Ein junges Volk ohne übergreifende Identität
Aber es gibt Teilerfolge: Unter der Präsidentschaft Nelson Mandelas haben sich die demokratischen Institutionen etabliert und der mit gewaltigen Risiken behaftete Transformationsprozess ist in friedliche Bahnen gelenkt worden. Das vormals wegen der Politik der Apartheid geächtete Land hat seinen Platz im Kreis der Völker wieder eingenommen. Mandelas Nachfolger Thabo Mbeki hat versucht, mit dem staats- und gesellschaftspolitischen Konzept der "African Renaissance" eine Rückbesinnung auf afrikanische Traditionen einzuleiten und diese mit einer modernen Staatsphilosophie zu verbinden.
Südafrika gilt heute als wirtschaftlich aufstrebendes Land und regionale Führungsmacht auf der Südhälfte des afrikanischen Kontinents.Wie aber steht es mit dem Reifeprozess innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft nach Ende der Apartheid? Was ist mit den Menschen? Es ist eine junge Gesellschaft voller Lebenskraft, Kreativität und Optimismus, deren innere Gräben allerdings unübersehbar sind. Diese Gräben verlaufen entlang der ethnischen Grenzen. Eine übergreifende südafrikanische Identität hat sich noch nicht herausgebildet. Das wagemutige Experiment, nach den Exzessen der Apartheid eine multiethnische Gesellschaft unter den Bedingungen einer gewaltigen sozialen Kluft und neu aufkeimender Stammesrivalitäten zu einer Einheit zusammenzuführen, geht weiter.
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Ein schwieriger Balanceakt
Ein Meilenstein in der Geschichte des neuen Südafrika waren die ersten freien, nichtrassistischen Wahlen vom April 1994. Wie wichtig dieser Urnengang besonders für die schwarze Bevölkerung war, zeigte sich an den drei Wahltagen selbst. Stundenlang harrten die Menschen in unendlich scheinenden Warteschlangen vor den Wahllokalen aus. Es war die erste Stimmabgabe ihres Lebens.
Als Sieger aus den Wahlen ging der ANC hervor, der 62,65 Prozent der Stimmen auf sich vereinigte und 252 von 400 Sitzen im Parlament errang. Insbesondere der im Mai per Akklamation zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählte Nelson Mandela stand vor einer gewaltigen Aufgabe. Zunächst galt es, die in mehr als 40 Jahren Rassentrennung aufgerissenen Gräben zu schließen. In seiner Regierungserklärung nannte er deshalb die Wiederherstellung der Menschenwürde und die Beseitigung der sozialen Unterschiede als vorrangige Ziele seiner Politik. Wollte er das Land wirklich in eine neue Ära führen, dann musste Mandela aber auch den weißen Südafrikanern eine Perspektive aufzeigen. Als Signal für die überwiegend weiße Geschäftswelt und ausländische Investoren beließ Mandela den Finanzminister und den Chef der Notenbank im Amt.
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Mbekis durchwachsene Bilanz
Als Thabo Mbeki 1999 das Präsidentenamt von Nelson Mandela übernahm, sollte der ANC-Slogan "better life for all2 endlich in die Tat umgesetzt werden. Mbeki galt zwar als volksferner Intellektueller mit wenig Charisma, aber auch als "Macher", dem Fortschritte im sozialen und wirtschaftlichen Transformationsprozess durchaus zugetraut wurden.
Die Bilanz seiner Amtszeit, die im September 2008 mit seinem Rücktritt vorzeitig endete, ist zwiespältig. Die von Mbeki propagierte "Transformation der Gesellschaft" ist nicht richtig vorangekommen. Zwar erfreute sich Südafrika in der Amtszeit Mbekis eines robusten Wirtschaftswachstums, die Armut im Land hat deshalb jedoch nicht wesentlich abgenommen. Die brutalen fremdenfeindlichen Ausschreitungen schwarzer Südafrikaner gegen im Land lebende Flüchtlinge aus Simbabwe im Jahr 2008 haben die Weltöffentlichkeit entsetzt. Seine schwer nachvollziehbare AIDS-Politik sowie die weiche Haltung Mbekis gegenüber dem simbabwischen Diktator Robert Mugabe waren seiner internationalen Glaubwürdigkeit alles andere als zuträglich.
Ganz anders Nelson Mandela: Der "Übervater" der südafrikanischen Nation ist auch im hohen Alter die maßgebliche moralische und menschliche Autorität am Kap und weit darüber hinaus. Unvergessen bleibt etwa seine Tanzeinlage mit Kanadas Premier Jean Chrétien. Der rastlose Brückenbauer und Versöhner bleibt der wichtigste Promotor und Garant des "neuen Südafrika".



