Der Mann, der die Welt gläsern machte
Leben & Lifestyle

Der Mann, der die Welt gläsern machte

Bild: Foto: Christoph Rieder, CC0, via Wikimedia Commons

Die Entdeckung der Röntgenstrahlung durch Wilhelm Conrad Röntgen war ein Meilenstein für die Medizin – und wie so oft in der Geschichte der Wissenschaft haben wir sie einem Zufall zu verdanken. Eigentlich erforscht der deutsche Physiker in seinem Würzburger Labor gerade sogenannte Kathodenstrahlen, als er am 8. November 1895 etwas Merkwürdiges bemerkt: eine Leuchterscheinung im abgedunkelten Raum.

Historisch

Die Entdeckung der Röntgenstrahlung durch Wilhelm Conrad Röntgen war ein Meilenstein für die Medizin – und wie so oft in der Geschichte der Wissenschaft haben wir sie einem Zufall zu verdanken. Eigentlich erforscht der deutsche Physiker in seinem Würzburger Labor gerade sogenannte Kathodenstrahlen, als er am 8. November 1895 etwas Merkwürdiges bemerkt: eine Leuchterscheinung im abgedunkelten Raum.

Leuchtphänomene im Labor

Röntgen registriert Lichtschimmer auf einem speziellen Leuchtschirm und auch einige Kristalle, die in der Nähe seines Experimentiertisches liegen, beginnen zu fluoreszieren. Dieses Phänomen kann nur von der Gasentladungsröhre herrühren, mit der der Forscher die Kathodenstrahlen untersucht – darin werden Elektronen durch eine hohe Spannung stark beschleunigt.

Gleichzeitig darf es dieses Licht nach damaligem Kenntnisstand nicht geben. Denn die Kathodenstrahlen sind viel zu schwach, um für dieses Phänomen verantwortlich zu sein. Um mehr herauszufinden, umhüllt Röntgen die Röhre mit schwarzem Papier. Der Leuchteffekt aber bleibt.

Eine mysteriöse Strahlung "X"

Der Physiker schlussfolgert: Das Leuchten muss durch eine bisher unbekannte Strahlung "X" zustande kommen, die nicht nur bestimmte Stoffe zum Fluoreszieren bringt. Diese Strahlung durchdringt offenbar auch Glas und sogar dunkles Papier. Kann sie womöglich auch andere Materialien passieren? Bei seinen Experimenten stellt Röntgen fest, dass die mysteriösen Strahlen Materialien abhängig von deren Dichte unterschiedlich gut durchdringen. Nur Blei scheint die X-Strahlen ganz abhalten zu können.

Als begeisterter Hobbyfotograf kommt er schließlich auch auf die Idee, die Strahlung auf Fotoplatten zu lenken – und so das Innere der durchleuchteten Materie zu fotografieren. Je nachdem, wie viel Strahlung durch die jeweiligen Strukturen dringt, werden die entsprechenden Bereiche auf der Fotoplatte heller oder dunkler gefärbt.

Gemeinfrei

Die ersten Röntgenbilder

Auf diese Weise entstehen die ersten Röntgenbilder der Welt: unter anderem von einer Labortür, einem Jagdgewehr und der Hand von Röntgens Frau. Sie liefern einen sichtbaren Beweis für die Existenz der unsichtbaren Strahlen. Es sind Bilder, die die Wissenschaftswelt und Öffentlichkeit in helle Aufregung versetzen.

Schnell wird klar, dass die Eigenschaften der X-Strahlen, die später in Röntgenstrahlen umbenannt werden, für spannende Anwendungen genutzt werden können. Ihre Eigenschaften ermöglichen es erstmals, Organe und Knochen zu untersuchen, ohne den Körper aufschneiden zu müssen.

Hinode JAXA/NASA/PPARC

Mehr Durchblick – von der Medizin bis zur Astronomie

Heute werden nach Berechnungen des Bundesamts für Strahlenschutz allein in Deutschland jedes Jahr rund 140 Millionen Röntgenuntersuchungen in Arztpraxen und Krankenhäusern durchgeführt. Doch die durch hochenergetische Elektronenprozesse entstehenden Röntgenstrahlen kommen auch in anderen Bereichen als der Medizin zum Einsatz.

In der Industrie spielen die elektromagnetischen Wellen zum Beispiel eine wichtige Rolle, um Produkte und Materialien auf Herz und Nieren zu prüfen. Archäologen ergründen mit der Hilfe der Strahlung die Geheimnisse von Mumien, Kunstexperten durchleuchten mit ihr Bilder, um Originale von Fälschungen zu unterscheiden, und Astronomen erforschen damit Phänomene des Weltalls. Denn bei vielen energiereichen Prozessen im Kosmos wird Röntgenstrahlung frei.

Lokilech / CC BY-SA 3.0

Unerkanntes Risiko

Röntgen erhält für seine Entdeckung den ersten Nobelpreis für Physik der Geschichte. Doch was der Forscher damals nicht weiß: Die von ihm entdeckten Strahlen können auch Schaden anrichten, denn sie wirken zellschädigend. Heute gibt es deshalb strenge Regeln zum Strahlenschutz. Zu Röntgens Zeiten aber werden noch völlig ohne Bedenken beispielsweise Kinderschuhe durchleuchtet, um den richtigen Sitz der Treter zu kontrollieren. Und sogar auf Jahrmärkten ist das Röntgen eine beliebte Attraktion zur Belustigung der Leute.

Weitere Artikel auf wissenschaft.de

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite