Deflationsangst kehrt zurück
Leben & Lifestyle

Deflationsangst kehrt zurück

Bild: Foto: Unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

"Es gibt ein substanzielles Risiko, dass der Rückgang der Binnennachfrage in eine deflationäre Abwärtsspirale mündet", heißt es in einer Studie des britischen Forschungsinstituts Economist Intelligence Unit (EIU). Ähnliche Sorgen äußern die Ökonomen der britischen Großbank HSBC. Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) stimmt ebenfalls ein. Laut IW-Direktor Michael Hüther gibt es ein "durchaus benennbares Risiko", dass Deutschland wie einst Japan in eine deflationäre Lage abrutsche. In den vergangenen Wochen haben sich die Anzeichen für eine erneute konjunkturelle Abschwächung gemehrt. Unter dem erhöhten Druck könnten Firmen zunehmend gezwungen sein, Preise und Kosten zu senken.

Ökonomen hatten schon vor zwei Jahren gewarnt, dass eine solche Entwicklung gesamtwirtschaftlich brisant werde, wenn sich der Abwärtstrend verselbständigt. Eine Deflation gilt als gefährlich, weil sie die Schuldenlast der Unternehmen erhöht und dazu führen kann, dass Verbraucher in Erwartung fallender Preise Käufe aufschieben. Im Frühjahr 2003 hatte der Internationale Währungsfonds (IWF) erstmals vor der Gefahr einer Deflation gewarnt, der Boom der Weltwirtschaft hatte solche Sorgen jedoch gedämpft. Die EIU-Analysten kommen jetzt zu dem Schluss, dass mit dem Abflauen der Weltkonjunktur auch die Deflationsgefahr in Deutschland wieder steigt. Nimmt man Sonderfaktoren wie den hohen Ölpreis und staatlich fixierte Preissteigerungen aus, so liegt die eigentliche Inflation nach Schätzungen der Commerzbank ohnehin schon unter ein Prozent - ein historisch seltenes Phänomen. Sollte die Konjunktur nun noch weiter nachlassen, dürfte der Abwärtsdruck noch einmal zunehmen. "Unter den gegenwärtigen Umständen ist eine Deflation fast unausweichlich, weil die Nachfrageschwäche nicht überwunden werden kann", befürchtet Robert Prior von HSBC.

Hohe Ölpreise führen zu Preissteigerungen
Für Deutschland seien die Zinsen der Europäischen Zentralbank zu hoch. Grund für die gestiegenen Konjunkturrisiken ist die angespannte Lage an den Rohstoffmärkten. Der höhere Ölpreis erhöht zwar an sich erst mal den Aufwärtsdruck bei den Preisen. Bei genauere Analyse wirke er aber deflationär, so die EIU-Experten: Wenn Energiepreise zulegen, können Verbraucher weniger Geld für heimische Güter ausgeben. Dadurch werde der Preiswettbewerb härter, die Firmen müssten mit Kürzungen reagieren, was die Nachfrage weiter bremse. Zusätzlich unter Druck gerieten die Preise durch die Euro-Aufwertung, die Importe billiger werden lässt. Nach Einschätzung der EIU-Ökonomen planten die Firmen gerade in Deutschland schon jetzt "zusätzliche Kostensenkungsprogramme wie Kürzungen bei Urlaubsgeld oder unbezahlte Mehrarbeit". Die Arbeitmarktreformen der Regierung würden die Löhne zusätzlich dämpfen, weil der Druck steige, eine schlechter bezahlte Arbeit aufzunehmen. Zwar habe dies auch positive Effekte, weil die Unternehmen ihre Profitabilität erhöhen und international Marktanteile gewinnen. Jedoch reiche dies bislang nicht, um die Beschäftigung in Deutschland anzukurbeln. Deshalb überwiege der nachteilige Effekt "einer sinkenden Kaufkraft der Konsumenten", was Konjunktur und Preise drücke.

"Auch wenn eine sich selbst verstärkende Abwärtsspirale nicht unser Hauptprognose ist, glauben wir, dass es ein erhebliches Risiko eines solchen Szenarios gibt", so die EIU-Experten. IW-Chef Hüther sagte, er gehe zwar weiter grundsätzlich davon aus, dass die deutsche Wirtschaft im laufenden Jahr um "ein bis anderthalb Prozent" wächst. Sollte es nicht dazu kommen, könnten die Auswirkungen aber fatal sein. "Dann ist die Gefahr erstmals greifbar, dass wir in einer deflationären Entwicklung enden", sagte Hüther: "Wir bewegen uns auf des Messers Schneide." Gefährlich ist laut Hüther vor allem, dass ein neuer Rückfall in die Stagnation die Wirtschaft diesmal psychologisch härter belasten würde als die Wachstumsschwäche von 2000 bis 2003. Haushalte und Firmen drohten dann endgültig das Vertrauen zu verlieren, dass sich die deutsche Wirtschaft überhaupt noch aus der Krise befreien kann. Die meisten Experten hielten Deflationsängste bis dato für übertrieben. Zentralbanker dämpften solche Sorgen jetzt ebenfalls. "Die Mitgliedschaft in der Währungsunion schützt Deutschland vor einer Deflation", hieß es in europäischen Notenbankkreisen. Geringe Lohnsteigerungen würden die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und damit Konjunktur und Preisauftrieb stabilisieren.
21. April 2005

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite