Der rote Faden
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Der rote Faden

Bild: Foto: Aciarium, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

In die Tauwerke der englischen Flotte war ein roter Faden eingesponnen. Sonst dient der rote Faden als Beschreibung für das Leitmotiv.

"Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte", sagt man über ein Leitmotiv, das während eines Geschehens immer weiter fortgesponnen ist. Das kann die Eifersucht in Shakespeares »Othello« sein oder eine Reihe von Polit-Affären: Rote Fäden lassen sich überall entdecken. Die Redensart klingt so volkstümlich, dass ihre Herkunft aus der hohen Literatur dann doch verblüfft.

Eingeführt hat sie nämlich Johann Wolfgang von Goethe in seinem 1809 erschienenen Roman »Die Wahlverwandtschaften«. Darin (2. Teil, 2. Kapitel) schreibt Deutschlands Dichterfürst, ehe er aus dem Tagebuch von Ottilie, einer der vier in Liebesbande verstrickten Hauptfiguren, zitiert: "Wir hören von einer besondern Einrichtung bei der englischen Marine. Sämtliche Tauwerke der königlichen Flotte, vom stärksten bis zum schwächsten, sind dergestalt gesponnen, dass ein roter Faden durch das Ganze durchgeht, den man nicht herauswinden kann, ohne alles aufzulösen, und woran auch die kleinsten Stücke kenntlich sind, dass sie der Krone gehören. Ebenso zieht sich durch Ottiliens Tagebuch ein Faden der Neigung und Anhänglichkeit, der alles verbindet und das Ganze bezeichnet."

Dieses Bild aus dem viel gelesenen Roman bürgerte sich schnell ein; so zitiert etwa E. T. A. Hoffmann 1821 in seinem Roman "Die Serapionsbrüder" (8. Abschnitt: "Der Zusammenhang der Dinge") "Goethes schönen Gedanken vom roten Faden, der sich durch unser Leben zieht und an dem wir, ihn in lichten Augenblicken gewahrend, den über uns, in uns wallenden höheren Geist erkennen".

Kurioserweise stammt nicht nur die Idee von der Tau-Markierung aus der Schifffahrt, auch der Ursprung des Wortes Faden hat sich in der Seemannssprache bis heute erhalten. Der Faden entkräuselte sich dem griechischen petannýnai und dem lateinischen patere, was beides "ausbreiten, sich erstrecken" bedeutet, und wandelte sich über das lateinische Längenmaß passum (Klafter, Schritt) zum althochdeutschen fadum, mittelhochdeutschen vadem und englischen fathom. Damit bezeichnete man ein Maß, das bei ausgebreiteten Armen von Fingerspitze zu Fingerspitze reicht. Bei der Marine berechnet man die Tiefe immer noch nach Faden, selbst wenn im Zeitalter des Ultraschalls die wenigsten Matrosen ein angeseiltes Bleilot ins Wasser fallen lassen.

Goethe, humanistisch gebildet, wie er war, wird bei seinem Bild vom durchgesponnenen roten Faden überdies an die griechischen Parzen und die nordischen Nornen gedacht haben - Schicksalgöttinnen der Mythologie, die die Lebensfäden der Menschen weben und zumessen. Natürlich kannte er auch den Ariadne-Faden, das lebensrettende Wollknäuel der kretischen Königstochter Ariadne, das Theseus im Labyrinth des kannibalischen Stiermenschen Minotauros ausrollte, um seine Gefährten unverirrt wieder herauszuführen. Nicht zuletzt hat dünner roter Zwirn im germanischen Rechtswesen eine wichtige Rolle gespielt: Mit blutigen Fäden, denen man zauberische Abwehrkräfte zuschrieb, wurden im frühen Mittelalter Kult- und Opferplätze "eingefriedet". So zieht sich der rote Faden wie ein solcher durch die europäische Kulturgeschichte.

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