»Was dort erfunden wird, ist möglicherweise weit weniger fantastisch als die Multifunktionsarmbanduhren oder die mit bizarren Waffensystemen ausgerüsteten Aston Martins des Geheimagenten 007, aber man wird sich die allerneuesten Forschungsergebnisse zunutze machen, um dem Terrorismus in Zukunft technologisch gewachsen zu sein«, heißt es in dem Bericht. Und Ken Brigden, der Direktor des dem Verteidigungsministerium unterstellten »Wissenschaftlichen und technologischen Zentrums zur Terrorabwehr« in Porton Down in der Grafschaft Wiltshire, ist der Mann, der vielleicht bald als »Q« berühmt werden wird. »Dieses Zentrum wird Spitzenkräfte aus dem Verteidigungsministerium, der Wissenschaft und der Industrie versammeln, hervorragende Experten auf dem Gebiet der Abwehr terroristischer Bedrohungen durch chemische, biologische, radiologische, atomare und konventionelle Kampfstoffe«, sagte er gegenüber der Times. »Die terroristische Gefahr wächst ständig, und das Zentrum wird darauf reagieren; aber nicht nur gegenwärtige, sondern auch neue, im Entstehen begriffene Bedrohungen wird man im Keim ersticken.«
Nicht Science Fiction, sondern Science Fakt
Die Meldung dürfte kaum überraschen. Die Erfindungen, derer sich Bond bedient, sind stets auf dem allerneuesten technischen Stand, und ihre Verwendung in den Filmen war letztlich nur der Auslöser dafür, dass so manche auch Eingang in die Alltagswelt fanden. Bei den James-Bond-Filmen handelt es sich keineswegs um Science-Fiction, weshalb Albert »Cubby« Broccoli, einer der Produzenten der Serie und die treibende Kraft hinter ihrem Erfolg, sie auch gern als »Science-Fact« bezeichnete. »Die Bond-Filme sind um fünf Minuten in die Zukunft hineinverlegt«, sagt er. »Man kann mit den bestehenden technischen Möglichkeiten alles machen, vorausgesetzt man investiert entsprechende Summen in ihre Entwicklung.« Allem Anschein nach ist die Q-Abteilung, dem britischen Steuerzahler sei’s gedankt, finanziell bestens ausgestattet, und die besagten »entsprechenden Summen« werden das scheinbar Unmögliche Realität werden lassen.
Der Diplomatenkoffer, der Bond zu Beginn des Films Liebesgrüße aus Moskau (1963) ausgehändigt wird, rettete ihm dank eingebautem Wurfmesser und Tränengaspatrone mehr als einmal das Leben. Das Kinopublikum zeigte sich restlos begeistert, und Bonds Besuche bei Q gehörten schon bald zu den Highlights der Filmreihe. In Goldfinger (1964) erhält Bond mit dem Aston Martin DB5 sein erstes maßgeschneidertes Spezialfahrzeug, das wohl berühmteste Auto der Welt. Es bietet neben eher praktischen Ausstattungsmerkmalen wie drehbaren Nummernschildern und schusssicheren Scheiben auch ausgefallenere Bond-typische Extras: Nebelwand- und Ölteppichdüsen, Maschinengewehre und einen Schleudersitz. (»Schleudersitz? Das ist doch wohl ein Scherz!«, sagt Bond grinsend. Darauf Q’s knappe Antwort: »Ich scherze nie, wenn es sich um meine Arbeit handelt, 007.«) Als 1986 der Bond-Darsteller Timothy Dalton den Aston Martin V8 in Empfang nahm, hatte man die ausfahrbaren Reifenschlitzer in den Radnaben des Vorgängermodells mit Schneekufen und Raketenwerfern ersetzt – klar, dass die Q-Abteilung niemals schläft.
Bond-Fahrzeuge
Bond standen im Lauf der Jahre diverse Automodelle zur Verfügung. Roger Moore etwa fuhr in Der Spion, der mich liebte (1977) einen tauchfähigen Lotus Esprit, komplett mit Periskop und zusätzlich mit Minenwerfer und Boden-Luft-Raketen aufgerüstet. Weiterhin konnte das Gefährt mit einer höchst effektiven, wenn auch überzogenen Diebstahlsicherung aufwarten: Bei dem Versuch es aufzubrechen, explodierte es und flog samt Autoknacker in die Luft. Als Pierce Brosnan in dem Streifen Der Morgen stirbt nie (1997) in Hamburg eintrifft, um gegen den Medien-Mogul Elliot Carver anzutreten, ist natürlich Q längst am Mietwagen-Schalter zur Stelle und übergibt ihm einen maßgeschneiderten BMW 750iL. Vielleicht weil man aus den Erfahrungen mit dem Lotus gelernt hatte, bestand die Diebstahlsicherung nun in einer bescheidenen 20000-Volt-Elektroschockvorrichtung in den Türgriffen. Natürlich enthielt das Auto auch das unverzichtbare Arsenal an Bordwaffen und konnte darüber hinaus von Bond via Handy ferngesteuert werden (Letzteres diente auch als Elektroschockwaffe, war zusätzlich mit einem Dietrich ausgerüstet und wahrscheinlich auch zum Telefonieren geeignet). Oft jedoch ist ein fahrbarer Untersatz mit vier Rädern nicht genug. Nur allzu oft nämlich musste sich Bond auch in die Luft und aufs Wasser begeben, aber die stets erfindungsreiche Q-Abteilung ließ ihn auch in diesen Situationen nie im Stich. So war der Mini-Mundlufttank aus Feuerball (1965) die ideale Ergänzung zu Bonds Raketenrucksack. Und in Der Spion, der mich liebte beförderte ihn ein Wassermotorrad zu Strombergs sagenhafter Unterwasserstadt Atlantis.
