Businessmodell “Vergnügen”
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Businessmodell “Vergnügen”

Bild: Foto: Gerd Eichmann, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

“Die Kirmes ist des Volkes wahrer Himmel”, das wusste schon Johann Wolfgang von Goethe. Seit Jahren verzeichnen Freizeit- und Vergnügungsparks in Deutschland steigende Besucherzahlen. Neue Parks werden eröffnet, so zum Beispiel im Mai 2002 ein deutsches Legoland bei Günzburg. Parallel dazu strömen nach wie vor jedes Jahr Millionen Menschen auf die klassischen Volksfeste, Jahrmärkte und Kirmesveranstaltungen. Hier waren im Geschäftsjahr 2001 die Zahlen allerdings unter die Erwartungen. Dennoch ist die Freizeitgesellschaft auf dem Vormarsch: Im zehnten Jahr seines Bestehens hat das mit erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gestartete Euro Disneyland in der Nähe von Paris Fuß gefasst. Rechtzeitig zum Jubiläum eröffnete Euro Disney im März einen neuen Themenpark, die Walt Disney Studios.

Erfolg versprechendes Marketing: Innovation und Qualität

Fast schon als Kampfbegriff macht das Wort von der “Freizeitgesellschaft” die Runde. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass sich in Deutschland das Verhältnis von Arbeit und Freizeit in den letzten Jahren immer mehr zugunsten der Freizeit verschoben hat. Ein durchschnittlicher Arbeitnehmer hat heute dreimal so viel freie Zeit wie vor 50 Jahren. Die Freizeitindustrie reagiert darauf mit immer neuen Modellen des “Erlebnismarketings”.

Das sich daraus ableitende Erfolgsrezept für Vergnügungsparks kennt Christian Feuerhake, der Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Freizeitpark- und Freizeitunternehmen: “Jedes Jahr neue Attraktionen und ein qualitativ hochwertiges Gesamtangebot”.

Nach Einschätzung des Verbandes Deutscher Freizeitpark- und Freizeitunternehmen muss die Konsequenz aber nicht “Größe um jeden Preis” lauten. Der Verband sieht auch für kleine Vergnügungsparks gute Aussichten, wenn das Angebot stimmt. Letztlich zähle für den Besucher die Qualität. Denn es gilt: Nur wer sich amüsiert, seinen Alltag vergisst und sich nicht über einen schlecht geführten Park ärgert, ist bereit, Geld auszugeben. Diesem Rezept folgt auch Euro Disney.

Beispiel: Die Euro Disney-Story

Am 24. März 1987 unterzeichneten die französische Regierung, die Regional- und Planungsbehörden sowie die Pariser Verkehrsbetriebe mit der Walt Disney Company ein Abkommen “zum Aufbau und Betrieb von Euro Disneyland in Frankreich”. Es dauerte fünf Jahre, bis der Themenpark am 12. April 1992 seine Tore öffnete. Der Börsengang der Euro Disney-Gesellschaft erfolgte wesentlich schneller, nämlich schon 1989 an den Aktienmärkten von London, Paris und Brüssel. Im Mai 1994 erhält Euro Disney eine eigene Bahnstation des französischen Super-Schnellzugs TGV. Doch trotz aller Bemühungen muss die Aktionärsversammlung im selben Jahr wegen der finanziellen Startschwierigkeiten des Parks einen Rettungsplan beschließen. Letztlich mit Erfolg: Über die Jahre werden im Euro Disneyland immer neue Attraktionen aufgebaut. Die Auslastung der angegliederten Hotels steigt von bescheidenen 60 Prozent im Jahr 1994 auf 86 Prozent im vorigen Jahr. Am 10. Januar 2001 begrüßte Disneyland Paris den 100millionsten Gast.

Im Jahr 1999 nahm die Betreibergesellschaft 230 Millionen Euro Kapital auf, um den neuen Themenpark Walt Disney Studios zu finanzieren. Experten schätzen die Gesamtkosten auf über 500 Millionen Euro. Die Eröffnung fand am 16. März 2002 statt. Ziel der Betreiber ist es, durch immer neue und vielfältige Angebote die Aufenthaltsdauer der Gäste zu verlängern. Pro Gast soll mehr Umsatz erzielt werden. Im vergangenen Geschäftsjahr, das für Euro Disney am 30. September 2001 endete, ging die Rechnung auf. Die Zahl der Gäste wuchs um 1,7 Prozent auf 12,2 Millionen, die durchschnittlichen Pro-Kopf-Ausgaben erhöhten sich um 2,1 Prozent auf 43,1 Euro. Dennoch müssen Mickey Mouse und seine Freunde für ihr Geld hart arbeiten. Der Nettogewinn von Euro Disney sank 2001 um mehr als 20 Prozent auf 30,5 Millionen Euro.

Und dabei profitiert Euro Disney von einem einzigartigen Privileg, von dem andere Freizeitpark-Betreiber nur träumen können: Die französische Regierung räumt Euro Disney einen ermäßigten Mehrwertsteuersatz von 5,5 Prozent ein und verzichtet dadurch auf Einnahmen in Millionenhöhe.

Tradition ist Trumpf: Kirmes, Kerwe und Messe

Vorläufer und zugleich Konkurrenten der großen Freizeit- und Vergnügungsparks von heute sind die Volksfeste. Egal ob – je nach Region – Kirmes, Kerwe oder Messe, überall zieht es die Menschen seit jeher auf den Rummelplatz. In München ist es die Wiesn, in Stuttgart der Wasen, in Franken der Plan und in Oberbayern die Dult.

