Brasilien beim Nervenspiel glücklicher
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Brasilien beim Nervenspiel glücklicher

Bild: Foto: Markus Trienke, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Vor 94.194 Zuschauern im Rose-Bowl-Stadion in Los Angeles wurde erstmals eine Fußball-Weltmeisterschaft im Elfmeterschießen entschieden. Brasilien besiegte Italien mit 3:2. Zur tragischen Figur wurde Italiens Star Roberto Baggio mit seinem entscheidenden Fehlschuss.

Enttäuschendes Finale

Vor 94.194 Zuschauern im Rose-Bowl-Stadion in Los Angeles wurde erstmals eine Fußball-Weltmeisterschaft im Elfmeterschießen entschieden. Brasilien besiegte Italien mit 3:2. Zur tragischen Figur wurde Italiens Star Roberto Baggio mit seinem entscheidenden Fehlschuss.

Spielerisch war das Finale eine Enttäuschung, weil sich beide Mannschaften taktische Fesseln anlegten. Torszenen blieben Mangelware, sodass es auch nach der Verlängerung 0:0 stand. Um so spannender verlief das Elfmeterschießen. Italiens Libero Franco Baresi verfehlte schon beim ersten Versuch das Gehäuse. Dann hielt der italienische Schlussmann Gianluca Pagliuca den Schuss von Marcio Santos. Nach Toren von Demetrio Albertini und Alberigo Evani für Italien sowie Romario und Branco für Brasilien stand es 2:2. Brasiliens Schlussmann Taffarel wehrte einen Schuss von Daniele Massaro ab. Anschließend verwandelte Carlos Dunga zum 3:2. Schließlich lief Roberto Baggio an, der Italien mit fünf Treffern ins Finale geschossen hatte: Er jagte den Ball über den Kasten.

Brasilien ließ in sechs WM-Spielen insgesamt nur drei Gegentore zu und stellte mit dem fünffachen Torschützen Romario einen der großen Stars der 15. Weltmeisterschaft.

Um das Offensivspiel zu fördern, gab es in der Vorrunde erstmals drei Punkte für einen Sieg. Nur drei Spiele endeten nach dem Schlusspfiff torlos. Auch andere Neuerungen wirkten sich positiv aus: Die Schiedsrichter waren gehalten, Fouls strenger zu ahnden sowie Verzögerungen durch Nachspielzeit auszugleichen. Um Verletzungspausen abzukürzen und den Spielfluss aufrecht zu erhalten, wurden verletzte Spieler mit einer Trage vom Platz gebracht. Außerdem durften zwei Feldspieler und der Torwart ausgewechselt werden.

Zu den Schattenseiten des Turniers gehörte der "Fall Maradona". Nach dem 2:1 über Nigeria am 25. Juni wurde der argentinische Weltstar Diego Maradona, der den Zenit seines Könnens ohnehin überschritten hatte, des Dopings überführt und vom weiteren Verlauf des Turniers ausgeschlossen. Am 2. Juli wurde der kolumbianische Nationalspieler Andres Escobar in seiner Heimatstadt Medellín erschossen. Ihm war beim 1:2 gegen die USA ein Eigentor unterlaufen. Die zweite Niederlage bedeutete für Kolumbien das Aus nach der Vorrunde. Ein Augenzeuge will bei dem wahrscheinlich vom kolumbianischen Drogenkartell in Auftrag gegebenen Mord im Restaurant "Las Palmas" die Worte "Danke für das Eigentor" vernommen haben.

Überraschend rückten die international nur als zweitklassig eingestuften US-Boys in das Achtelfinale ein. Zum Star der Gastgeber, von dessen 22 Spielern 15 beim US-Fußballverband angestellt sind, wurde der Verteidiger Alexi Lalas mit seinem feuerroten Wuschelkopf. Am 4. Juli, ihrem Nationalfeiertag, scheiterten die USA auf dem Weg ins Viertelfinale mit 0:1 an Brasilien.

Neben dem neuen Titelträger und Italien, das hauptsächlich dank eines überragenden Baggio ins Finale gelangte, sorgten einige Außenseiter für Aufsehen. Die Rumänen um Regisseur Gheorghe Hagi schalteten in einem der besten WM-Spiele Argentinien mit 3:2 aus. Im Viertelfinale scheiterten sie mit 4:5 (nach Elfmeterschießen) an Schweden. Die Skandinavier errangen mit dem 4:0 über Bulgarien Platz drei und damit die beste Plazierung seit der Vize-Weltmeisterschaft 1958 im eigenen Land. Bulgarien drang bei seiner achten WM-Teilnahme erstmals ins Viertelfinale vor, warf Deutschland aus dem Rennen (2:1) und musste erst im Halbfinale gegen Italien mit 1:2 die Segel streichen.

Zahlenmäßig war die Weltmeisterschaft 1994 ein Turnier der Superlative. 3.650.326 Zuschauer in 52 Begegnungen (70.199 pro Spiel) bedeuteten Rekord. Insgesamt wurden 141 Tore erzielt, pro Spiel im Schnitt 2,71. Der Russe Oleg Salenko und der Bulgare Hristo Stoitchkov teilen sich mit jeweils sechs Treffern die WM-Torjägerkrone. Am 28. Juni schoss Salenko beim 6:1-Sieg der Russen gegen Kamerun in San Francisco allein fünf Tore. Dies bedeutete ebenfalls WM-Rekord: So oft hatte noch kein anderer Spieler bei einer Fußball-Weltmeisterschaft in einem Spiel ins Schwarze getroffen.