In Man lebt nur zweimal (1967) überflog Bond auf der Jagd nach Blofeld die Vulkanwelten Japans in einem Little Nellie genannten Kleinhubschrauber, dem nach dem Aston Martin wohl zweitberühmtestem Bondgefährt. Zerlegt hatte Little Nellie in gerade mal vier Koffern Platz, konnte sich aber in einem atemberaubenden Nahkampf gegen die richtigen Hubschrauber der Verbrecherorganisation SPECTRE dennoch behaupten, nicht zuletzt dank mitgelieferter Flammenwerfer, Luftminen und Wärmeleitraketen. In Octopussy (1983) war mehr Tempo gefragt, und Bond stieg auf den Minijet Acrostar um, das kleinste Düsenflugzeug der Welt mit einer Höchstgeschwindigkeit von sage und schreibe 500 Stundenkilometern. Die Q-Abteilung schaffte es dieses Mal nicht, ihn auf vier Koffer zu verteilen, aber dank einklappbarer Tragflügel reichte für den Transport ein Pferdeanhänger mit herausragendem künstlichem Pferdehinterteil. Q selbst verwandte im selben Film ein weitaus antiquierteres Luftfahrzeug: einen Heißluftballon, den (natürlich) eine britische Fahne schmückte.
Handliche Hilfe
In welchen Schwierigkeiten 007 auch steckt, kann er sich doch stets darauf verlassen, dass die eine oder andere Erfindungen Q’s zur Hand ist – oder zumindest wenige Zentimeter von der Hand entfernt am Handgelenk. Denn verborgen in seiner Armbanduhr, die unweigerlich dem explosiven Höhepunkt entgegentickt, finden sich diverse nette kleine Helfer. Je nachdem für welche Uhr er sich am Morgen des jeweiligen Tages entschieden hat, könnte er auf eine Kreissäge zurückgreifen, Nachrichtendrucker, Sprengstoff samt Zünder, Sender, TV-Monitor, Peilsender, Seilwinde oder Brennlaser. Dagegen dürfte Q nicht immer mit der Verwendung einverstanden sein, die Bond für diese Extras findet – wer bestückt schon gerne, in jahrelanger akribischer Entwicklungsarbeit, Armbanduhren mit Hochleistungs-Elektromagneten, nur damit 007 attraktiven italienischen Spioninnen leichter an die Wäsche, sprich den Rückenreißverschluss gehen kann.
Die Gehirne der Q-Abteilung verwandeln die harmlosesten Gegenstände in teuflisch raffinierte Waffen. So brauchte man in Der Hauch des Todes (1989) nur die ersten Töne von »Rule Britannia« zu pfeifen, und schon setzte ein Schlüsselanhänger Betäubungsgas frei. Drei Klicks auf Bonds silbernen Kugelschreiber bringen die darin eingebaute Granate zur Explosion, und das Säurereservoir eignet sich perfekt zum Schreiben garantiert tödlicher Briefe. In seiner Brieftasche findet sich, nebst der Playboyclub-Mitgliedskarte, eine Kreditkarte mit eingebautem Dietrich. Und ein mit Sprengstoff vollgepackter Wecker garantiert, dass niemand, der in die Versuchung kommen sollte, ihn zu benutzen, je wieder aufwacht.
