L'Oreal und Tchibo pokern um den Konzern
Ginge es nach Umsatz- und Gewinnentwicklung ihrer Marken Nivea, Atrix, Labello oder Hansaplast, könnte sich die Beiersdorf AG entspannt zurücklehnen. Zwar hat die Konjunkturflaute auch ihre Erfolgsdynamik gebremst, doch meldet das Hamburger Unternehmen weiter steigende Umsatz- und Ertragszahlen. Für Unruhe hat dagegen der Finanzkonzern Allianz gesorgt, der sich von seiner 43-Prozent-Beteiligung an Beiersdorf trennen will.
Prompt hat ein Übernahmepoker um den MDax-Konzern eingesetzt: Heißer Anwärter ist der Kaffeeröster Tchibo, dessen Eigentümerfamilie Herz bereits 30 Prozent an Beiersdorf besitzt und der sich durch einen Zukauf von bereits der Hälfte des Allianz-Pakets die Mehrheit sichern könnte. Der Kaffeeröster hat öffentlich sein Interesse an Beiersdorf bekannt: Seit Tchibo seinen Anteil am Zigarettenhersteller Reemtsma für etwa sechs Milliarden Euro an British Imperial Tobacco verkauft hat, verfügt das Unternehmen auch über das nötige Kleingeld für die Übernahme.
Doch auch die Konkurrenz, zum Beispiel die Konsumgüterriesen L'Oreal und Procter & Gamble, hat schon lange ein Auge auf den ertragsstarken Nivea-Hersteller geworfen. LOréal will Gerüchten zufolge bis zu 15 Milliarden Euro für Beiersdorf zahlen: Diese Spekulationen hatten die Beiersdorf-Aktie im Frühsommer auf ein Rekordhoch getrieben.
Mit seiner Kosmetik- und Pflegemittelmarke Nivea wäre Beiersdorf nach Ansicht von Analysten eine sehr gute Ergänzung für die französische L'Oréal, die bislang vor allem bei Haarpflegeprodukten eine starke Stellung hat. Für die freien Beiersdorf-Aktionäre wären die Franzosen der interessantere Partner, da L'Oreal bei einer Übernahme ein Abfindungsangebot abgeben müsste, das den Aktionären üblicherweise eine satte Prämie beschert. Tchibo, das bereits 30 Prozent hält, müsste bei einer Aufstockung seiner Anteile die Aktionäre dagegen nicht abfinden.
Beiersdorf kann auch alleine wachsen
Den Beiersdorf-Vorstand interessieren derlei Spekulationen weniger. Die seit Monaten herrschende Unsicherheit über die künftigen Mehrheitsverhältnisse und die Ausrichtung des Konzerns verunsichern die Mitarbeiter und erschweren das laufende Geschäft. "Längere Schwebezustände wirken sich niemals gut auf die ökonomische Prosperität aus", heißt es aus der Hamburger Konzernzentrale. Konzernchef Rolf Kunisch hofft noch immer darauf, dass die Allianz ihre Beteiligung behält und Beiersdorf aus eigener Kraft weiter wachsen kann. "Größere Konkurrenten werden uns kaum zu stärkerem Wachstum verhelfen", sagte Kunisch den Aktionären während der Hauptversammlung der Aktiengesellschaft.
Der Grund: Beiersdorf hat mit seiner Hauptmarke Nivea eine hervorragende Marktstellung. Eine Marke zum Marktführer in ihrem Segment zu machen und das Geschäft auf Basis dieser starken Marke dann weiter auszubauen, ist die Erfolgsstrategie des Hamburger Konzerns. Wenn Nivea nur noch eine Marke unter vielen in einem Konzern wäre, könnte sie an Stärke im Markt verlieren, fürchtet Kunisch.
Konzerne wie LOreal oder Procter & Gamble, die selbst viel Geld für die Vermarktung ihrer eigenen Kernmarken ausgeben, hätten wenig Anlass, die zusätzlich erworbene Marke Nivea ins Zentrum zu stellen. Mit einem Wachstum von rund 17 Prozent im Jahr 2001 hat Nivea die Konkurrenz ohnehin weit, weit abgehängt: Schwer vorstellbar, dass ein Wettbewerber da noch für zusätzlichen Schub sorgen kann.
