu glauben, dass ein Projekt dieser Größenordnung ausschließlich in Spanien realisiert werden könnte, mit spanischen Schauspielern und in spanischer Sprache, und dann darauf zu hoffen, dass das Investment sich refinanzieren könnte. Dies, und die Tatsache, dass Alexandria ein Schmelztiegel der Kulturen und Sprachen war, brachten mich auf den Gedanken, dass in seinen Straßen problemlos Englisch gesprochen werden könnte.
"Agora" ist die Geschichte einer Frau, einer Stadt, einer Zivilisation und eines Planeten. Die Agora ist der Planet, auf dem wir alle gemeinsam leben müssen. Wir haben versucht, die menschliche Realität im Kontext aller Lebewesen der Erde, und die Erde im Kontext des Universums zu zeigen, die Menschen als Ameisen und die Erde als kleine Kugel zu sehen, die zwischen vielen anderen Sternen ihre Kreise zieht. Deshalb spielten wir mit dem Perspektivwechsel. Manchmal wünsche ich mir, durch ein Guckloch zu schauen und die Vergangenheit genau so zu sehen, wie sie sich abgespielt hat, und sei es nur für fünf Sekunden oder fünf Minuten. Mit unserem Film haben wir versucht, den Zuschauern ein solches Guckloch in die Vergangenheit für zwei Stunden zu öffnen.
Ich möchte, dass meine Filme Reisen sind. "Agora" ist eine Reise durch Zeit und Raum. Die gesamte Erfahrung dieses Films war eine sehr leidenschaftliche, vom ersten Moment an, als Mateo Gil, Fernando Bovaira und ich begannen, von diesem Projekt zu träumen, bis heute, in der finalen Phase. Ich kann nur hoffen, dass die Zuschauer diese Leidenschaft ebenso empfinden wie wir. "Agora" ist in vieler Hinsicht eine Geschichte aus der Vergangenheit, die indirekt anspricht, was in der Gegenwart geschieht. Es ist ein Spiegel, in den die Leute blicken und, aus der Distanz von Raum und Zeit, erkennen können, wie wenig sich die Welt verändert hat.
Regie und Drehbuch Alejandro Amenábar
Der spanische Regisseur Alejandro Amenábar, 1972 in Santiago de Chile geboren und in Madrid aufgewachsen (seine Familie verließ wenige Wochen vor dem Militärputsch Augusto Pinochets das Land), hat eine rasante Karriere hingelegt. Mit jedem seiner Filme gewann er an internationaler Aufmerksamkeit hinzu. Seine letzten beiden Filme, "Das Meer in mir" und "The Others", wurden international gefeiert. "Das Meer in mir" mit Javier Bardem in der Hauptrolle gewann den Oscar als bester fremdsprachiger Film sowie 58 weitere internationale Preise.
Amenábar studierte Informationswissenschaften an der Madrider Universität Complutense, brach die Ausbildung allerdings bald ab, um sich seinem Hobby zu widmen. "Ich wollte schon immer Regie führen, auch als ich noch gar nicht wusste, was das eigentlich bedeutet", erinnert er sich. 1991 realisierte er seinen ersten Kurzfilm "La Cabeza", der bereits den Beginn seiner langjährigen kreativen Zusammenarbeit mit seinem Co-Autor Mateo Gil darstellt. Der Film erhielt einen Amateurfilmpreis. 1992 drehte er den 33-minütigen Thriller "Himenóptero", der bei Festivals in Alicante und Madrid mit Kurzfilmpreisen ausgezeichnet wurde. Himenóptero ist seitdem auch der Name von Alejandro Amenábars Produktionsfirma. 1994 schrieb und inszenierte er mit "Luna" einen weiteren Kurzfilm-Thriller, der ebenfalls Preise erhielt, diesmal für das Drehbuch und den Soundtrack (der auch von Amenábar stammte).
Über seinen Film "Agora" sagt Alejandro Amenábar: "Wie schon mein letzter Film "Das Meer in mir" hat mir "Agora" ein Gefühl von Frieden gegeben, weil er mir erlaubt, die Dinge aus einer relativen Perspektive zu sehen", sagt Amenábar. "Es ist wunderbar, am Leben zu sein, und noch wunderbarer, sich lebendig zu fühlen; dennoch sind wir ziemlich klein im Maßstab des Universums. Das Schwindelgefühl und die Unruhe, die daher rühren, dass wir von einem Weltall voller Sterne umgeben sind, stimuliert mich sehr, und ich hoffe, den Zuschauern wird es genau so gehen." Alejandro Amenábar, der von sich sagt: "Meine Filme geben keine Antworten, sondern stellen Fragen", lebt seit 2004 offen homosexuell.



