Alltags-Kunst: Das verraten Tisch-Kritzeleien über uns
Leben & Lifestyle

Alltags-Kunst: Das verraten Tisch-Kritzeleien über uns

Bild: Foto: Unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Ob geometrische Formen, Blütenmuster oder Karikaturen: Wenn wir bei einem Meeting, in der Schule oder an der Universität sitzen, beginne wir oft unwillkürlich, herumzukritzeln. Wie zeichnen auf der Schreibunterlage oder einem Block herum, malen Buchstaben oder abstrakte Formen. Typischerweise entstehen solche kleinen Kunstwerke des Alltags, während unser Kopf gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist.

Timo Schäferkordt

Ob geometrische Formen, Blütenmuster oder Karikaturen: Wenn wir bei einem Meeting, in der Schule oder an der Universität sitzen, beginne wir oft unwillkürlich, herumzukritzeln. Wie zeichnen auf der Schreibunterlage oder einem Block herum, malen Buchstaben oder abstrakte Formen.  Typischerweise entstehen solche kleinen Kunstwerke des Alltags, während unser Kopf gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist.

Kritzelkunst im Uni-Hörsaal

Was aber steckt hinter den Kunstwerken auf Tischen und Notizzetteln und was passiert dabei in unserem Kopf? Das haben nun Psychologen der Technischen Hochschule Ostwestfalen-Lippe näher untersucht. Konkreter Anlass dafür war ein Hörsaal, der saniert werden sollte. Im Laufe von Jahrzehnten haben Studierende der Medienproduktion auf den Tischen und Stühlen des Hörsaals unzählige kleine Kunstwerke hinterlassen. In Vorlesungen und Seminaren haben sie die Tische in ihrem Hörsaal mit bunten Zeichnungen, Sprüchen und Liebeserklärungen bemalt.

"Diese Tische sind in gewisser Weise ein Dokument der Zeitgeschichte, deshalb werden wir sie auf jeden Fall aufbewahren, auch wenn unsere Studierenden jetzt in neue Hörsäle und Seminarräume nach Detmold ziehen, die übrigens gerne noch eine längere Zeit neu aussehen dürfen“, erklärt Guido Falkemeier, Dekan der Medienproduktion. Die schönsten Tisch-Kunstwerke aus den vergangenen Jahrzehnten wurden nun fotografiert und sind in einer Online-Ausstellung zu bewundern.

Wer kritzelt, ist konzentriert

Was aber sagt es über uns aus, wenn wir beim Zuhören unwillkürlich rumkritzeln? Viele Vortragende und Lehrende sind eher wenig begeistert, wenn sich ihre Schüler und Studenten auf dem Mobiliar verewigen. Schließlich sollen sie konzentriert der Vorlesung lauschen, statt die Tische zu bemalen. Und die Kritzelei spricht eher für Langweile und Ablenkung – oder doch nicht?

Nicht unbedingt, erklärt der Psychologe: "Wer kritzelt, ist nicht zwangsläufig unaufmerksam, im Gegenteil. Wenn wir in einem Vortrag oder beim Telefonieren kritzeln, kann das sogar die Konzentration steigern", sagt Michael Minge, Professor für Innovationspsychologie an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe.  Aufmerksamkeit und Herummalen sind daher nicht unbedingt Gegensätze.

Stattdessen hilft das Kritzeln sogar, bei der Sache zu bleiben. Wie der Psychologe erklärt, aktivieren wir die Prozesse, mit denen wir Inhalte verarbeiten und wirken dem Abschweifen der Gedanken eher entgegen. "Studien belegen beispielsweise, dass die Gedächtnisleistung während des Kritzelns sogar um 30 Prozent gesteigert werden kann. Was bedeutet, dass man die Gedächtnisinhalte, die während des Kritzelns entstehen, nach ein paar Tagen um 30 Prozent besser abrufen kann", so Minge.

Was verraten die Motive der Kritzeleien?

Ein typisches Merkmal von Kritzeleien auf Tischen und Notizblöcken sind geometrische Figuren und florale Muster. Die finden sich auch auf den Hörsaal-Tischen zuhauf. Beide Formen haben eine Funktion: „Wer geometrische Formen malt, setzt sich intensiv mit einem Problem oder einer Fragestellung auseinander und versucht Struktur hineinzubringen", erklärt Minge. Einige geometrische Figuren wie beispielsweise Kästchen mit dunkler und heller Füllung können auch auf Entscheidungsprobleme hindeuten.

Blumen-Motive sind dagegen eher ein Ausdruck der Stimmung – sie vermitteln eine positive Haltung. "Entweder befindet sich die Person schon in einer positiven Stimmung oder sie möchte sich durch das Zeichnen gerne in eine solche Stimmung versetzen“, sagt der Psychologe. Ein weiteres häufiges Motiv ist ein stilisiertes Auge, das sich auch auf den Hörsaal-Tischen mehrfach wiederfindet. "Das Augenmotiv vermittelt gewissermaßen einen kritischen Blick auf sich selbst aber vielleicht auch auf ein bestimmtes Thema", so Minge.

"Ich war hier"

Noch häufiger aber als abstrakte oder florale Muster sind Namen und Buchstaben als Kritzelmotive. Dies führt der Psychologe auf den unbewussten oder auch bewussten Wunsch zurück, sich zu verewigen, individuelle Spuren zu hinterlassen. Diese Bedürfnis ist wahrscheinlich schon so alt die Menschheit selbst, wie steinzeitliche Höhlenmalereien bezeugen.

„Es ist ein wichtiges menschliches Bedürfnis, sich zu verewigen, zu dokumentieren: Ich war hier. Ganz gleich, ob mit vollem Namen oder mit Initialen“, erklärt Minge. „Oftmals kommt die Person nach langer Zeit an den Ort zurück, an dem sie ihren Namen hinterlassen hat. Und es gelingt ihr sehr gut, sich in die damalige Zeit zurückzuversetzen oder sich genau an die Situation zu erinnern. Ein schönes Beispiel hierfür ist das Herz von zwei Verliebten, eingeritzt in einen Baum.“

Weitere Artikel auf wissenschaft.de

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite