

Rabea Edel wollte keine klassische Liebesgeschichte schreiben. Die Geschichte dieser zwei Schwestern sei nicht nur neu, sondern auch »viel interessanter«. Und viel beängstigender: Je näher die Schwestern einander, je näher sie Gregor kommen, desto fremder werden sie sich. »Ich bin nicht die, die du suchst«, denkt die Ältere der beiden, als sie zu Gregor zieht. Doch sie sagt es ihm nicht. Nähe provoziert Lügen, Lügen schaffen Distanz. Das erlebt die Ich-Erzählerin mit Gregor, das erlebt sie zugleich mit ihrer Schwester: »Lina stand am Küchenfenster und beobachtete uns. Ihr Gesicht war leer, ausgeruht und alles andere als hungrig, nicht so, wie sonst. Lina hörte nicht mehr auf das, was ich ihr sagte. Sie gewöhnte sich eine Handbewegung an, als verscheuche sie ein kleines Tier.« Ja, Rabea Edel hat eine ältere Schwester. Aber das Verhältnis der beiden ist ganz anders als das der Romanfiguren, betont die Autorin. Nein, darüber mag sie nicht sprechen. Nicht weil da ein Geheimnis wäre. Nur ist es nicht wichtig für ihren Roman, dass sie ihre Schwester gern in Hamburg besucht, Zwischenstation auf dem Weg zu den Eltern in Cuxhaven macht, der Älteren ihre abgeschlossenen Texte zu lesen gibt. Nein, da hat sie Recht: »Das Wasser, in dem wir schlafen«, diese große Geschichte über das stärkste und hier zugleich traurigste aller Gefühle, kann nicht so platt autobiografisch sein. Nein, das ist die Geschichte einer ungeheuer feinfühligen Autorin, die vielleicht noch nicht die schmerzhaftesten Momente ihres Lebens erfahren hat, die aber die Sehnsucht nach dem größten, die Härte des traurigsten aller Gefühle erkennt. Zu große Liebe, zu große Sehnsucht. Sie bringen in Edels Roman Lina den Tod. Doch die Autorin sieht einen Hoffnungsschimmer. Eine Schwester überlebt. Das Ende ist offen, sie könnte ein neues Leben beginnen.
Ist das zynisch? Ist das böse? Der Tod der Schwester als erste, als vielleicht einzige Chance auf ein freies Leben? Nein, es ist wohl einfach so. Und Rabea Edel hat den Mut, es zu sagen. Kühl, direkt, präzise. Dann lächelt sie, bringt ihren Gast fürsorglich zum Zug. Die Zeiger der Wanduhr über den Spielautomaten, an denen junge Männer stehen, stehen unbeweglich auf zwölf. Im Bahnhofscafé sitzt eine Nonne, am Marmortisch, trinkt, den Koffer zwischen die Beine geklemmt, einen Cappuccino und liest in der Bibel. Das ist das Leben. Die ganz großen Dinge brauchen keine pompösen Kulissen. Rabea Edel geht hinaus in die Kälte, nach neuen einfachen, perfekten Wörtern suchen für die Sehnsucht, die man Leben nennt.
Rabea Edel: Das Wasser, in dem wir schlafen, Luchterhand, ca. 160 Seiten, 16,95 Euro
(erscheint am 24. Februar)




