Seit dem 20.02.2002 versucht sich das mittelalterlich geprägte Brügge als Europas Kulturhauptstadt von seiner allerbesten Seite zu präsentieren. Gewiss: Noch immer umweht die im Schatten von Gent, Brüssel und Antwerpen stehende “flämische Kunststadt” der Hauch kleinstädtischer Beschaulichkeit. Doch dieses Image möchte man abstreifen und stattdessen in den modernen Chorgesang der europäischen Kulturmetropolen einstimmen. Allerdings machte der Wettergott am Eröffnungswochenende den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung: Ein Schneesturm fegte über Brügge hinweg, so dass Festtagsstimmung so ganz und gar nicht aufkommen wollte.
Brügge ist tot ... – oder doch nicht?
“Bruges-la-Morte“ - so lautet vielfach das vorschnelle Urteil über das ein wenig verschlafen anmutende Städtchen, das zwar während des Tages Tausende von Besuchern sieht, jedoch abends den Bürgern der Stadt zurückgegeben wird. Doch wer durch das abendliche Brügge spaziert, wird überrascht sein: Gambrinus-Freunde sind zum “Brugs Beertje“ unterwegs, um das ein oder andere der mehr als 300 dort ausgeschenkten Biere zu probieren. Zu Füßen des 88 Meter hohen Glockenturms reiht sich Restaurant an Restaurant - selbstverständlich mit beheizbaren Terrassen, ein Service, der dankbar angenommen wird. Scampi mit Knoblauch machen Appetit, und so probiert manch Neugieriger auch Kaninchen auf flämische Art. Im Cactus-Club gibt man sich abends dem Salsa-Fieber hin, während im “De Werf“ coole jazzige Klänge den Saal erfüllen. Im neuen Konzertgebäude kommen Freunde der Klassik auf ihre Kosten. So vergeht auch nachts die Zeit wie im Fluge.
“Straffe Hendrik“, St.-Johannes-Hospital, Festungsgürtel und mehr...
Am nächsten Morgen hört man bereits zu früher Stunde Hufgetrappel. Stimmengewirr fängt sich in schmalen Gassen. Im Hof der Brauerei “Straffe Hendrik” werden die ersten Gläser gehoben. Vor den Schaufenstern der Chocolatiers beäugt man Meerjungfrauen, Muscheln und Seesterne aus Schokolade. Nebenan ersteht der eine oder andere Besucher feinste Spitze. Kunstbeflissene strömen zum ehemaligen St.-Johannes-Hospital, um dort den Ursulaschrein des altniederländischen Meisters Hans Memling zu bewundern.
Nahe dem Beginenhof warten Kutscher geduldig auf Neuankömmlinge. Ein Schnalzen und ein Peitschenknall, schon geht es los: Im Schnelldurchgang des Pferdetritts ziehen gotische Treppengiebel, Backsteinfassaden und beeindruckende gotische Kirchen wie die Liebfrauenkirche vorbei. Der Blick steigt an dem sich in die Höhe reckenden Glockenturm empor. Die Entscheidung, ob man sich den mühseligen Aufstieg über 366 Stufen zumuten will, hebt man sich wohl lieber für später auf, zumal die Zeit eh nicht reicht, um alle 300 unter Denkmalschutz stehenden historischen Gebäude eingehend anzuschauen. Sicherlich wären auch der Festungsgürtel mit seinen Windmühlen, das Zentrum für Spitzen mit seinen nachmittäglich klöppelnden Damen oder die Heilig-Blut-Basilika einen Besuch wert. Man muss also wiederkommen, um so manchen verwunschenen Winkel zu entdecken. Gelegenheit dazu gibt es, wenn während der Heilig-Blut-Prozession am 9. Mai 2002 die Stadt zur Bühne wird: Hier wird Josef von seinen Brüdern verkauft, dort wird man der tanzenden Salome gewahr. Die Weisen aus dem Morgenland ziehen vorüber, und Jesus erscheint vor Pilatus.
Programmhighlights “Brügge2002”
Für Kunstfreunde ist die Ausstellung “Jan van Eyck, die altniederländischen Maler und der Süden” Anlass, zwischen März und Juni nach Brügge zu reisen. Dann sind Meisterwerke van Eycks aus Museen der ganzen Welt zu sehen, die u.a. mit Arbeiten von Hans Memling, Robert Campi, Dieric Bouts oder Rogier van der Weyden in einem repräsentativen Panorama die Malerei des 15. und 16. Jh. veranschaulichen. Gegenwartskunst begegnet man zwischen Mai und September unter dem Zeichen des “Oktopus”: Im Rahmen dieses Projektes wählen zehn Künstler acht Orte zwischen der Brügger Altstadt und dem Hafen von Zeebrügge aus, um an diesen Orten mit künstlerischen Mitteln und dem historischen Kontext zu experimentieren. Im Juni erwacht die Zeit der Hanse. Musica Antiqua ist im Juli/August den Liebhabern alter Musik vorbehalten, während im August europäischer Jazz Besucher von nah und fern in die Stadt zieht. Und mit dem Projekt “Kaapstad” gehört Brügge zwischen August und September der Jugend.
Ferdinand Dupuis-Panther
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