Zerstrittene Zweckgemeinschaft

Erstmals seit 1978 verfehlte eine deutsche Nationalmannschaft bei einer Weltmeisterschaft den Einzug ins Finale. Nach wenig überzeugenden Leistungen in der Vorrunde gegen Bolivien (1:0), Spanien (1:1) und Südkorea (3:2) und dem Ausscheiden im Viertelfinale gegen Bulgarien (1:2) musste Bundestrainer Berti Vogts herbe Kritik einstecken. U.a. wurde ihm vorgehalten, jüngere Spieler nicht ausreichend gefördert und bei der Mannschaftsaufstellung zu sehr auf seinen Mannschaftskapitän Lothar Matthäus gehört zu haben. Auf dem Platz standen meist acht oder neun Spieler, die bereits 1990 Weltmeister geworden waren.

Für negative Schlagzeilen sorgte der beim AC Florenz unter Vertrag stehende Stefan Effenberg. Er galt schon in Mönchengladbach und bei Bayern München als "Enfant terrible". Bei seiner Auswechslung im Spiel gegen Südkorea verabschiedete er sich mit ausgestrecktem Mittelfinger von den deutschen Schlachtenbummlern, die seine Leistung zuvor mit Pfiffen und Missfallenskundgebungen ("Effe raus!") quittiert hatten. Diese obszöne Geste nahm Vogts, unterstützt vom DFB-Präsidenten Egidius Braun, zum Anlass, Effenberg aus dem Aufgebot zu streichen. In der deutschen WM-Geschichte war dies zuvor nur dem Torhüter Uli Stein 1986 in Mexiko passiert, der vom damaligen Teamchef Franz Beckenbauer nach Hause geschickt wurde. Vogts erklärte nach der Affäre definitiv: "So lange ich Trainer bin, wird Effenberg nicht mehr für diese Mannschaft spielen."

Zunächst schien dieses Machtwort, das Quertreibern mit Starallüren das Wasser abgraben sollte, die Mannschaft zu beflügeln. Am 2. Juli wurde Belgien im Achtelfinale durch Treffer von Jürgen Klinsmann und zweimal Rudi Völler, der mit 34 Jahren ein glanzvolles Comeback in der Nationalmannschaft feierte, 3:2 besiegt. Das 1:2 gegen Bulgarien am 10. Juli in New York durch Tore von Hristo Stoitchkov und Yordan Letchkov – den Gegentreffer erzielte Matthäus – bedeutete dann das vorzeitige und enttäuschende Aus für die Deutschen. Berti Vogts, der sich nur mühsam aus dem langen Schatten seines Vorgängers Franz Beckenbauer lösen konnte, erklärte angesichts von Rücktrittsforderungen, er wolle Bundestrainer bleiben. Die Diskussion um die Trainerfrage verstummte erst, als Deutschland 1996 in England Europameister wurde. Seither heißt die Devise: "Die Mannschaft ist der Star."

Die Teilnehmer

  • Gruppe A: Rumänien, Schweiz, USA, Kolumbien
  • Gruppe B: Brasilien, Schweden, Russland, Kamerun
  • Gruppe C: Deutschland, Spanien, Südkorea, Bolivien
  • Gruppe D: Nigeria, Bulgarien, Argentinien, Griechenland
  • Gruppe E: Mexiko, Irland, Italien, Norwegen
  • Gruppe F: Niederlande, Saudi-Arabien, Belgien, Marokko

Weltmeisterschaft 1994

  • Viertelfinale
  • 9.7. Niederlande – Brasilien 2:3 (0:0)
  • 9.7. Italien – Spanien 2:1 (1:0)
  • 10.7. Bulgarien – Deutschland 2:1 (0:0)
  • 10.7. Rumänien – Schweden 4:5 n.E. (0:0, 1:1, 2:2)
  • Halbfinale
  • 13.7. Bulgarien – Italien 1:2 (1:2)
  • 14.7. Schweden – Brasilien 0:1 (0:0)
  • Spiel um den 3. Platz
  • Schweden – Bulgarien 4:0 (4:0)
  • Endspiel
  • Brasilien – Italien 3:2 n.E. (0:0)
  • Brasilien: Taffarel, Jorginho (21. Cafu), Aldair, M. Santos, Branco, Dunga, M. Silva, Mazinho, Zinho (106. Viola), Romario, Bebeto
  • Italien: Pagliuca, Mussi (34. Apollini), Baresi, Maldini, Benarrivo, Berti, Albertini, D. Baggio (95. Evani), Donadoni, R. Baggio, Massaro
  • Elfmeterschießen: Baresi schießt über das Tor, Pagliuca hält gegen Santos, 0:1 Albertini, 1.1 Romario, 1:2 Evani, 2:2 Branco, Massaro scheitert an Taffarel, 3:2 Dunga, Baggio schießt über das Tor

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