"Die glücklichste Stunde"
Entsprechend einer Vereinbarung zwischen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) und DDR-Ministerpräsident Hans Modrow (SED) wird das Brandenburger Tor für Fußgänger geöffnet. Trotz strömenden Regens erleben mehrere Zehntausend Menschen, wie nach 28 Jahren der Trennung zwei Durchgänge rechts und links des Tores geschaffen werden.
Aus diesem Anlass sind außer den beiden Stadtoberhäuptern Walter Momper (West) und Erhard Krack (Ost) auch Kohl und Modrow erschienen. Während für Kohl die Öffnung des Tores eine "der glücklichsten Stunden" seines Lebens ist, nennt Modrow das Ereignis ein Zeichen der sich erneuernden DDR.
Das Wahrzeichen der Stadt wurde 1788 bis 1791 nach Plänen von Carl Gotthard Langhans erbaut und ab 1794 mit einer von Johann Gottfried Schadow entworfenen Quadriga gekrönt. Der prunkvolle Abschluss der Straße Unter den Linden wurde nach dem Bau der Mauer 1961 zum Symbol des Willens zur deutschen Einheit.
Übermütige Silvesterfeier
Über die Weihnachtstage und zum Jahreswechsel ist das Brandenburger Tor erneut Schauplatz eines Volksfestes. In der Silvesternacht besteigen übermütig Feiernde das Tor und beschädigen die Quadriga-Gruppe mutwillig. Erst am 15. Juli 1991 – nach sorgfältiger Restaurierung – blickt die Figur der Göttin Viktoria wieder über die Stadt.
Während an der Schnittstelle zwischen West und Ost gefeiert wird, steht die Frage eines Fortbestands der DDR auf der Tagesordnung. Bereits im November war der Slogan der Leipziger Montagsdemonstrationen "Wir sind das Volk" immer häufiger in "Wir sind ein Volk" geändert worden.
Zwischen Modrow und Kohl war am 19. Dezember in Dresden u.a. die Bildung einer Vertragsgemeinschaft zwischen beiden Staaten in Deutschland vereinbart worden. Auf einer Kundgebung vor der Ruine der Dresdner Frauenkirche nannte Kohl als Ziel seiner Politik, "wenn die Stunde es zulässt, die Einheit der Nation".
Viel stärker als von zahlreichen DDR-Oppositionsgruppen, aber auch von Politikern und Publizisten in der Bundesrepublik erwartet, kommt in der DDR die Forderung nach der Wiedervereinigung Deutschlands auf.



