Die Last des Alterns
Seit dem 1. Januar 2002 wird die Rente in Deutschland nicht mehr ausschließlich staatlich geregelt. Zu diesem Zeitpunkt trat die so genannte Riester-Rente, die die private Vorsorge fördert, in Kraft. Das Reformpaket verdient besondere Aufmerksamkeit, denn mit der Teilprivatisierung der Rente erlebt das deutsche Rentensystem eine kleine Revolution. Doch warum war diese Reform überhaupt notwendig und wie gehen andere Länder mit der staatlichen Altersvorsorge um?
Rückblick in das Jahr 1889: Die erste Rentenversicherung der deutschen Geschichte wird verabschiedet - einer der letzten Meilensteine Bismarckscher Politik. 113 Jahre später folgte die Erweiterung der rein staatlich geregelten Rente.
Gesellschaft der Rentner
Warum? Ein Blick auf die demographische Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland spricht eine deutliche Sprache: Seit mehr als drei Jahrzehnten schrumpft die deutsche Bevölkerung ständig. Dieser Trend ist ungebrochen und wird sich durch die geburtenschwachen Jahrgänge der Siebziger Jahre und Folge-Generationen eher beschleunigen denn verlangsamen. In den 1960er Jahren wurden noch 2,5 Kinder pro Frau geboren, im Jahr 2000 waren es nur noch 1,4 Kinder.
Verbunden mit der - dank Biotechnologie und pharmazeutischer Forschung - steigenden Lebenserwartung altert die bundesrepublikanische Gesellschaft zunehmend. Nach Angaben der Vereinten Nationen würde es in Deutschland bei gleich bleibender Geburten-Entwicklung und ohne Zuwanderung in den nächsten 50 Jahren zu einem Bevölkerungs-Rückgang von bis zu 15 Millionen Bundesbürgern kommen und zwar von derzeit 82 Millionen auf nur noch 65 bis 70 Millionen.
Anders ausgedrückt: In den letzten hundert Jahren hat sich eine dramatische Altersverschiebung ereignet. Gegen Ende des Wilhelminischen Zeitalters (1918) konnte die deutsche Bevölkerung noch durch die klassische Alterspyramide beschrieben werden: Die Jungen übertrafen die Alten zahlenmäßig deutlich.
Bedingt durch die beiden Weltkriege und die Weltwirtschaftskrise erlitt die Pyramide Einkerbungen, die sich jedoch durch den Babyboom der frühen Sechziger bis heute zu einem “dicken Bauch“ gewandelt haben. Projiziert auf die nächsten dreißig Jahre wird dieser “Babyberg“ der 60er jedoch zum Dilemma der 20er und 30er dieses Jahrhunderts.
Das Altersverhältnis wird sich schließlich komplett umdrehen. Nachdem die Bundesrepublik 1950 fast doppelt so viele Menschen unter 20 Jahren wie über 60-jährige zählte, wird die Nation hundert Jahre später ihr demographisches Spiegelbild erleben: Es wird 2050 nominell mehr als doppelt so viel alte wie junge Menschen geben. Gerade junge Arbeitnehmer haben angesichts dieser ernüchternden Altersentwicklung Anlass zur Sorge, inwieweit ihr Lebensabend tatsächlich finanziert ist.
Die Angst vor der Rentenlücke
Seit Jahren geistert das Renten-Gespenst durch die Medien. Allgegenwärtig ist der Werbespot, in dem der stolze Vater das Neugeborene als seine “Altersvorsorge“ betrachtet - um postwendend den Vogel gezeigt zu bekommen. Der symbolische Generationen-Vertrag, in dem der junge Arbeitnehmer die Rente der Väter-Generation trägt, scheint ausgedient zu haben.
