Sprachspiele für Astronomen
Der erste, der sich dem hellen Planeten mit einem Fernrohr näherte, war im September 1610 einer der Väter der modernen Naturwissenschaft: Galileo Galilei.
Was er sah, erstaunte ihn so, dass er sich zunächst nicht sicher war: Hatte ihm das neue Teleskop, das nach heutigen Maßstäben noch nicht einmal die Qualität eines billigen Opernguckers erreichte, einen Streich gespielt?
Galileo traute sich nicht, seine Beobachtung zu veröffentlichen. Aber wenn nun ein anderer die gleiche Beobachtung macht und sie vor ihm veröffentlicht? - Galileo griff zu einem Trick, den er bereits mehrfach angewendet hatte: Er veröffentlichte ein Anagramm. Ein Anagramm enthält die Entdeckung in verschlüsselter Form. Sollte jemand anderes die Entdeckung ebenfalls machen, dann würde er sein Rätsel lösen und damit beweisen, dass er der Erstentdecker war. Stellte die Entdeckung sich als Täuschung heraus, nun, dann würde er kein Wort mehr über das Anagramm verlieren und eine Blamage war vermieden.
Venus kopiert Cynthia
Galileos Venus-Anagramm lautete: Haec immatura a me jam frusta legunturoy („Diese unreifen Dinger suche ich nun vergeblich.“).
Die neugierigen Kollegen versuchten vergeblich, den verborgenen Sinn in Galileos Rätsel zu finden. Besonders Kepler, der Kaiserliche Mathematiker in Prag, litt Qualen und flehte Galileo an, das Geheimnis zu lüften.
Aber in Sachen „Public Relations“ war Galileo seiner Zeit weit voraus: Publikumswirksam lüftete er das Geheimnis nicht vor den Kollegen, sondern in Florenz vor Guilan de Medici, einem Verwandten des Großherzogs der Toskana, in dessen Dienste er erst kürzlich getreten war. Die Lösung lautete: Cynthia figuras aemulatur mater amorum („Die Mutter der Liebe ahmt die Gestalten der Cynthia nach“). Dieser immer noch recht rätselhafte Satz wird verständlich, wenn man weiß, dass Venus die Mutter der Liebe ist, und dass Cynthia das Pseudonym für den Mond bedeutet.
Die Venus als Sichel
Galileo hatte also festgestellt, dass im Teleskop Venus ein ähnliches Verhalten zeigt wie der Mond, und damit meinte Galileo, dass Venus Phasen zeigt wie der Mond.
So wie es die zunehmenden und die abnehmende Mondsichel gibt, so zeigt auch die Venus im Teleskop eine veränderliche Sichelform. Die Phasen der Venus entstehen durch die wechselnde Beleuchtung bei ihrem Umlauf um die Sonne und Galileo wertete dies als Beweis für die Gültigkeit des kopernikanischen Weltbildes. Damit war ein weiterer Sieg im Kampf um die wissenschaftliche Vernunft errungen.



