Fast sein ganzes Leben lang beschäftigte sich der Chemiker mit Sprengstoffen und deren Weiterentwicklung. Ohne drei wichtige Wegweiser wäre es aber vielleicht nie zu Nobels legendärem Erfolg gekommen. Doch welche Rolle haben sein Vater, ein Italiener und der Zufall wirklich im Leben des Schweden gespielt?
Zwischen Chemie und Literatur
Schon in jungen Jahren zeigt der 1833 in Stockholm geborene Alfred Bernhard Nobel eine Vorliebe für Chemie und Technik. Doch auch für die Literatur kann er sich begeistern. Nach Ansicht von Nobels Vater, selbst leidenschaftlicher Ingenieur der Waffen- und Sprengmitteltechnik, scheint diese kulturelle Ader für seinen Sprössling aber wohl keine Option mit Zukunft zu sein.
Um dem Sohn derartige Flausen gleich wieder aus dem Kopf zu schlagen, organisiert er schon früh Privatunterricht mit Schwerpunkt auf dem Gebiet der Chemie. Zudem schickt er seinen Jungen mit 17 Jahren auf eine zweijährige Studienreise, auf der Alfred Nobel verschiedene Labore in Deutschland, Frankreich und den USA besucht. So stellt Nobels Vater letztlich die Weichen für dessen wissenschaftliche Karriere.
Sprengkraft in Tropfen
Während Nobel selbst noch in der Ausbildung ist, findet ein weiteres wichtiges Schlüsselereignis auf dem Weg zur Erfindung des Dynamits statt: Der Italiener Ascanio Sobrero entdeckt den ersten Flüssigsprengstoff der Geschichte. In den Laboren des Pariser Chemikers Théophile-Jules Pelouze bringt er Glycerin mit einer Mischung aus Schwefel- und Salpetersäure zusammen und stellt so die hochexplosive Flüssigkeit Nitroglycerin her.
Die metastabile Substanz kann schon bei leichtem Druck oder kleinsten Erschütterungen explodieren. Dabei zersetzt sie sich in Sekundenbruchteilen zu Kohlendioxid, Stickstoff, Stickstoffmonoxid und Wasserdampf. Die entstandenen Gase nehmen ein viel größeres Volumen ein als der Flüssigsprengstoff vorher, sodass sie sich in Form einer Schockwelle ausbreiten - und mit dieser Sprengkraft großen Schaden anrichten können.
Das zerstörerische Potential erlebt der Entdecker am eigenen Leib: Mehrfach fliegt ihm bei Experimenten der Versuchsaufbau in die Luft. Sobreros Gesicht ist von den schweren Verletzungen dieser Unfälle entstellt. Gezeichnet durch diese schmerzhaften Lehren, warnt der Forscher eindringlich vor den verheerenden Gefahren des Nitroglycerins, als er seinen Fund im Februar 1847 der Fachwelt präsentiert. In seinen Augen ist der Sprengstoff schlicht nicht handhabbar. Er hält einen praktischen kommerziellen Nutzen für ausgeschlossen.
Eine schicksalhafte Begegnung
Die Bemühungen von Sobrero, seine Erfindung möglichst wenig publik zu machen, sollten sich jedoch bald als vergebens erweisen. Denn während Nobels Studienreise macht dieser 1850 auch im Pariser Labor von Théophile-Jules Pelouze halt. Dort trifft er auf Sobrero und erfährt vermutlich zum ersten Mal von dessen Nitroglycerin: Eine Begegnung mit weitreichenden Folgen.
Als Nobel 1852 in die Fabrik seines Vaters in St. Petersburg zurückreist, spielt das Nitroglycerin zunächst jedoch keine Rolle. Er hat alle Hände voll im Familienunternehmen zu tun, das durch den Krimkrieg große Gewinne mit der Produktion von Waffen einfährt. Mit dem Ende des Krieges bleiben aber plötzlich die Aufträge aus und die Nobels geraten in finanzielle Schwierigkeiten.
Das Zähmen einer Bestie
Eine Lösung muss her - und sie heißt Nitroglycerin. Nobels Chemielehrer erinnert den jungen Unternehmer an das unausgeschöpfte Potenzial des Flüssigsprengstoffes. So kehrt Alfred Nobel 1859 schließlich in seine Geburtsstadt Stockholm zurück, um anzupacken, was Sobrero aus Respekt vor der Zerstörungskraft nicht wagte: Allen Warnungen zum Trotz will Nobel die kommerzielle Nutzung von Nitroglycerin ermöglichen - und der Familie so aus der wirtschaftlichen Krise helfen.
Die Arbeit mit Nitroglycerin ist wie erwartet kein leichtes Unterfangen. Aber 1861 gelingt es Nobel schließlich mit Hilfe seines Vaters, das "Sprengöl" in großtechnischem Maßstab herzustellen. Der Einsatz als Sprengstoff wird aber neben dem riskanten Transport noch durch die Tatsache erschwert, dass Nitroglycerin sich nicht einfach über eine Zündschnur zur Detonation bringen lässt, wie das sonst verwendete Schwarzpulver.
Doch nur zwei Jahre später findet Nobel für dieses Problem eine Lösung: Er lässt sich einen raffinierten Zündmechanismus patentieren, der die kontrollierte Sprengung des Nitroglycerins aus sicherer Entfernung ermöglicht. Dazu hat der Erfinder ein spezielles "Zündhütchen" entwickelt. Über eine Lunte lässt sich darin eingebrachtes Knallquecksilber sprengen und bringt durch die entstehende Druckwelle dann das darunterliegende Nitroglycerin zur Detonation. Stoßempfindlich bleibt der Sprengstoff aber weiterhin.
