Seit dem 27. Mai halten sich der Schah von Persien, Mohammed Riza Pahlewi, und seine Frau Farah Diba zu einem Staatsbesuch in der Bundesrepublik auf. Zu einer ersten schweren Auseinandersetzung zwischen Anti-Schah-Demonstranten, treuen "Jubelpersern" - bestellte und bezahlte Schahanhänger - und der Polizei kommt es am Mittag vor dem Schöneberger Rathaus, als der Schah zu einer Visite erscheint. Die Perser, von denen ein Teil dem iranischen Geheimdienst SAVAK angehört, schlagen mit Stahlruten und Holzlatten vor den Augen der Polizei auf die Demonstranten ein. Diese Persergruppe findet sich auch am Abend vor der Deutschen Oper ein, wo das Herrscherpaar einer Festaufführung beiwohnt. Rund 800 Demonstranten geben ihrem Protest gegen das diktatorische Regime des Schahs bei der abendlichen Auffahrt der Prominenz Ausdruck. Als sich die Türen der Oper um kurz vor 20h schließen, wird per Lautsprecher die Falschmeldung durchgegeben, dass ein Polizist von Demonstranten erstochen worden sei. Ohne Warnung beginnen die Polizisten wahllos auf Demonstranten und Schaulustige einzuschlagen. Nach wenigen Minuten gibt es bereits die ersten Verletzten. Panik bricht aus, in der Benno Ohnesorg in einen Hinterhof nahe der Oper flieht - von Polizeiknüppeln verletzt - passiv und wehrlos in einer Traube von Polizisten. Im Krankenhaus Berlin-Moabit erliegt er seinen Verletzungen.
Konsequenzen des 2. Juni
Der Tod von Benno Ohnesorg löst bei den meisten seiner Kommilitonen und Sympathisanten des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) verzweifelte Wut aus. Jeder andere hätte an seiner Stelle sein können. Der 26-jährige Student war seit fünf Wochen verheiratet, gehörte keiner politischen Gruppe an, geschweige denn war er ein "Rädelsführer". Er besuchte ab und an Veranstaltungen der Evangelischen Studentengemeinde und hatte bislang nur für eine bessere Bildungspolitik demonstriert. An der Anti-Schah-Demonstration am Abend des 2. Juni hat er teilgenommen, weil er wenige Wochen zuvor Berichte über die grausamen Folterungen des persischen Geheimdienstes SAVAK gelesen hatte.
Über 100 000 Studenten demonstrierten in der ersten Juniwoche in der ganzen Bundesrepublik. Die Studentenschaft wird von einer unvergleichlichen Solidarisierungswelle ergriffen. Ohnesorg wird zu ihrer Identifikationsfigur und zu einem Märtyrer stilisiert, während die Politiker nicht ein Wort der Kritik an dem Verhalten der Polizei in Berlin oder der Trauer über den Tod des Studenten fallen lassen und die Presse teilweise demagogisch gegen die demonstrierenden Studenten hetzt.
Der Tod von Benno Ohnesorg ist für viele ein Symbol für die politische Inhumanität dieser Tage. Das Datum wird zu einem historischen Wendepunkt. Eine deutliche Mehrheit der Studenten orientiert sich nach links. Eine kleine Gruppe des SDS und der Außerparlamentarischen Opposition (APO) entwickelt sich zu den Terroristen der späteren Roten Armee Fraktion (RAF) und der Bewegung 2. Juni.



