Der Entertainer: Benjamin von Stuckrad-Barre
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Der Entertainer: Benjamin von Stuckrad-Barre

Bild: Foto: Roman Eisele, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Der “junge Mann“, wie sich Benjamin von Stuckrad-Barre in seiner Veröffentlichung Blackbox nennt, hat Mut. Franz Beckenbauer, Boris Becker, Gerhard Schröder - der 27-jährige Popliterat nimmt es in seiner aktuellen Veröffentlichung Deutsches Theater mit jedem auf: Niemand scheint vor den Fabulierkünsten des Wahl-Berliners sicher zu sein.

Junger Mann mit Mut

Der “junge Mann“, wie sich Benjamin von Stuckrad-Barre in seiner Veröffentlichung Blackbox nennt, hat Mut. Franz Beckenbauer, Boris Becker, Gerhard Schröder - der 27-jährige Popliterat nimmt es in seiner aktuellen Veröffentlichung Deutsches Theater mit jedem auf: Niemand scheint vor den Fabulierkünsten des Wahl-Berliners sicher zu sein.

Und die können sich nach wie vor sehen lassen: In seiner ureigenen Art, die für den kurzen Witz mitunter eine längere Pointe opfert, erzählt Stuckrad-Barre die Geschichten der Republik in nicht enden wollenden Suaden. Etwa die von der Männerfreundschaft des Scorpion-Sängers Klaus Meine zu Gerhard Schröder. Oder von den ersten Tagen der Talkerin Sandra Maischberger bei n-tv. Oder - das von Harald Schmidt aufgeführte Stück darf natürlich nicht fehlen - warum sich Herr Peymann keine Hose kauft, aber trotzdem mit dem Autor essen geht.

Das ist kurzweilige Unterhaltung, guter Journalismus - große Prosa jedoch wieder nicht. Doch das ist nicht das Schlimmste: Es ist die selbstverliebte Pose, die auch bei seiner neuen Veröffentlichung stört. Echtes Theater eben.

Es muss ein Albtraum für die Presseagentin sein, von der Stuckrad-Barre so oft im Livealbum sprach, wie er sein Talent einmal mehr in den Dienst der großen Geste stellt. Natürlich hat Stuckrad-Barre Show-Talent - erstaunliches sogar, wie auf seiner Lesereise, in seiner MTV-Show Lesezirkel oder als immer wieder gern gesehener Talk-Gast bei Mentor Harald Schmidt dokumentiert.

Selbstzweck Selbstvermarktung

Kein Zweifel: Dieser Stuckrad ist wie gemacht für die Medienlandschaft - er ist der wahrscheinlich konsequenteste Selbstvermarkter des deutschen Literaturbetriebes. Diesen Job erledigt der 27-jährige Bremer mit Bravour. Mit allwissender Selbstverständlichkeit kanzelt Stuckrad-Barre so ziemlich jeden Prominenten ab, der ihm vor die Flinte kommt - ganz gleich ob RTL-Sternchen Jeanette Biedermann (“Ist sie wenigstens von der Straße weg, was soll’s“) oder EM.TV-CEO Werner E. Klatten ( “Der ja nichts dafür kann“).

Es ist genau diese Dreistigkeit, dieser Mangel an Selbstreflexion, der ihm unablässig ein Schnippchen schlägt und seine respektable Arbeit als Autor zur Nebensache macht. Immer wieder hat sich der Lautsprecher der Popliteratur durch seine nassforsche Art Feinde gemacht, wo er zumindest unvoreingenommene Leser haben könnte.

Die Provokation wird zur Pose, fast zwanghaft, wie es scheint. Sätze wie den folgenden spult Stuckrad-Barre immer wieder ab: "Wenn junge Menschen mein Buch lieber lesen als ältere Menschen, kann ich das nachvollziehen, aber nicht weil es ein Buch FÜR diese Generation ist, sondern ein Buch VON dieser Generation, bzw. von einem bezaubernden Bruchteil, von mir."

Durchbruch mit Soloalbum

Diese Selbstgefälligkeit untergräbt viel zu oft sein Schreibtalent, das unbestreitbar weiter aufflackert. Es ist die Fähigkeit zur minutiösen Beobachtung, mit der Stuckrad-Barre in seinem sprachlich ungewöhnlichen Debüt Soloalbum im Spätsommer 1998 die deutsche Literaturszene aufmischte. In einem an den Stream of Consciousness erinnernden Wortschwall erzählt Stuckrad-Barre aus einsamen Tagen eines frisch verlassenen Anfang-Zwanzigjährigen. Auszug:

“Zerstreuung ist die Arbeit allenthalben. Hätte ich sie nicht, die Arbeit, hätte ich sie vielleicht noch, die Dame, Denn alles konkurriert ja miteinander, lässt sich selten parallel abhandeln. Du setzt einen Schwerpunkt und triffst damit auch gleichzeitig eine Entscheidung GEGEN etwas anderes. Hatte noch nie Glück in der Liebe und ZUGLEICH bei dem, was die Arbeit ist. Entweder oder, und der Erfolg hier ist bloße Kompensation des Misserfolges dort.“

Schnell wird klar: Nicht umsonst zählt das Meisterwerk Mysterien des großen Impressionisten Knut Hamsun zu den drei Lieblingsbüchern des jungen Autors. Der vom norwegischen Nobelpreisträger maßgeblich geprägte innere Monolog spielt auch bei Stuckrad-Barre eine große Rolle: Soloalbum wimmelt nur so von Gedankensprüngen und assoziativen Momenten, in denen die erzählte Zeit nicht selten die Erzählzeit überholt.