Ein verheerender Zwischenfall
Die Gefährlichkeit des Nitroglycerins wird Nobel nur wenige Jahre später schmerzlich in Erinnerung gerufen: An einem Septembermorgen im Jahr 1864 schreckt ein lauter Knall die Anwohner im Süden Stockholms auf. Auf dem Anwesen der Nobels ist ein Laborgebäude, in dem 125 Kilogramm der zerstörerischen Substanz gelagert waren, in die Luft geflogen. Die Explosion kostet fünf Menschen das Leben, darunter auch Nobels zehn Jahre jüngerer Bruder Oskar-Emil.
Doch weder der familiäre Verlust, noch das offizielle Verbot der Behörden, Nitroglycerin weiterhin auf bebautem Gebiet herzustellen oder zu lagern, bringen den wagemutigen Chemiker von seinem Vorhaben ab. Er umgeht die gerichtliche Verfügung einfach, indem er seine Forschung auf einen Schleppkahn verlagert, den er im Mälarsee vor der Stadt verankert. Hier brütet er weiter über seiner größten Herausforderung: den Transport und die Handhabung des Nitroglycerins endlich sicher zu machen.
Neuanfang in Krümmel
Noch ohne eine Lösung für das Transportproblem, expandiert 1865 Nobel nach Deutschland, wo gerade der Bergbau boomt und die Ausweitung des Bahnschienennetzes Hochkonjunktur hat - gute Voraussetzungen für den Verkauf von seinem Sprengöl. Also veranlasst Nobel den Bau einer Sprengstofffabrik, für die er ein 42 Hektar großes Grundstück im Geesthachter Ortsteil Krümmel erwirbt - dort, wo heute das umstrittene Atomkraftwerk steht.
Doch die extreme Stoßempfindlichkeit des Nitroglycerins fordert weiter ihren Tribut. Im Dezember 1865 explodiert eine Korbflasche des Sprengstoffs in einem New Yorker Hotel. Fünf Monate später geht ein Dampfer mit der explosiven Fracht vor Panama in Flammen auf - und sinkt mit der 47 Mann starken Besatzung. Im Mai 1866 kommt es im Werk in Krümmel selbst zu einer verheerenden Explosion, die Große Teile der Fabrik in Schutt und Asche legt. Der Druck von Öffentlichkeit und Gesetzgeber steigt und auch Nobel weiß: Die Zerstörungskraft von Nitroglycerin muss endlich kontrollierbar werden.
Zufall oder nicht?
Im selben Jahr, in dem es in Krümmel zur Explosion kommt, macht Alfred Nobel dann die Entdeckung seines Lebens. Schon lange hatte er nach geeigneten Absorbermaterialen für das tückische Nitroglycerin gesucht: Schwarzpulver, Holzkohle, Sägespäne, Zement, Ziegelmehl - nichts hatte das gewünschte Ergebnis gebracht.
Doch 1866 kommt ihm der Zufall zu Hilfe - so lautet zumindest die nicht belegbare Legende: Als Nobels Blick auf ein Leck in einem Nitroglycerin-Behältnis fällt, bemerkt er, dass der Flüssigsprengstoff vom umgebenden Dämmmaterial aufgesogen ist. Die Flaschen waren in Kieselgur eingebettet, um die empfindliche Fracht einigermaßen gegen Erschütterungen abzuschirmen. Das feine Pulver aus Algenschalen hatte mit dem ausgelaufenen Nitroglycerin eine formbare Masse gebildet, die Nobel zu einem längst überfälligen Ziel führte: der Geburtsstunde des Dynamits.
Dass die Entdeckung des Dynamits bloß ein Zufall war, bestreitet Nobel später in mehreren Briefen. Wie es wirklich zu der Erfindung kam, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Fest steht aber, dass Alfred Nobel am siebten Mai 1867 das Patent auf seine Erfindung erhält und mit dem Dynamit unter anderem den Weg für Großbauprojekte wie den Panamakanal oder den Bau des Gotthard-Tunnels ebnet. Doch die Zerstörungskraft von Nobels Erfindung wird auch für finstere Zwecke missbraucht: Zahlreiche Menschen sterben bei Attentaten oder Kriegshandlungen durch die Sprengkraft von Dynamit.
Das Vermächtnis lebt weiter
In den letzten Jahren seines Lebens macht Alfred Nobel mit seiner Erfindung ein Vermögen -und schafft ein bleibendes Vermächtnis. Denn nicht nur das Dynamit erinnert an den erfolgreichen schwedischen Chemiker. Auch sein Nachlass sorgt jedes Jahr am 10. Dezember für Schlagzeilen.
Immer zum Todestag des berühmten Erfinders werden nämlich die Nobelpreise verliehen: eine Auszeichnung für bedeutsame wissenschaftliche Entdeckungen, die Alfred Nobel im Rahmen seines Testamentes ins Leben gerufen hat – quasi als Wiedergutmachung für die "dunkle Seite" seiner Erfindung. Die Preisgelder von gut 800.000 Euro für jede der fünf Kategorien werden bis heute aus den Zinsen und Einnahmen seines Nachlasses gedeckt.



