Bundestagswahl 2017: Was bringen TV-Duelle – und was erwartet uns diesmal?
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Bundestagswahl 2017: Was bringen TV-Duelle – und was erwartet uns diesmal?

Bild: Foto: Roman Eisele, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Am Sonntagabend geht der Wahlkampf in die nächste Phase: mit dem TV-Duell der Spitzenkandidaten. Vor der Kamera werden Angela Merkel für die CDU und Martin Schulz für die SPD Rede und Antwort stehen. Was dürfen wir dabei erwarten? Und was bringen solche TV-Duelle überhaupt? Ein Wahlkampf-Experte erklärt uns die Hintergründe.

Am kommenden Sonntag, dem 3. September, werden sich Angela Merkel und Martin Schulz zum schon traditionellen TV-Duell vor der Bundestagswahl treffen. Ganz nach US-Vorbild werden beide Kandidaten Fragen von Moderatoren live beantworten und zu bestimmten Themen Stellung nehmen. Die Idee dahinter: Ein solcher Schlagabtausch soll die Positionen der Kandidaten deutlicher machen und natürlich möglichst viele Wähler überzeugen.

Kaum Schlagabtausch, kaum Überraschungen

Doch was ist vom Duell Merkel versus Schulz zu erwarten? Nach Ansicht von Frank Brettschneider, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Hohenheim, dürfte das TV-Duell

kaum harte Schlagabtausche bringen: "Merkel und Schulz können bei ihrem Duell keine fundamentale Kritik aneinander üben, weil sie beide aus der Großen Koalition kommen. Ich vermute, dass das kein richtiger Schlagabtausch wird, sondern eher eine Orientierungshilfe für unentschiedene Wähler", so der Experte.

Hinzu kommt, dass beide Politiker keine Neulinge bei TV-Duellen sind: "Angela Merkel kennen wir sehr gut. Wir wissen, wie sie sich in TV-Duellen verhält und auf welche Themen sie setzen wird", so Brettschneider. Und auch Herausforderer Martin Schulz ist kein Unbekannter: "Erst 2014 hat er sich mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Junker ein TV-Duell zur Europa-Wahl 2014 geliefert."

Hintergründe zu TV-Duellen und was bei diesem Duell zu erwarten ist, erklärt Brettschneider nun im Interview. Er und sein Team haben bereits bei den letzten beiden Bundestagswahlen mit einem sehr aufwändigen Verfahren die Wahrnehmungen und die Wirkungen von TV-Duellen untersucht.

Mitmachen mit "Debat-O-Meter" und "Real Smart"

Wer das TV-Duell am Sonntagabend anschaut, kann direkt sein Feedback geben: Forscher haben gleich zwei Apps entwickelt, über die man Meinungen und Eindrücke zu den Kandidaten in Echtzeit rückmelden kann. Beim Debat-O-Meter wertet ein Team der Universität Freiburg die aus ganz Deutschland eingehenden Bewertungen und kann so auf die Sekunde genau feststellen, wie die Diskussionen jeweils wahrgenommen werden.

Alle Teilnehmenden erhalten im Anschluss eine individuelle Auswertung der eigenen Klicks, die zeigt, in welchen Themenbereichen sie näher bei einem der Kandidaten waren. Am nächsten Tag bekommt man auf Wunsch zudem eine detaillierte Gesamtauswertung zugeschickt. Wer mitmachen möchte, braucht nur ein Smartphone, ein Tablet oder einen PC mit Internetzugang.

Die App "Real smart" von der Universität Koblenz-Landau erfasst ebenfalls sekundengenaue Bewertungen während des Duells. Die App kann im Google Playstore kostenfrei heruntergeladen werden und ist mit einem Android Smartphone oder Tablet leicht zu bedienen. Unter allen Teilnehmern werden 50 Amazon-Gutscheine à 10 Euro verlost.

Was ist das Besondere an TV-Duellen?

Brettschneider: "TV-Duelle sind eines der wichtigsten Ereignisse in modernen Medienwahlkämpfen. In Bundestagswahlkämpfen haben sich TV-Duelle zwischen den Spitzenkandidaten inzwischen fest etabliert. Sie erreichen zahlreiche Wahlberechtigte. Beim letzten TV-Duell zur Bundestagswahl 2013 waren es über alle vier Sender hinweg insgesamt 17,6 Millionen Zuschauer. TV-Duelle können sich auf das Wissen, die Einstellungen und unter Umständen auch auf die Wahlabsicht der Wählerinnen und Wähler auswirken."

