Leben & Lifestyle

Amok, Attentat und Terror

11. September 2001 - ein Tag, der im Gedächtnis bleibt. Das schlimmste Attentat in der Geschichte hat tiefe Spuren hinterlassen; die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers haben unser Denken verändert. Seit den Anschlägen islamischer Extremisten in New York und Washington ist Terror alltäglich. Können wir uns noch sicher fühlen, wenn Täter keine Furcht davor haben, ihr eigenes Leben zu verlieren? Schließlich macht die Gewalt auch vor unseren Grenzen nicht halt, wie der Amoklauf am u.a. Erfurter Gymnasium beweist.

11. September 2001 - ein Tag, der im Gedächtnis bleibt. Das schlimmste Attentat in der Geschichte hat tiefe Spuren hinterlassen; die Bilder der einstürzenden Türme des World Trade Centers haben unser Denken verändert. Seit den Anschlägen islamischer Extremisten in New York und Washington ist Terror alltäglich. Können wir uns noch sicher fühlen, wenn Täter keine Furcht davor haben, ihr eigenes Leben zu verlieren? Schließlich macht die Gewalt auch vor unseren Grenzen nicht halt, wie der Amoklauf am u.a. Erfurter Gymnasium beweist.

Gewalt - ein Wesenszug des Menschen?

Fast hat es den Anschein, als sei Gewalt ein Wesenszug des Menschen. Dennoch löst jeder neue Anschlag Entsetzen aus - je näher der Tatort, desto intensiver die Reaktion. Die Überlebenden haben das Bedürfnis, schreckliche Verbrechen rational zu erklären; Politiker und Journalisten sind darin geübt. Besonders deutlich wird dies am Fall des Erfurter Robert Steinhäuser, der an seiner ehemaligen Schule 16 Menschen erschoss. Die Fragen kann keiner beantworten: War es die mangelnde Fürsorge der Eltern, der Leistungsdruck der Lehrer, die Beeinflussung durch brutale Videospiele, der Umgang mit Waffen im Schützenverein? All diese Deutungsversuche sind letztendlich unbefriedigend. Wir werden nie ganz verstehen, was Amokläufer und Attentäter antreibt - diese These vertritt der Soziologe Wolfgang Sofsky in seinem Buch Zeit des Schreckens. Amok, Terror, Krieg. Sofsky entwirft eine Typologie der Gewalt, die sich auch auf die jüngsten Anschläge anwenden lässt.

Amok - der Begriff

Die Tat selbst erscheint uns so fremd, dass wir ein Wort aus dem Malaiischen dafür verwenden: Amok. Der Begriff bedeutet wörtlich “im Kampf sein Letztes geben“. Amokkrieger in Südindien und Malaysia waren darauf trainiert, ihre Feinde ohne Rücksicht auf das eigene Leben anzugreifen. “Sieg oder Tod“ hieß die Losung der Elitekämpfer. Häufig endete diese Taktik im kollektiven Selbstmord. Heute verbinden wir mit dem “Amoklauf“ die Tat eines Wahnsinnigen, der aus blinder Wut handelt. Was aber unterscheidet den Amoktäter von anderen Mördern? Zwei Dinge: die Schnelligkeit der Tat und die Exzessivität. Der Soziologe Sofsky: “Augenblicklich erreicht die Gewalt ihren Höhepunkt. Sie will nicht martern oder quälen, sondern sofort töten. Wie das Attentat ist der Amoklauf Gewalt ohne Vorwarnung. Gegenwehr ist nahezu ausgeschlossen. Jählings durchbricht der Täter den Schutzwall der Normalität. Wo soeben die Menschen noch ihren Beschäftigungen nachgingen, ändert ein einziger Moment alles: blutende Körper, Geschrei, Fassungslosigkeit.“

Wilde Entschlossenheit

Mit Blindheit hat der Amoklauf im Grunde nicht viel zu tun. Der Täter handelt in einem Zustand äußerster Erregung und Konzentration - und meist frei von hemmender Angst. So wie Robert Steinhäuser in Erfurt. “Wäre er von blinder Wut geschlagen, so wäre der Amokläufer leicht zu überwältigen. Doch er bewegt sich zielsicher, verteilt die Waffen auf die Fensterbänke, deponiert Rohrbomben oder Handgranaten, nimmt nacheinander die Opfer ins Visier.“ Die wilde Entschlossenheit macht den Täter für seine Umwelt so gefährlich.

