Die Ali-Kampagne: der Tanz auf dem Hochseil
In den 1970er Jahren stand Ali bereits im Herbst seiner großartigen Karriere. 1967 war dem zum Islam übergetretenen Schwergewichts-Weltmeister wegen Wehrdienstverweigerung der Titel aberkannt worden. Nach einer dreijährigen Zwangspause – es wären seine besten Jahre gewesen – kehrte er am 26. Oktober mit einem K.o.-Sieg in der dritten Runde gegen Jerry Quarry wieder in den Ring zurück.
Ali galt in der Vergangenheit als “Amerikas größtes Ego”, wie es der amerikanische Schriftsteller und Fan Norman Mailer einmal ausdrückte. Cassius Marcellus Clay – der seinen “Sklavennamen” ablegte und sich Muhammad Ali nannte – war in der Tat für einen schwarzen Boxer der 1960er Jahre alles andere als bescheiden. Er hatte eine provokative Kampagne unter der Parole “I am the Greatest” geführt. In einer bislang einzigartigen Form von Selbstinszenierung verkündete er erläuternd “Ich bin der großartige, kühnste, schnellste und schönste Berufsboxer der Welt” oder auch: “Ich bin so schnell, dass ich im Bett bin, bevor die Lampe ausgeht.”
Von seinem zehnten Kampf an hatte er die Runde angesagt, in der er seine Gegner k.o. schlagen würde. Das hörte sich dann so an und wurde auch eingelöst: “Moore in four” oder “Ich bin super, in der fünften fällt Cooper”. Das Zuschauerinteresse an seinen Kämpfen speiste sich zu einem großen Teil daraus, dass man dieses Großmaul endlich gestopft sehen wollte.
Wenn Ali in die Mikrofone dichtete (vielen gilt er als der erste Rapper), hörte sich das so an: “Ich habe mit einem Alligator gerungen/ Ich hatte Streit mit einem Wal/ Ich habe einen Blitz gefesselt/ Ich habe Donner eingesperrt/ Ich kann durch einen Hurrikan rennen/ Ohne nass zu werden/ Gerade letzte Woche habe ich einen Felsen erschlagen/ Einen Stein verletzt/ Einen Backstein ins Krankenhaus geschickt/ Ich bin so böse, ich mache sogar Medizin krank.”
Aber Ali war nicht nur ein Großmaul: Er war 1960 in Rom Olympiasieger im Halbschwergewicht geworden und hatte am 25. Februar 1964 den 5:1-Favoriten und Schwergewichts-Weltmeister Sonny Liston entthront. Und er war unbestritten der schnellste, beste und eleganteste Schwergewichtler seiner Zeit.
Ein schwieriges Comeback
Während Alis Zwangspause hatte jedoch ein anderer Boxer mit herausragenden Fähigkeiten den Schwergewichtstitel erobert, der Mann mit dem berühmten linken Haken, Joe Frazier. Am 8. März 1971 kam es zum Showdown: Wer ist der wahre Weltmeister? Noch nie standen sich im Ring zwei ungeschlagene Weltmeister gegenüber. Ali verliert im New Yorker Madison Square Garden nach Punkten. In der letzten, der 15. Runde, schickt ihn Frazier mit einer Linken sogar auf die Bretter. Alis Traum vom Titel ist vorerst ausgeträumt. 1973 folgte eine Niederlage gegen Ken Norton, in dem dieser Ali den Kiefer brach. Ali war an einem Tiefpunkt seiner Karriere angelangt. Dies galt allerdings auch für Joe Frazier, der am 22. Januar 1973 von einem Hünen namens George Foreman in der zweiten Runde ausgeknockt wird. Im Rückkampf besiegt Ali Frazier nach Punkten und erwirbt sich so das Anrecht auf einen Titelkampf gegen Foreman.
Für die Boxexperten war ersichtlich: Nach seiner erzwungenen Pause stand ein anderer Ali im Ring. Er hatte an Schnelligkeit eingebüßt und boxte insgesamt passiver, hatte aber an Schlagkraft und an Stehvermögen gewonnen. Unverändert blieb allerdings sein Hang zur Selbstdarstellung und zum Entertainment.
“Rumble in the Jungle”: George Foreman vs. Muhammad Ali (1974)
In einer afrikanischen Tropennacht in Kinshasa fand am 30. Oktober 1974 einer der größten Kämpfe des Jahrhunderts statt, den Ali durch k.o. in der achten Runde für sich entschied. “Der Größte” ist erneut Weltmeister. Es galt als ausgemacht, dass der 25-jährige Titelverteidiger George Foreman mit seiner ungeheuren Schlagkraft am 30. Oktober in Kinshasa den um sieben Jahre älteren Muhammad Ali aus dem Ring prügeln würde. Die Kampfführung Alis war jedoch ein Paradebeispiel des Erfolgs einer riskant gewählten Boxstrategie.
