Streicheleinheiten für sensible Seelen
Wenn der Deutschen liebster Talkmaster, Thomas Gottschalk, eine verlorene Wette einlöst und dafür einen Tag lang den Chefredakteur der BILD spielt, dann wirft auch das ein Licht auf den Gemütszustand der Deutschen. Denn bei Gottschalk durften es nur gute Nachrichten sein, die in „seiner“ Ausgabe gedruckt wurden. Können wir Deutschen mit schlechten Nachrichten nicht gut umgehen? Oder hat unsere sensible Seele einfach einmal umfassende mediale Streicheleinheiten nötig? Wenn Massenmedien von Bedrohung sprechen oder schreiben, dann bricht die Angst plötzlich an der Fleischtheke oder auf dem Bahnhof aus.
Hat die Angst „ihr Verhältnis zur Erfahrung verloren“, wie der britische Soziologe Frank Furedi in seinem Buch „Politics of Fear“ behauptet? Tatsächlich scheint nicht mehr die die unmittelbare, reale Bedrohung Auslöser vieler Ängste zu sein, sondern vielmehr Stimmungen und die eigene Wahrnehmung der Realität.
Was sind Ängste eigentlich?
Wer kennt das nicht: Plötzlich beginnen die Knie zu zittern, Schweiß bricht aus oder man beginnt zu stottern. Oft sind das klare Anzeichen für einen Angstzustand. Doch Ängste stimulieren auch das Nervensystem, steigern die Konzentration und die Handlungsbereitschaft. Ohne Ängste hätten unsere Vorfahren nicht überleben können. Und auch für uns gehören sie zum Leben dazu. In der Psychologie wird in diesem Zusammenhang meist zwischen Furcht, Angst und Ängstlichkeit unterschieden. Furcht gilt oft als Spezialfall der Angst im Fall einer unmittelbaren realen Bedrohung. Unter Ängstlichkeit wird immer wieder eine „chronische Erregungsbereitschaft“ – eine generelle Ängstlichkeit – verstanden. Die Unterscheidung zwischen Ängstlichkeit und Angst ist allerdings umstritten. Nach Berechnung des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie leiden mehr als acht Millionen erwachsene Deutsche an behandlungsbedürftigen Ängsten, Depressionen oder ähnlichen Störungen. Zu den klinisch auffälligen Ängsten gehören
- Agoraphobie (u. a. Platzangst, Klaustrophobie oder Situationsphobie)
- Hypochondrie
- Soziale Ängste
- Angstneurosen
- Blutphobie und Höhenangst
- Psychotische Ängste
- Ängste bei Zwängen
Weit verbreitet: Depressionen
Die im Zusammenhang mit Ängsten mit Abstand verbreitetste krankhafte Störung aber ist die Depression. Depressiv im umgangssprachlichen Sinne ist zwar jeder einmal. Aber zwischen depressiver Verstimmung und einer behandlungsbedürftigen Depression sind die Grenzen oft fließend. Und nicht selten ist eine anhaltende Depression eine lebensbedrohliche Erkrankung. Experten gehen davon aus, dass von den pro Jahr mehr als 11.000 Selbstmorden in Deutschland eine Depression der Hintergrund für die meisten Suizide ist. Die Zahl dieser Todesopfer ist übrigens größer als bei Verkehrsunfällen, Gewalttaten, Drogen und Aids zusammen. Die Zahl der Selbstmordversuche allerdings wird auf das Zehn- bis Fünfzehnfache geschätzt. Kein Wunder also, dass der Münchner Psychoanalytiker Wolfgang Schmidtbauer in seinem 2005 erschienenen Buch „Lebensgefühl Angst“ eine neue deutsche „Generation Angst“ ausgemacht hat. Doch worin liegen die Gründe für die Ängste der Deutschen?
Wovor die Deutschen sich fürchten
„Die Ängste der Deutschen“ heißt eine von der R+V Versicherung beauftragte Studie, die auf repräsentativen Umfragen basiert und 2006 bereits zum 16. Mal von einem unabhängigen Marktforschungsinstitut durchgeführt wurde. 2.400 Deutsche wurden nach ihren größten Ängsten befragt. An den Ergebnissen der letzten Jahre lässt sich ablesen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen wirtschaftspolitischer Stimmung und der Ausprägung von Ängsten. 2006 haben sich laut Studie wirtschaftspolitische Themen „in den Vordergrund gedrängt“. Wie seit Jahren nahezu durchgängig auf Platz 1, steht auch in der aktuellen Untersuchung die Furcht vor steigenden Preisen ganz oben im Ranking der Ängste der Deutschen. Wohlstand und soziale Sicherheit sind für das Selbstgefühl offenbar besonders wichtig. Auf Platz 2 steht die Unzufriedenheit mit den Politikern. Fast zwei Drittel der Deutschen stellt ihnen ein schlechtes Zeugnis aus. Damit hat sich dieses Thema vom sechsten auf den zweiten Platz nach vorn geschoben. Persönliche Sorgen sind demgegenüber gesunken, beispielsweise die Angst, schwer krank oder pflegebedürftig zu werden. Am stärksten zurückgegangen ist die Furcht, den eigenen Job zu verlieren: hier ist ein Minus von 14 Prozentpunkten zu verzeichnen. Leicht rückläufig ist 2006 auch die Angst vor Terrorismus, sie bleibt mit 41 Prozent jedoch auf hohem Niveau.
Das Leben als ständiger Kampf
Dass ihnen die gesellschaftlichen Veränderungen Angst machen, haben auch fast zwei Drittel der 3000 angegeben, die vom Meinungsforschungsinstitut Infratest im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung befragt wurden. Die Ergebnisse der viel diskutierten Studie um die Begriffe „Unterschicht“ und „Prekariat“: 46 Prozent empfinden ihr Leben als „ständigen Kampf". Nahezu ebenso viele (44 Prozent) fühlen sich vom Staat allein gelassen. Auch ihre eigene Lagebedrückt viele: Fast zwei Drittel (59 Prozent) geben an, dass sie sich finanziell einschränken müssen; knapp die Hälfte (49 Prozent) befürchtet, ihren Lebensstandard nicht halten zu können. Kein Zweifel: Die Angst frisst sich immer weiter in die Gesellschaft und in die Seelen hinein.