So beziehen immer mehr Menschen durch die steigende Lebenserwartung immer länger Rente. Noch 1960 belief sich die Dauer des Rentenbezugs auf durchschnittlich zehn Jahre. 35 Jahre später verlängerte sich der Rentenbezug schon um durchschnittlich fünf Jahre. (Bei einer deutlichen Abweichung zwischen Männern (13,5 Jahre) und Frauen (18,4 Jahre).
Doch dieser steigenden Rentnerzahl steht die immer kleiner werdende Gruppe der Beitragszahler gegenüber. Heute noch finanzieren zwei jüngere Arbeitnehmer die Altersbezüge eines Rentners. In dreißig Jahren jedoch kommt ein Rentner auf einen (!) Beitragszahler.
Das rechnerische Planspiel verdeutlicht: Das soziale Desaster ist vorprogrammiert. Entweder erfindet sich die moderne Gesellschaft neu und bringt ungeahnte Wohlstandsquellen hervor, oder - was wahrscheinlicher scheint - die zukünftigen Rentner müssen ihren Lebensabend mit deutlichen Abschlägen bestreiten.
Arme Rentner?
Den Zukunftsbelastungen soll schon mit dem Absinken des Rentenniveaus bis 2020 von jetzt 70 Prozent des letzten Nettogehalts auf nur noch 67 Prozent Rechnung getragen werden. Finanzexperten halten das jedoch für ein allzu rosiges, kaum haltbares Niveau und entwerfen Szenarien, nach denen die Rentenversicherung allenfalls bei 64 Prozent des Nettogehalts liegen könnte.
Doch auch dies gilt nur für den idealen Arbeitnehmer, der 45 Jahre Beiträge in die Rentenkasse gezahlt hat. In Zeiten steigender Studienzeiten erreicht der Durchschnitts-Beitragszahler indes nicht einmal 40 Berufsjahre, in denen er nur noch maximal 60 Prozent seines Gehalts für den Lebensabend sichern könnte. Eines steht also fest: Die Rentner der Zukunft müssen mit deutlichen Einbußen rechnen.
Um diesem Szenario vorzubeugen, hat sich die Bundesregierung zu einem beachtlichen Kurswechsel ihrer Rentenpolitik entschlossen. Mit staatlich subventionierten Zuschüssen zur privaten Altersvorsorge will der Staat die immer größer werdende Lücke in der gesetzlichen Rente schließen, in dem er der heutigen Arbeitnehmer-Generation finanzielle Anreize zur Eigenvorsorge gibt. Am 11. Mai 2001 wurde diese Rentenreform im Bundesrat verabschiedet und nach ihrem Vordenker benannt, dem damaligen Arbeitsminister Walter Riester.
Andere Länder, andere Sitten
Experten sind sich indes einig, dass die Riestersche Rentenreform in Deutschland angesichts der demographischen Schieflage nur ein erster Schritt sein kann. Andere Nationen machen bereits seit Jahrzehnten vor, wie eine Umstrukturierung des Rentensystems effektiv aussehen kann.
So ist die Altersvorsorge in den USA längst von der staatlichen Rente entkoppelt. Die gesetzlich festgeschriebene “Social Security“ macht so nicht mehr als 40 Prozent der Gesamtrente aus. Den Löwenanteil bestreiten amerikanische Pensionäre aus betrieblicher und privater Vorsorge. Seit mehr als zwei Jahrzehnten haben sich die so genannten “401 K“-Pläne etabliert, nach denen Arbeitgeber bis zu 30.000 und Arbeitnehmer bis zu 10.000 Dollar jährlich steuerfrei einzahlen können. Privat können noch einmal bis zu 2000 Dollar ohne Steuerabzüge gespart werden.
Auch in der Schweiz spielt die betriebliche Vorsorge eine wichtige Rolle, da die gesetzliche Rente nur etwa 40 Prozent des Nettoeinkommens eines Arbeitnehmers abdeckt. Im Gegensatz zu Deutschland zahlen alle Arbeitnehmer in die Rentenkasse ein - auch Beamte oder Freiberufler.
Nils Jacobsen



