Geschichte der Superlative
Seit sich die berühmte Anziehpuppe aus dem Haus Mattel im Jahr 1959 in ihrem neckischen schwarz-weiß gestreiften Badeanzug in New York der Öffentlichkeit präsentierte, hat Barbie einen unerreichten Siegeszug durch die Puppenstuben angetreten. Ihre Reise durch inzwischen 140 Länder wimmelt nur so vor Superlativen. Barbie ist die bekannteste und meist verkaufte Puppe der Welt und mit Abstand das stärkste Zugpferd des Spielzeugherstellers Mattel: Die geschäftstüchtige Superfrau soll mit 1,2 Milliarden Dollar Einnahmen für ein Fünfel aller Mattel-Umsätze verantwortlich sein. Noch.
Denn die Wirtschaftskrise und vor allem die Konkurrenzpuppe Bratz, die Barbie schon seit 2001 vom Spitzenplatz der begehrtesten Spielzeugblondinen zu stürzen versucht, bedeuten nichts Gutes für Mattel: Der Ertrag hat sich Ende 2008 beinah halbiert. Der Gewinn des Barbie-Herstellers brach im letzten Quartal 2008 um dramatische 46 Prozent auf 176 Millionen Dollar ein. Die Mattel-Aktie verlor zeitweilig rund 19 Prozent ihres Wertes. Wird Barbies glatte Stirn also bald von hässlichen Sorgenfalten zerfurcht und ihre blonde Mähne von stumpfen grauen Strähnen durchzogen sein? Oder wird die 52-Jährige die Krise in unberührter Schönheit überwinden? Die Zukunft wird's zeigen.
Poltical Correctness in der Puppenwelt
Widmen wir uns an dieser Stelle gesicherten Fakten: Barbie wiegt auf exakt 29,2 Zentimetern 206 Gramm. Ihre Originalmaße von 99-46-84 erregten die Gemüter besorgter Eltern und pikierter Feministinnen so sehr, dass Mattel 2003 eine realistischere Version mit etwas breiterer Taille, ein wenig ausladenderen Hüften und ein bisschen kürzeren Beinen auf den Markt brachte. Psychologen und Professoren hatten zuvor jede Menge imageschädigende Studien veröffentlicht, nach denen Barbiebesitzerinnen deutlich öfter zu Essstörungen neigen und unter Minderwertigkeitskomplexen leiden als Mädchen, die mit Teddybären und pummeligen Babypuppen kuscheln.
Trotz aller Kritik ist Barbie seit 1959 mehr als eine Milliarde mal über die Ladentische dieser Welt gegangen - in einem halben Dutzend verschiedener Varianten pro Jahr. Seit den 80er Jahren gibt sich Barbie übrigens politisch korrekt und erobert den jeweiligen Markt mit afroamerikanischen, hispanischen oder asiatischen Gesichtszügen. Kein Wunder also, dass laut Mattel über 90 Prozent aller drei-bis zehnjährigen Mädchen mindestens einmal im Leben eine Barbie besessen haben. Im Schnitt sollen es gar fünf Puppen pro Kind sein.
Während die ersten Barbies für drei bis vier Dollar den Besitzer wechselten, zahlen Sammler heute bis zu 21.513 Dollar für Originalpuppen von 1959.
Stilikone im Miniaturformat
Immer up to date war das keine 30 Zentimeter große Modepüppchen in den letzten 52 Jahren dank einer gewaltigen Riege von Kreativen. 15 Künstler braucht es allein, um eine neue Barbie zu kreieren. 100 Mitarbeiter sind für den Entwurf eines neuen Outfits zuständig. Insgesamt eine Milliarde Modeartikel aus 100 Millionen Meter Stoff haben Barbies Kleiderschränke im Laufe eines halben Jahrhunderts zum Platzen gebracht. Richtig gruselig wird es, wenn man bedenkt, dass Barbie neben ihren vielen Freundinnen auch noch vier Schwestern hat. Skipper, Stacie, Kelly und Krissy wollen sich in Sachen Outfit natürlich nicht lumpen lassen und eifern der schwesterlichen Stilikone fleißig nach.
Zu Barbies Rundum-Entertainment gehören 50 Haustiere, darunter Hunde, Ponys und Katzen, aber auch Schimpansen und Papageien, die ihr die Langeweile vertreiben sollen, wenn Barbie nicht gerade auf einen Ball geht, Tennis oder Golf spielt, reitet oder Cabrio fährt. Doch wer die kleine Gummipuppe als verwöhntes Society-Gör abstempelt, tut ihr Unrecht.
Karrierefrau statt Heimchen am Herd
Denn Barbie ist noch in den verstaubten 50er Jahren angetreten, das konservative Frauenbild ihrer Zeit zu erschüttern. Statt Kinderkriegen stand für Barbie Millicent Roberts immer die Karriere im Vordergrund. Und so wenig wie sich die erwachsene Puppe für die üblichen Mutter-Kind-Spielchen kleiner Mädchen eignet, so wenig mütterliche Züge trägt Barbie selbst. Sie trägt Business-Outfits. Und zwar 108 an der Zahl. Neben der stereotypen Garderobe einer Stewardess oder Friseurin streift sich Barbie auch schon mal Chirurgenkittel, Astronautenanzug und das Kostüm einer Präsidentschaftskandidatin über.
Genauso emanzipiert wie ihren Kleiderschrank gestaltet Barbie ihr Liebesleben. Statt Kleinfamilie gönnte sie sich jahrelang einen smarten Liebhaber: den sonnengebräunten Ken. Den sägte sie allerdings nach 43 Jahren ab, ausgerechnet am Valentinstag.
Und doch! Trotz aller Mondänität und Modernität - Barbies Stern beginnt zu sinken.