Einige der großen Volksfeste, zum Beispiel der “Cannstatter Wasen” oder das “Münchner Oktoberfest” haben ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. Sie waren zunächst landwirtschaftliche Leistungsschauen in Form von Ausstellungen und Wettbewerben wie Pferderennen oder Trachtenumzüge. Nur nebenbei boten sich den Besuchern Vergnügungsmöglichkeiten an Wirtsbuden und Gauklerständen. Eine seltene und willkommene Abwechslung für die Landbevölkerung. Inzwischen dominiert auf den Volksfesten dagegen das Freizeitvergnügen. Die Ursprünge sind meist in Vergessenheit geraten.

Schausteller – ein Leben auf Achse

Jährlich finden in Deutschland über 12 000 Volksfeste und Jahrmärkte statt. Hinzu kommen 1750 Weihnachtsmärkte, Tendenz steigend. Wer sind die Betreiber der Buden und Stände? Nach Angaben des Deutschen Schaustellerbundes (DSB) existieren hierzulande rund 5000 Schaustellerbetriebe. Sie werden überwiegend als Familienunternehmen geführt und ihre Zahl ist relativ konstant. Im Durchschnitt tritt jeder Betrieb auf 18 Volksfesten pro Jahr auf. Dabei hat die Saison nur 120 Tage, an denen effektiv Umsatz gemacht wird. Der Rest des Jahres entfällt auf die so genannten Rüsttage, also Auf- und Abbau sowie den Transport. Durchschnittlich sind die deutschen Schausteller 5000 Kilometer pro Jahr auf der Straße. Die Ruhezeit im Winter nutzen inzwischen viele, um an den immer beliebter werdenden Weihnachtsmärkten teilzunehmen. So können sie ihre Betriebskosten besser decken.

Wirtschaftsfaktor Volksfest

Gemessen an der Besucherzahl sind Volksfeste in Deutschland das bedeutendste Segment der Freizeitwirtschaft. Das ergab eine Studie, die das Bundeswirtschaftsministerium und der Deutsche Schaustellerbund durchführen ließen. Danach besuchten im Jahr 2000 über 170 Millionen Menschen die Volksfeste in Deutschland. Hinzu kamen etwa 50 Millionen Besucher von Weihnachts- und Jahrmärkten. Zum Vergleich: die 1. Fußball-Bundesliga zählt jährlich 9,3 Millionen Besucher in ihren Stadien.

Auf Volksfesten wurde im Jahr 2000 ein Bruttoumsatz von 3,94 Milliarden Euro erwirtschaftet. Damit gab jeder Besucher im Durchschnitt gut 23 Euro aus, für die veranstaltende Kommune bleiben davon jeweils 50 Cents zusätzliche Gewerbesteuer. So bedeutet das Oktoberfest für die Stadt München nicht nur eine unbezahlbare Imagewerbung in der ganzen Welt, sondern auch alljährlich Einnahmen in Millionenhöhe.

Umsatzeinbruch für Schausteller in 2001

2001 war für die deutschen Schausteller ein schwarzes Jahr: Sie erlitten im Vergleich zum Vorjahr einen Umsatzrückgang um 15 Prozent auf 3,35 Milliarden Euro. Ursachen waren der verregnete Sommer und die Terroranschläge vom 11. September in den USA. Aus Gründen der Pietät und der Sicherheit wurden kurz nach den Anschlägen zahlreiche Volksfeste abgesagt oder verkürzt. Aber auch die Transport-Beschränkungen wegen der Maul- und Klauenseuche und die schlechte Wirtschaftslage machten sich negativ bemerkbar. Etwas besser kamen die stationären Vergnügungsparks davon, berichtet der Verband Deutscher Freizeitpark- und Freizeitunternehmen (VDFU). Die Besucherzahlen sanken dort vor allem wegen des schlechten Sommers 2001 leicht, nicht aber wegen der Terroranschläge.

Falle: Investitionsbedarf stärker als Umsatz

Das schlechte Ergebnis aus dem Jahr 2001 wird den Druck auf die Branche erhöhen. Grundsätzlich sehen Experten zwar weiterhin gute Entwicklungsmöglichkeiten für die größeren Volksfeste. Viele kleine und mittlere Veranstaltungen waren hingegen auch schon vor dem schlechten Jahr 2001 in ihrer Existenz bedroht. Eine Ursache ist, dass die Attraktionen im Bereich der so genannten Fahrgeschäfte, also zum Beispiel die Achterbahnen, immer investitions- und kostenintensiver werden. Gleichzeitig veralten sie immer schneller. Folglich wächst der Investitionsbedarf stärker als der Umsatz. Finanzschwache Betriebe können nicht mithalten, geraten in einen Investitionsstau und verlieren an Attraktivität. So ergab die Studie des Wirtschaftsministeriums und des DSB, dass die Attraktivität von Volksfesten in den vergangenen Jahren nur für rund ein Viertel der Besucher zugenommen hat.

Buch-Tipps

Online bestellen:

Joachim Behrendt: Freizeit – Spaß und Ökonomie.

Rolf Lohberg: Freizeitparks in Deutschland

Odile Perrard: Disneyland Paris

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