Von Beginn an versuchte Foreman Ali am Ringseil zu stellen und deckte ihn mit wuchtigen Schlägen ein. Dieser stand in Doppeldeckung, weit ins Seil zurückgelehnt, und nahm scheinbar alle Schläge. Er kann zwar nicht alles abblocken, aber irgendwie verkraftet er Foremans Treffer und schlägt gelegentlich hart und präzise zurück. Dazu spricht Ali andauernd auf Foreman ein und verspottet ihn, was den Weltmeister nur dazu bringt, die Wucht und Frequenz seines Schlaghagels noch zu erhöhen. In der achten Runde ist es soweit: Foreman ist so erschöpft, dass er kaum noch die Arme heben kann. Mit einer blitzschnellen Links-Rechts-Links-Kombination streckt Ali den Weltmeister zu Boden. Ein sensationeller K.o.-Sieg!
“Thriller of Manila”: Muhammad Ali vs. Joe Frazier (1975)
Es ist – wieder einmal – ein “Kampf des Jahrhunderts”. Der dritte Kampf Ali gegen Frazier am 30. September – bei fast hundert Prozent Luftfeuchtigkeit in Manila – ist der schwerste Kampf, den beide Boxer in ihren Karrieren geführt haben. Frazier ist berüchtigt für seinen Vorwärtsdrang und seine Hakenserien und macht ausgiebig von ihnen Gebrauch. Am Ende der sechsten Runde scheint es so, als ob Ali sich seines alten Rivalen nicht mehr erwehren kann. Der schlägt permanent auf die Arme Alis, bis diese fast taub sind, und an den Armen vorbei auf Alis Nieren. Beide Boxer verausgaben sich völlig.
Runde 13 und 14 sah beide Boxer taumelnd und im Clinch mit leichten Vorteilen für Ali. In Runde 14 muss Frazier schwere Kopftreffer einstecken. Am Ende der Runde klagt Ali seinem Trainer Dundee: “Meine Beine tragen mich nicht mehr.” Er ist bereit aufzugeben. Aber Angelo Dundee deutet in die andere Ringecke. Zur 15. Runde tritt Frazier nicht mehr an. Auch Ali knicken die Beine ein. Später wird er sagen, dass er im Ring dem Tod begegnet sei.
Ein Ende mit Schrecken
Am 15. Februar 1978 verlor Muhammad Ali seinen Titel gegen den Neu-Profi Leon Spinks, Goldmedaillengewinner von 1976, klar nach Punkten. Das Ende einer großen Karriere schien gekommen. Völlig überraschend gewann Ali jedoch den Revanchekampf im September. Der Grund: Spinks hatte zu viel vom süßen Leben eines Boxchampions gekostet. Im Juni 1979 trat Muhammad Ali zurück. Seine Gesundheit hatte schwer gelitten, erste Symptome der unheilbaren Parkinsonschen Krankheit, die mit Sprachstörungen und Schüttellähmungen einhergeht, traten auf. Mittlerweile war Alis früherer Sparringspartner Larry Holmes Weltmeister geworden. Ihn wollte Ali schlagen und noch einmal der Allergrößte sein.
Am 2. Oktober 1980 fand im New Yorker Madison Square Garden der Kampf statt, vor dem Freunde und Ärzte den 38-Jährigen gewarnt hatten. Es wurde eine Tragödie. Ali wirkte kraftlos und wurde zum Punchingball für den gutmütigen Holmes, der wiederholt flehentlich zum Ringrichter blickte, um diesen zu einem Abbruch zu bewegen. Viele Zuschauer wandten sich mit Entsetzen ab. Nach der zehnten Runde warf Angelo Dundee das Handtuch. Die Boxkarriere Muhammad Alis ging mit einem tragischen Schlussakkord und unter Buhrufen zu Ende. Heute hat sich das amerikanische Publikum mit seinem Ausnahmeathleten versöhnt. Unvergessen bleibt sein Auftritt bei der Olympischen Eröffnungsfeier in Atlanta, wo Muhammad Ali von tosendem Beifall umbrandet wurde: der Mann, der den Boxsport zu einer Kunst des 20. Jahrhunderts gemacht hat.
Buch-Tipps
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Harald Krämer & Fritz K. Heering: Muhammad Ali



