Wie der Ball auch kommt, wie der Schuss auch fällt, der Toni der hält
"Toni, Toni, du bist Gold wert ... jetzt Deutschland am linken Flügel, Schäfer flankt nach innen, Kopfball abgewehrt, aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen, er schießt, Tor, Tor, Tor, Tor für Deutschland ...3:2 für Deutschland nach dem Linksschuss von Rahn ... und die Ungarn, wie von der Tarantel gestochen, drehen den siebten oder zwölften Gang auf ... und Kocsis flankt, Puskas abseits, Schuss, aber nein, kein Tor, Puskas abseits ... und die 45. Minute ist vollendet ... aus, aus, aus, aus, das Spiel ist aus!" Leidenschaftlich schilderte Rundfunkreporter Herbert Zimmermann die alles entscheidenden Minuten des unvergessenen WM-Finales zwischen dem haushohen Favoriten Ungarn und dem krassen Außenseiter Deutschland. Sensationell wurde die Nationalmannschaft der Bundesrepublik unter Bundestrainer Sepp Herberger im mit 70.000 Zuschauern ausverkauften Berner Wankdorfstadion durch einen 3:2-Sieg über Ungarn zum ersten Mal Fußballweltmeister.
Dabei schien das Finale wie das Vorrundenspiel der beiden Mannschaften auszugehen, als die seit 1950 ungeschlagenen Ungarn unter Nationaltrainer Gustav Sebes das deutsche Team mit 8:3 in die Kabinen geschickt hatte. Denn schon nach acht Minuten stand es nach Treffern von Ferenc Puskas und Zoltan Czibor 2:0 für den Favoriten.
Doch schon eine Minute später grätschte Max Morlock in eine scharfe Flanke von Helmut Rahn. Nur noch 2:1. Die Ungarn schienen überrascht, aber nicht übermäßig beunruhigt. Doch acht Minuten später war es der "Boss" selbst, wie Helmut Rahn von seinen Mitspielern genannt wurde, der den Ausgleich markierte. Bis zur 84. Minute wogte das Spiel hin und her, Keeper Toni Turek parierte einige "unhaltbare" Schüsse, ehe Helmut Rahn das nicht für möglich gehaltene Siegtor erzielte.
Die Taktik des Fuches Herberger geht auf
Grundlage für diesen Erfolg war die taktische Meisterleistung von Trainerfuchs Herberger. In der Vorrunde hatte der "Chef", dessen Fußball-Weisheiten ("Der Ball ist rund", "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel") Legende wurden, gegen die Ungarn nur die zweite Garnitur auf den Platz geschickt. Acht Gegentreffer kassierte der unglückliche Ersatz-Keeper Heinz Kwiatkowski von Borussia Dortmund, der sich ein angenehmeres Länderspieldebüt gewünscht hatte. Heftige Kritik von deutschen Zeitungen und Beobachtern mussten Mannschaft und Trainer nach dieser Blamage einstecken, mancherorts war gar von Sabotage die Rede. Was immer Herberger sich gedacht hatte, im Finale rechneten die Ungarn mit einem leichten Spiel.
In den anderen Vorrundenspielen hatte die deutsche Elf in Bestbesetzung mit Siegen gegen die Türkei (7:2), gegen Jugoslawien (2:0) und im Halbfinale gegen Österreich (6:1) ihre Leistungsfähigkeit angedeutet. Herberger war es gelungen, aus elf Individualisten ein schlagkräftiges Team zu formen.
Wichtigster Pfeiler des deutschen Erfolgs war der 34-jährige Kapitän und Spielgestalter Fritz Walter, der zusammen mit seinem Bruder Ottmar, Werner Liebrich, Werner Kohlmeyer und Horst Eckel den Kaiserslauterner Kern der Nationalmannschaft bildete. Aufgrund seiner technischen Fähigkeiten, die er ganz in den Dienst der Mannschaft stellte, avancierte Fritz Walter zum besten Spieler des Turniers.
Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) hob in seiner Gratulation die Dimension dieses WM-Siegs hervor: "An Ihrem großartigen Erfolg nimmt das ganze deutsche Volk mit größter Freude Anteil." Die Rückkehr in die Bundesrepublik geriet zu einem Triumphzug für die "Helden von Bern". Bereits in Lindau, wo die Mannschaft auf ihrer Rückreise Station machte, wurden Spieler und Trainer von einer begeisterten Menge gefeiert. Die Begrüßungsfeier in München ähnelte einem Staatsbesuch. Eine unüberschaubare Menge säumte die Straßen, als die Spieler im Autokorso zum Rathaus chauffiert wurden.
Die Teilnehmer
- Gruppe 1:Brasilien, Jugoslawien, Frankreich, Mexiko
- Gruppe 2:Ungarn, Türkei, Deutschland, Südkorea
- Gruppe 3: Uruguay, Österreich, Tschechoslowakei, Schottland
- Gruppe 4:England, Italien, Schweiz, Belgien
Weltmeisterschaft 1954
- Viertelfinale
- 26.6. Österreich – Schweiz 7:5 (5:4)
- 26.6. Uruguay – England 4:2 (2:1)
- 27.6. Deutschland – Jugoslawien 4:2 (2:1)
- 27.6. Ungarn – Brasilien 4:2 (2:1)
- Halbfinale
- 30.6. Deutschland – Österreich 6:1 (1:0)
- 30.6. Ungarn – Uruguay 4:2 (1:0, 2:2) n.V.
- Spiel um den 3. Platz
- 3.7. Österreich – Uruguay 3:1 (1:1)
- Endspiel
- 4.7. Deutschland – Ungarn 3:2 (2:2)
- Deutschland: Turek, Pospial, Kohlmeyer, Eckel, Liebrich, Mai, Rahn (2), Morlock (1), O. Walter, F. Walter, Schäfer
- Ungarn: Grosics, Buzansky, Lantos, Bozsik, Lorant, Zakarias, Czibor (1), Kocsis, Hidegkuti, Puskas (1), M. Toth