Topmarke Nivea erobert Europa
Die Topmarke Nivea ist der Erfolgsgarant des Unternehmens, das in Hamburg knapp 5000 Mitarbeiter beschäftigt. Der Umsatz mit der blauen Marke habe sich während der vergangenen zehn Jahre vervierfacht, sagt Unternehmenssprecher Klaus Peter Nebel. Trotz weltweiter Rezession wurde der Umsatz mit Nivea-Produkten im Jahr 2001 noch einmal um 17 Prozent auf rund 2,5 Milliarden Euro gesteigert.
Vorstandsmitglied Uwe Wölfer sieht das Erfolgsgeheimnis in der konsequenten Markenstrategie: Nivea gehöre in den Sparten Gesichtspflege, Hautpflege und Sonnenschutz in Europa zu den Marktführern. Ist die Marktführerschaft erreicht, werde in neue Produktgruppen unter der gleichen Markenfamilie investiert: So kamen zur Hautpflege zum Beispiel Männerpflege-Produkte und Badeprodukte hinzu, die vom guten Namen profitieren. Eine noch junge Tochter ist die Kosmetiklinie Nivea Beauté, die in Deutschland bereits einen Marktanteil von rund zehn Prozent erreicht hat.
Der Konzern will Nivea mit dieser Strategie zur größten Körperpflegemarke der Welt ausbauen. Dabei setzt Beiersdorf vor allem auf Wachstum in Osteuropa. Die Zurückhaltung der Käufer trübt derzeit zwar das Geschäft in Deutschland, Japan und den USA, in den übrigen europäischen Ländern liegen die Wachstumsraten jedoch noch bei etwa zehn Prozent. In Polen hat Beiersdorf 1997 zum Beispiel die Pollena-Werke erworben und profitierte davon, dass die Marke „Nivea Krem“ in diesem wichtigen Markt bereits fest verankert war.
Bremsspuren in der Bilanz - Wachstum in Osteuropa
Die Konsumflaute wird allerdings trotz der Expansion in diesem Jahr Spuren in der Beiersdorf-Bilanz hinterlassen. Für 2002 werde ein Umsatzwachstum von nur noch knapp fünf Prozent auf 4,75 Milliarden Euro erwartet - im Jahr 2001 war der Umsatz noch um 10 Prozent geklettert. Der Überschuss wird im Jahr 2002 wohl nicht die erhoffte 300 Millionen Euro-Grenze knacken, schätzen Analysten - sondern bestenfalls leicht über Vorjahresniveau bei 285 Millionen liegen.
Angesichts dieser Bremsspuren sind die Aktien des Konzerns mit einem KGV von über 30 sehr ambitioniert bewertet - für das hohe Niveau sorgt indes die anhaltende Übernahmephantasie. Bei aktuell rund 90 Euro befinden sich die Beiersdorf-Aktien nahe am 52-Wochen-Tief von 89 Euro; das Allzeithoch hatte im Juni noch bei 144 Euro gelegen. Auf dem aktuellen Kursniveau wird das Hamburger Unternehmen mit knapp acht Milliarden Euro bewertet - für die europäische und amerikanische Konkurrenz selbst bei deutlichen Premiumaufschlägen ein bezahlbarer Preis.
Im Konzern selbst besteht angesichts des akuten Übernahmerisikos weiter die Hoffnung, dass man die aktuelle Nachfrageflaute auch weiterhin als eigenständiger Konzern durchstehen werde. Beiersdorf brauche beim Wachstum nicht unbedingt Hilfe von außen, hat Unternehmenschef Kunisch betont. Und zu der kräftigen Wachstumsdynamik könnte Beiersdorf bald zurückkehren, sollte die Nachfrage in USA und Westeuropa wieder anziehen. Bis dahin schreibt Nivea seine Erfolgsstory - vor allem in Osteuropa - weiter.



