"Der Planet zuckte kurz"
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"Der Planet zuckte kurz"

Bild: Foto: Roman Eisele, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

die Erde an jenem Morgen, den die christlich-abendländische

die Erde an jenem Morgen, den die christlich-abendländische

Welt als den 18. April 1906 bezeichnete. Hätte ein Geologe zu jener

Zeit auf den Planeten als Ganzes blicken und sehen können, was sich

damals dort abspielte, so wäre er bass erstaunt gewesen über den physikalischen

Kontext des Ereignisses, auch wenn das Ereignis selbst

aus solch großer Höhe alles andere als überwältigend gewirkt haben

Als Blickfolie dürfte der Planet unvergesslich schön gewesen sein.

Hätte unser Geologe auf dem Mond stehen und mit einem ungeheuer

starken Teleskop die Oberfläche der blau-grün-weißen Kugel betrachten

können, die am tintenschwarzen Himmel hing, so hätte er (vorausgesetzt

die Wolkendecke war nicht zu dicht) in helles Sonnenlicht getaucht

einen Teil der Erde vor sich gesehen, der sich von dem, was

manche «Indien» nennen, bis zu dem erstreckte, was andere als «Rocky

Mountains» bezeichnen.

Er hätte leicht Arabien, Kleinasien, ganz Europa und Afrika erkennen

können, das tiefe Blau des Atlantischen Ozeans, die makellos

weiße Masse Grönlands im Norden und die blendend weiße Fläche der

Antarktis tief im Süden. Die korpulente Landmasse, die wir heute als

«Brasilien» bezeichnen, wäre hell erleuchtet gewesen; etwas weniger

strahlend dürften die von Städten gespickte Ostküste Nordamerikas

und Patagonien gewesen sein, deren Bewohner gerade erst an einem

Tag erwachten, den viele Erdenbürger als «Mittwoch» bezeichneten –

einem Tag, der Tausende Meilen entfernt im dunklen China und allen

weiter östlich gelegenen Orten in diesem Augenblick indes bereits zu

Ende ging.

Zu dem Zeitpunkt, der uns hier interessiert – ungefähr fünf Uhr früh

nach westamerikanischer Zeit –, hätte er sehen können, wie sich der so

genannte westliche Terminator, die Trennlinie zwischen beleuchtetem

und unbeleuchtetem Gebiet auf der Erdoberfläche, rasch auf den Pazifik

zubewegte. Die Erde rotierte in einer Geschwindigkeit von mehreren

hundert Kilometern pro Stunde in östliche Richtung und setzte

immer weitere Gebiete dem Licht des anbrechenden Tages aus.

In diesem Augenblick begann die Linie im Norden bei Melville

Island in der kanadischen Arktis, ging weiter über Banks Island und die

unbewohnte Eiswüste der Northwest Territories und des Yukon, durch

Saskatchewan und Alberta, dann durch den neu gegründeten Staat

Montana, die von Bisons und Cherokee-Indianern bevölkerten Staaten

Wyoming, Colorado und New Mexico, über den Rio Grande Richtung

Acapulco bis zu einem Punkt an der Küste, an dem sie schließlich von

der nordamerikanischen Landmasse wegglitt und nach und nach die

tintenschwarze Leere des Pazifischen Ozeans erleuchtete.

Östlich dieser Linie war alles in helles Tageslicht getaucht, westlich

davon in tiefes Dunkel. Auf der Linie selbst verlief über eine Breite von

einigen hundert Meilen ein ungewisser Halbschatten. Unten auf der

Erde erlebten die Frühaufsteher in den Städten, Dörfern und Farmen

von Vancouver Island im Norden bis hinunter nach Baja California

dieses unbestimmte Halblicht als Morgendämmerung des 18. April.

Es erfordert einige Phantasie, sich vorzustellen, dass jemand so fern

in Raum und Zeit über ein genügend großes Fernglas verfügte. Aber

angenommen, solch ein Instrument existierte, und angenommen, unser

Geologe auf dem Mond hätte seine Linse in jenem Augenblick genau

auf die Küste Nordkaliforniens gerichtet, die durch das Wandern des

Terminators zentimeterweise seinem Blick eröffnet wurde – was hätte

er da wohl gesehen?

Die Antwort ist zwangsläufig erschütternd für all jene, die glauben,

dass die Erde, ihre Bewohner und die Ereignisse, die sich auf ihr zutragen,

im kosmischen Sinn irgendeine Bedeutung haben. Aus dieser Distanz

hätte unser Geologe im Grunde gar nichts gesehen.

Dennoch ist an jenem Morgen wenige Minuten nach fünf Uhr früh

tatsächlich etwas geschehen. Der Planet zuckte kurz, nur ein paar Sekunden,

vielleicht nicht einmal eine Minute.

Hätte unser Beobachter die geographischen Verhältnisse gekannt

und das Glück gehabt, genau im richtigen Moment auf einen ganz bestimmten

Punkt im Norden Kaliforniens zu blicken, so hätte er vielleicht

etwas wahrgenommen, was wie eine winzige wellenförmige Bewegung

vom Meer zur Küste hin ausgesehen haben dürfte. Ferner hätte

er gesehen, wie sich diese Kräuselung langsam, aber stetig den Gestaden

näherte und sich mit einem winzigen Zittern fächerförmig über die

Küstenregion ausbreitete.

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