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Corona: Warum wuchern gerade jetzt die Verschwörungstheorien?
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Leben & Lifestyle

Corona: Warum wuchern gerade jetzt die Verschwörungstheorien?

Der 15. Mai hätte der Tag sein sollen, an dem sich alles verändert. Zumindest wenn es nach Attila Hildmann gegangen wäre. Denn der Koch und Autor veganer Kochbücher hatte für diesen Tag das Ende der Demokratie angekündigt. Den Beginn der neuen Weltordnung. Sein Feindbild: Microsoft-Gründer Bill Gates, der mit seiner…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
4 Minuten
Rubrik
Leben & Lifestyle
Artikelbild

pixabay.com, Matryx

Der 15. Mai hätte der Tag sein sollen, an dem sich alles verändert. Zumindest wenn es nach Attila Hildmann gegangen wäre. Denn der Koch und Autor veganer Kochbücher hatte für diesen Tag das Ende der Demokratie angekündigt. Den Beginn der neuen Weltordnung. Sein Feindbild: Microsoft-Gründer Bill Gates, der mit seiner Stiftung eine Gesundheitsdiktatur errichten wolle. Passiert ist: Nichts.

Doch Hildmann erreicht mit seinen Thesen über die sozialen Medien hunderttausende Menschen. Und er ist nicht der einzige, der solche Botschaften teilt. "Krisensituationen provozieren Verschwörungstheorien. Überall, wo wir es mit Unwissenheit zu tun haben, haben solche Erklärungen einfaches Spiel", erklärt Niels Penke von der Universität Siegen. Der Literaturwissenschaftler beschäftigt sich mit den Ursprüngen und der Weiterverbreitung von Verschwörungstheorien. Penke spricht allerdings eher von Verschwörungsmythen, „denn einem Faktencheck halten die Theorien nicht stand“.

Verunsicherung bietet den Nährboden

Die Corona-Krise bietet gleich in mehrfacher Hinsicht einen Nährboden für Verschwörungstheorien  -aber warum? Ein Grund ist die Verunsicherung, die die Pandemie und die mit ihr verknüpften neuen Umstände hervorrufen. Plötzlich gilt vieles als gefährlich, das zuvor selbstverständlich und sogar erwünscht war. Gleichzeitig verlautbaren Politiker nahezu täglich neue Anweisungen und Richtlinien dazu, wie wir uns zu verhalten haben – auch das eine extrem ungewohnte Situation. Und es kommt hinzu, dass wir den eigentlichen Feind -das Coronavirus – nicht einmal sehen oder wahrnehmen können.

"Menschen haben ein Bedürfnis, Dinge zu erklären und vorherzusagen. Das gibt ihnen zumindest die Illusion von Kontrolle“, erklärt der Psychologe Andreas Kastenmüller von der Uni Siegen. Die Verschwörungstheorien können dabei helfen, diese vermeintliche Kontrolle zurückzuerhalten, ein positives Gefühl geben. "Verschwörungstheorien sind beliebt, weil sie einfach zu verarbeiten sind", sagt Kastenmüller.

Wunsch nach einfachen Erklärungen

Ein weiterer Faktor ist der Wunsch nach einfachen Erklärungen und ursächlichen Zusammenhängen:   Dass ein Virus durch eine Verkettung von Zufällen auf den Menschen überspringt und solch drastische Auswirkungen hat, akzeptieren Verschwörungstheoretiker nicht. Misstrauisch macht sie auch, dass Wissenschaftler und Politiker ihre Aussagen dem Kenntnisstand anpassen – und dieser verändert sich, je länger die Pandemie anhält und je mehr wir über das Virus und seine Auswirkungen erfahren. Denn auch für die Virologen ist SARS-CoV-2 ein ganz neuer, zuvor unbekannter "Feind".

„Sie erkennen Muster und schustern daraus Theorien zusammen. Je weniger Informationen ich habe – und im Falle des Coronavirus sind es sehr wenige – desto leichter ist es, eine eigene, zusammenhängende Geschichte zu entwickeln", erklärt Kastenmüller. Für Verschwörungstheorien sind dabei vor allem Menschen anfällig, die überwiegend intuitiv denken – und weniger analytisch.

Weltweit und gut vernetzt

Und noch etwas macht die Corona-Pandemie zu einem besonders guten Nährboden für Verschwörungstheorien: Anders als etwa beim Mord an John F. Kennedy oder den Anschlägen vom 11. September, sind diesmal Menschen auf der ganzen Welt betroffen – ob gesundheitlich als Risikopatienten, beruflich wegen Kurzarbeit und Arbeitsplatzverlust oder durch Einschränkungen im Alltag wie Kontaktverbot und Ausgangssperre.

„Die Beziehung zum Problem ist also anders. Und während viele versuchen, rational vorzugehen, suchen andere Umwege. Diese Umwege sind heutzutage näher als früher“, sagt Penke. „Über soziale Medien verbreiten sich die Inhalte von Verschwörungstheoretikern wie das Virus selbst quasi exponentiell.“ Prominente wie Xavier Naidoo und Attila Hildmann oder der ehemalige RBB-Journalist Ken Jebsen erreichen eine Vielzahl an Menschen.

Irgendwann wird das Thema dann auch von manschen klassischen Medien aufgegriffen. „Dann entsteht der Eindruck: Oh Gott, Verschwörungstheorien sind ja überall. Aber das ist ein Missverhältnis zwischen medialer Repräsentanz und der tatsächlichen Größe der Verschwörungsbewegung", sagt Penke.

Warum Verschwörungstheorien nicht ungefährlich sind

Dennoch warnt der Wissenschaftler davor, das Thema auf die leichte Schulter zu nehmen. „Die historischen Folgen von erfolgreich implementierten Verschwörungstheorien kann sich jeder ansehen: etwa Ritualmordlegenden als historische Begründung eines Antisemitismus, der bislang nicht wieder aus der Welt verschwunden ist.“ Dahinter stecke immer ein „Wir gegen die“. Feindbilder solcher Verschwörungstheorien können Regierungen, Medien oder der Kapitalismus sein, aber auch Gruppen wie Kranke.

"Die latente Gefahr ist: Verschwörungstheorien liefern immer auch Lösungen für die Probleme. Den entscheidenden Personen muss das Handwerk gelegt werden. Wie genau das aussehen soll, bleibt aber offen“, so Penke. „Nach dem Motto: Wir liefern euch den Bösewicht. Entscheidet ihr, was ihr mit ihm machen wollt.“

Wie soll man reagieren?

Was aber soll ich tun, wenn im WhatsApp-Chat die Nachbarin zum Protest aufruft oder der Onkel in Bill Gates die Wurzel allen Übels sieht? Keine leichte Situation, das sieht auch Andreas Kastenmüller so. „Anhänger von Verschwörungstheorien sind schwer von anderen Meinungen zu überzeugen. Sie suchen selektiv nach Informationen, die zu ihrer Meinung passen.“

Solche Ansichten einfach zu ignorieren ist allerdings nicht die beste Reaktion: „Wenn ich nichts sage, wird das als stillschweigendes Einverständnis angesehen. Man sollte auf jeden Fall sagen, dass man anderer Meinung ist“, so Kastenmüller. Dafür brauche es aber Zivilcourage und im Idealfall gute Argumente.

Doch auch wenn einem letztere gerade fehlen, solle zumindest die eigene Haltung deutlich gemacht werden. „Auch wenn ich meinen Onkel nicht überzeugen kann: Vielleicht liest im Chat ja jemand mit oder hört am Tisch jemand zu, der seine Ansichten überdenkt.“ Und dann ist der 15. Mai vielleicht doch nicht der Tag, an dem sich alles ändert, sondern genau das, was er schon immer war: einfach der 15. Mai.

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