Q - das Original
Q ist eindeutig ein Mann, der seine Arbeit liebt. Bei der Vorführung eines als tragbare Stereoanlage getarnten Raketenwerfers ruft er entzückt aus: »Das entwickeln wir für die Amerikaner – wir nennen es Ghettoblaster!« In Diamantenfieber (1971) zeigt er das verschmitzte Lächeln eines kleinen Jungen, als er sämtliche Spielautomaten von Las Vegas ausplündert, indem er diese mit Hilfe eines am Ringfinger getragenen Elektromagneten genau im richtigen Moment zum Stoppen bringt. Deutlich genervt wirkt er jedoch, sobald er James Bond die Spielregeln erklären muss. Es ist auch leicht nachvollziehbar, warum Q in Bonds Anwesenheit stets gereizt reagiert, bekommt er doch die kostbaren Ausrüstungsgegenstände selten heil zurück. Obwohl die Q-Abteilung 007 noch nie im Stich gelassen hat, verhält sich Bond meist ziemlich egoistisch und auf die Ermahnung, die technischen Spielereien ausnahmsweise zurückzugeben, und zwar intakt, antwortet er in dem Film Goldfinger lakonisch: »Sie glauben gar nicht, wie hoch der Verschleiß an der Front ist.«
Q erhält die Chance, sich selbst ein Bild vom Verschleiß an der Front zu machen, als er in Der Hauch des Todes Bond zu Hilfe eilt, der in diesem Film auf einem persönlichen Rachefeldzug ohne Auftrag von M agiert. Q kostet jede Minute seines Auftritts aus und trägt zur Aufklärung des Falls bei, indem er die Gegenspieler als Straßenkehrer verkleidet ausspioniert. Nachdem er die gewonnenen Informationen über einen im Besenstiel eingebauten Sender weitergeleitet hat, wirft er den Besen achtlos weg – so viel zum Thema respektvoller Umgang mit Staatseigentum!
Aus Q wird R
Im Streifen Die Welt ist nicht genug kündigt Q seinen Rückzug ins Privatleben an (leider verstarb Desmond Llewelyn kurz nach Erscheinen des Films, nachdem er diese Rolle 17-mal verkörpert hatte) und gibt den Stab an seinen Nachfolger weiter (von Bond scherzhafterweise R genannt). Seine letzten an Bond gerichteten Worte nahm er sich auch selbst zu Herzen. »Halte dir immer einen Fluchtweg offen«, lautet sein Ratschlag an Bond, worauf er über eine Falltür im Boden abgeht.
Im bislang letzten Bond-Film, Stirb an einem anderen Tag, kommt 007 auf einem Gang durch die Q-Abteilung an einigen der zahlreichen Gadgets vorbei, die ihm Q im Lauf der Jahre zur Verfügung gestellt hat, aber es gibt auch zahlreiche neue Ausrüstungsgegenstände. Der so genannte Ultrahochfrequenzring sieht wie ein gewöhnlicher Ehering aus – wie ihn Bond nie mehr getragen hat, seit seine Frau Tracy di Vincenzo in Im Geheimdienst ihrer Majestät von Blofeld ermordet wurde –, verborgen in seinem Inneren jedoch findet sich eine Vorrichtung, die nach einer kompletten Umdrehung im Uhrzeigersinn Schallwellen aussendet, die sogar Panzerglas durchdringen. Ebenso beeindruckend ist Bonds umgerüstete Omega Speedmaster, das ideale Accessoire für einen Mann, der nicht viel Zeit zum Töten hat. Diese maßgeschneiderte Armbanduhr enthält nicht nur eine Sprengeinheit mit 500 m Reichweite, sondern ist zudem mit einem Laser ausgestattet, der mit Temperaturen von bis zu 5000 °C Gegenstände durchschneidet. Wie Bond in Stirb an einem anderen Tag feststellen muss, würde eine weniger leistungsstarke Uhr das Eis ohnehin nicht zum Schmelzen bringen.
In Stirb an einem anderen Tag bekommt Q alias »R« auch die Chance, seine seit dem tauchfähigen Lotus aus dem Film Der Spion, der mich liebte ehrgeizigste Kreation zu präsentieren: einen Aston Martin V12 Vanquish neuster Bauart. »Vanish« wäre vielleicht die passendere Bezeichnung, denn zusätzlich zu der schon standardmäßigen Ausstattung – Panzerglas, Beifahrerschleudersitz, Raketen-, Maschinengewehr- und Granatenbewaffnung – verfügt dieses spezielle Modell über ein einzigartiges Tarnsystem, das es die Farbe der Umgebung annehmen lässt, wodurch es nahezu unsichtbar wird.
Während die Welt voller Spannung darauf wartet, was sich die Q-Abteilung für das neueste Bond-Abenteuer, Casino Royale, hat einfallen lassen, würde »R« die Sorgfalt, den Einfallsreichtum und die Erfahrung sicher zu schätzen wissen, die in die Zusammenstellung der ultimativen James-Bond-DVD-Kollektion geflossen sind; denn deren Inhalt übertrifft die »übliche Ausstattung« bei weitem. Und sollten die digital aufbereiteten Filme und das digitale Surround-Sound-System DTS 5.1 Sie nicht in ihren Bann ziehen, können Sie sich darauf verlassen, dass jede einzelne Scheibe wahrscheinlich mehr Extras enthält als die ganze Q-Abteilung zusammen.