Wie wichtig sind TV-Duelle im Wahlkampf?

Brettschneider: "In TV-Duellen findet der Wahlkampf wie unter einem Brennglas statt. Kein anderes einzelnes Ereignis im Wahlkampf erreicht so viele Menschen wie das TV-Duell zwischen den Spitzenkandidaten um die Position des Regierungschefs. Keine andere Plattform bietet den Spitzenkandidaten eine solch herausragende Kommunikationschance. Sie können auf diesem Weg Anhänger mobilisieren und Unentschiedene von sich überzeugen."

Wer schaut TV-Duelle?

Brettschneider: "Neben den politisch Interessierten und den Parteianhängern werden TV-Duelle auch von denjenigen Wählerinnen und Wählern wahrgenommen, die über geringeres politisches Interesse und Wissen verfügen und die sich seltener aus anderen Quellen über Politik informieren. Oft setzen sie sich durch das TV-Duell zum ersten Mal intensiv mit den unterschiedlichen Positionen der Parteien auseinander."Und was bewirken TV-Duelle?

Brettschneider: "Die Wirkung hängt vom Verlauf des Duells und von den Voreinstellungen der Zuschauer ab. Diejenigen Zuschauer, die parteipolitisch weitgehend festgelegt sind, ändern ihre Meinung aufgrund des TV-Duells in der Regel nicht. Im Gegenteil: Sie nehmen das Geschehen durch ihre parteipolitische Brille wahr und werden in ihren Auffassungen sogar noch bestärkt.

Die unentschiedenen Wählerinnen und Wähler hingegen können durch TV-Duelle leichter beeinflusst werden. Sie orientieren sich dann in erster Linie an der wahrgenommenen Problemlösekompetenz der Kandidaten sowie an deren Führungsstärke und an ihrer Vertrauenswürdigkeit."

Die Wirkungen auf die Bewertung der Kandidaten sind also am größten?

Brettschneider: "Ja. Den Spitzenkandidaten kommt als Gesicht und Stimme ihrer Parteien eine besondere Bedeutung bei der Vermittlung von Themen und politischen Positionen zu. Die stärksten Effekte des TV-Duells zeigen sich bei den Kandidatenimages und bei der Bewertung der Kandidaten. Die Partei-Bewertungen werden hingegen vom Debattenverlauf weniger beeinflusst. Das Gleiche gilt für die Wahlabsicht. Aber bei einem knappen Wahlausgang kann ein TV-Duell durchaus die Wahl entscheiden – wie viele andere Faktoren auch."

Welche Debatten-Aussagen wirken am besten?

Brettschneider: "Allgemeine, wertbezogene Aussagen sowie emotionale Appelle der Debatten-Teilnehmer lösen bei den Zuschauern über die Parteigrenzen hinweg die größte Zustimmung aus. Das Gleiche gilt für Allgemeinplätze wie ‚Leistung muss sich lohnen‘ oder ‚Bildung darf nicht von der Herkunft abhängen‘. Angriffe auf den politischen Gegner polarisieren hingegen meistens. Die Angriffsstrategie kann sich aber auch gegen den Angreifenden selbst wenden – wenn er überzieht."

Wird Martin Schulz im TV-Duell Angela Merkel unter Druck setzen können?

Brettschneider: "Das wird er versuchen. Aber das wird sehr schwer. Er kann die Politik der Großen Koalition nicht wirklich hart kritisieren, weil seine eigene Partei daran mitgewirkt hat. Schulz hat somit kaum Ansatzpunkte. Er wird deutlich machen müssen, dass sich aus seiner Sicht in Deutschland etwas ändern muss. Viele Menschen wollen aber gar nicht, dass sich etwas Grundlegendes ändert. Wir können also eine Neuauflage von Merkels ‚Sie kennen mich‘ aus dem letzten TV-Duell erwarten. Wahrscheinlich wird eher Schulz unter Druck geraten, wenn es darum geht, mit welchen Koalitionspartnern er seine Positionen nach der Wahl realisieren will – Stichwort rot-rot-grün."

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