Die Kritiker finden das Debütwerk indes größtenteils “wenig aufregend“ (FAZ). Anklang findet Soloalbum vor allem bei Weggefährten. So lobt Harald Schmidt, für dessen Show sich der junge Autor einst als Gagschreiber verdingte, vollmundig: “Benjamin von Stuckrad-Barre hat in seiner Jugend-Maienblüte einfach so ein Buch hingelegt, das ich selber gerne geschrieben hätte.“

Die Show geht weiter

Für die weitere Schriftstellerkarriere sind solche Schulterschlüsse natürlich goldwert. Stuckrad-Barre lässt sich nicht zweimal bitten: Einmal in der Öffentlichkeit, immer in der Öffentlichkeit. Der Jungstar unter den Autoren hat Blut geleckt und kostet die neue Bühne voll aus. Mal kokettiert er mit seinem ungeklärten Verhältnis zu Comedy-Star Anke Engelke (Widmung in Livealbum “Dies - wie ohnehin alles - für Anke“), mal posiert er mit Autoren-Kollege Christian Kracht als PC-Model.

Livealbum, bei dem nun nicht mehr wie in Soloalbum ein fiktives Ich, sondern der Autor selbst spricht, macht Stuckrad-Barres Obsession nach öffentlicher Wahrnehmung und Wertschätztung ebenso deutlich wie seinen unbändigen Drang, seine Mitmenschen - häufig genug Fans - zu kritisieren und ironisch bloßzustellen. Ganz besonders gern rechnet Stuckrad-Barre jedoch mit Journalisten ab:

“Am krankesten waren wirklich die Windelweichen, die billig und oberflächlich schrieben, wie billig und oberflächlich mein Buch sei, und ich obendrein sowieso auch, und die dann abends in ihre Gratisexemplare eine Unterschrift reinhaben wollten (“Ist für eine Freundin, die hat Geburtstag“) und als dann den Ton änderten, weil sie irgendwas wollten, Getränkebons oder Aufmerksamkeit oder Ansprechpartner beim Verlag weil sie nämlich, dass ich nicht lache, “auch schreiben“. Naja, dieser Artikel, das hätte ich doch hoffentlich nicht persönlich genommen, sondern sportlich! Hä?“

Jede Menge Schimpftiraden

Es folgen Remix und Blackbox - Anthologien seiner journalistischen Texte und Kurzgeschichten, größtenteils aus der Ära vor der Veröffentlichung von Soloalbum. Die Kritiker kann Stuckrad-Barre auch damit kaum erreichen.

In einem mit “Krankenakte B.“ betitelten Artikel schimpft der Spiegel: “Amüsant und von erhabener Größe sind nur die zahlreichen unfreiwillig komischen Stellen.“ Mehr noch: “’Ein neuer Pickel’, postuliert Stuckrad-Barre etwa, 'ist immer größer oder kleiner als irgendein bisher gehabter.’ Wer so schreibt, hat nicht nur ein Problem mit der Haut.“

Das ist, natürlich, ebenso harte Polemik. Doch einer, der austeilt, sollte auch einstecken können. In einem der besten Stücke in Deutsches Theater schreibt Stuckrad-Barre über den sehr streitbaren Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner und seine Art, mit Prominenz umzugehen.

“Seine Briefrubrik heißt ’Post von Wagner’, seine ergänzende Kolumne in der Welt am Sonntag noch zwingender ’Wagners Welt’: ’Aus Vietnam habe ich auch in der Ich-Form geschrieben’. Sich in etwas hineinversetzten heißt bei Wagner: umrechnen auf ICH.“

Doch genau darin unterscheidet sich Benjamin von Stuckrad-Barre kaum von Wagner. Seine Prosa, seine ganzen Veröffentlichungen erscheinen oft egozentrisch, eine große Bespiegelung des eigenen Ichs. Genau davon lebt seine Schreibe: In den besten Passagen erscheinen die Texte als sehr gelungenes Selbstexperiment.

Stuckrad-Barre schreibt, wie er spricht - und das ist durchaus keine Floskel, denn Sprechen, sich selbst in Szene zu setzen, vermag Stuckrad so gut wie kein zweiter Popliterat. Vielleicht katapultiert der Lesezirkel Barre in Richtung einer zweiten Karriere, die ihn irgendwann zum legitimen Harald Schmidt-Nachfolger macht.

Nils Jacobsen

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