Der gekränkte Täter

Amokläufer richten ihren Hass oft gegen Kollegen oder Vorgesetzte. Bei Robert Steinhäuser waren es die Lehrer. Der Amoklauf eines Menschen sei oft die Entladung langfristig gehemmter Aggressivität, meint der Münchner Jugend-Psychiater Franz Joseph Freisleder. Der aufgestaute Hass “verkleide“ sich in Rache, für die dann Kollegen oder Vorgesetzte herhalten müssten. Laut Freisleder ist der Tatort oft als “Symbol der Kränkung“ einzustufen. Bei vielen Amokschützen handle es sich um unauffällige Einzelgänger, bei denen es plötzlich zu einer irrationalen Enthemmung kommt. Der Verlust eines Arbeitsplatzes allein könne aber nicht der alleinige Grund für solch folgenschwere Taten sein, meint der Experte.

Attentat - der Begriff

Im Gegensatz zum Amok hat das Attentat in unserer Kultur eine lange Tradition. Das Wort hat nichts mit der “Tat“ zu tun, wie man vermuten könnten. Es leitet sich ab vom Lateinischen temptare (versuchen, anpacken, angreifen). Die Abgrenzung zu anderen Formen der Gewalt ist nicht immer einfach, weiß der Historiker Alexander Demandt: “Attentat, politischer Mord und Überfall, Anschlag, Sabotage und Putsch, Staatsstreich und Palastrevolution gehen ineinander über. Wo Machthaber dieses Mittel verwenden, verzichten sie auf ein ordentliches Gerichtsverfahren. Das Attentat ist formlos, widerrechtlich und hinterhältig, anders als die konventionalisierten Konflikte des vereinbarten Duells oder des erklärten Kriegs.“

Das Profil des Attentäters

Als “Instrument der Kleinen gegen die Großen“ hat Demandt den gezielten Terrorakt bezeichnet. Oft sind die Motive unklar: Welche Rolle spielt die religiöse Verblendung, wie etwa bei den palästinensischen Selbstmordattentätern oder den Terroristen der Al-Qaida-Organisation? Wie groß ist der Anteil von Rachsucht und Geltungstrieb? Wie sehr werden die Täter von ihren geistigen Führern manipuliert? Trotz aller Unterschiede sieht Demandt gewisse Parallelen bei den Tätern. “Unter den Attentätern fällt ein bestimmter Typus ins Auge: der junge Mann, der eine traurige Jugend hatte, dem im bürgerlichen Leben der Erfolg versagt blieb, im Beruf wie in der Liebe, der als Einzelgänger und Eigenbrötler lebte, sich in eine Traumwelt hineinphantasierte und nun Rache am Schicksal nehmen will.“ Er setzt alles auf eine Karte, riskiert sein Leben und lenkt einmal die Blicke der Welt auf sich. Er will ein Zeichen setzen.

Kampf für ein "höheres Ziel"

Religiöser Fanatismus ist ein häufiges Motiv von Attentätern. Besonders wenn dem Mörder im Jenseits eine Belohnung winkt. Oft verfolgt der Täter ein “höheres Ziel“: den Kampf für die Freiheit, den Glauben oder die Gerechtigkeit. Die Reaktionen der Öffentlichkeit schwanken zwischen Abscheu und Begeisterung - im Gegensatz zum Amoklauf, der einhellig verurteilt wird. Auffallend ist, dass die Geschichte wenig Täterinnen kennt. Eine der bekanntesten war die Mörderin des französischen Revolutionärs Marat, Charlotte Corday. In Deutschland machten in den 1970ern die RAF-Terroristinnen Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin Schlagzeilen. Der Mord als symbolträchtiger Akt - ein Privileg zorniger, junger Männer? Es scheint so; auch wenn seit neuestem auch Selbstmord-Attentate von Frauen im Nahostkonflikt für Aufruhr sorgten. “Alte Männer begegnen uns unter den Attentätern nicht; Verwegenheit legt sich mit den Jahren“, glaubt Alexander Demandt.

Die berühmtesten Attentate der Geschichte

Das Attentat ist ein gezielter Terrorakt, häufig gegen eine führende Persönlichkeit. Das berühmteste Attentat der Antike war der Mordanschlag auf den Diktator Julius Caesar im Jahr 44 vor Christus. In der Spätantike gehörte das Attentat zu den beliebtesten Mitteln, unliebsame Herrscher los zu werden. Nicht einmal die Hälfte der römischen Kaiser starb eines natürlichen Todes. Im Mittelalter überwog der Glaube an die gottgewollte Herrschaft der Könige - ein Grund dafür, dass viele Herrscher eher durch Pest und Syphilis dahingerafft wurden als durch Meuchelmord. Der Fürst galt als heilige, unantastbare Person. Erst seit der Renaissance gewann die Idee des “Tyrannenmordes“ wieder Anhänger. Im Zeitalter der Glaubenskriege, die meist auch Bürgerkriege waren, gab es viele Attentate - dem berühmtesten fiel König Heinrich IV. von Frankreich 1610 zum Opfer: Er wurde in seiner Kutsche erstochen.

Aber nicht nur Alleinherrscher, auch der französische Revolutionär Marat (1793), die österreichische Kaiserin Elisabeth (1898) und der deutsche Reichsaußenminister Walther Rathenau (1922) verloren ihr Leben, weil sie zum Symbol eines verhassten Systems geworden waren. Dagegen scheiterten mehrere Attentate auf den Diktator Adolf Hitler, der ständig mit einem Anschlag rechnete. Der letzte Versuch missglückte am 20. Juli 1944, als Graf Schenk von Stauffenberg sein Ziel nur knapp verfehlte. Trotzdem gingen die Verschwörer als Helden in die Geschichte ein. Der Fall zeigt, dass es Situationen geben kann, in denen ein Anschlag moralisch geboten ist - und von der Nachwelt legitimiert wird.

Das folgenreichste Attentat der Geschichte war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand durch serbische Nationalisten in Sarajewo am 28. Juni 1914. Die Bluttat war Auslöser, nicht aber Ursache für den Ersten Weltkrieg (1914-1918), der die alte Ordnung in Europa zerstörte. Mindestens ebenso viele Legenden ranken sich um die Ermordung des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy im texanischen Dallas (23. November 1963). Mehr als 2000 Bücher sind über den Kennedy-Mord erschienen. Viele Menschen bezweifeln noch immer, dass Lee Harvey Oswald ein Einzeltäter war; auch wenn inzwischen als erwiesen gilt, dass er vom 6. Stock eines Schulgebäudes den Präsidenten im offenen Wagen traf. Ob Einzeltäter oder nicht - Oswald hatte ein bekanntes Vorbild: John Wilkes Booth, der am 14. April 1865 den US-Präsidenten Abraham Lincoln bei einem Theaterbesuch niederschoss.

Ganz anders waren die Umstände am 30. Januar 1948. An diesem Tag starb der indische Staatsmann Mahatma Gandhi, der sein Land in die Unabhängigkeit geführt hatte, bei einem Anschlag von Hindu-Nationalisten. Gandhi hatte es zuvor kategorisch abgelehnt, sich von Polizisten bewachen zu lassen. Deshalb konnte der Todesschütze Nathuram Gothse unbehelligt 20 Kugeln auf den Mann abfeuern, der absolute Gewaltlosigkeit gepredigt hatte.

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