In den Korridoren der Macht bei den Vereinten Nationen - wo es zum Tagesgeschäft gehört, Kriege, Katastrophen und globale Krisen zu diskutieren und manchmal auch abzuwenden - zählt jedes einzelne Wort. Niemand weiß das besser als die hervorragend ausgebildeten und sprachlich hochbegabten Dolmetscher der UN, die ihre Tage in schalldichten Kabinen verbringen und sicherstellen, dass die mit Vorsicht ausgewählten Reden der Führer dieser Welt nicht missverstanden werden, während sie Friedensabkommen aushandeln, die sich auf das Leben von Millionen auswirken. Normalerweise hören Dolmetscher einfach nur zu und übersetzen. Es ist ihnen nicht erlaubt, sich einzumischen. Aber was wäre, wenn eine Dolmetscherin ein Geheimnis mithören würde, das so hochbrisant ist, so gefährlich für die Welt, dass sie es nicht für sich behalten könnte? Und was, wenn sie ohne jeden Zweifel wüsste, dass durch die Aufdeckung der Bedrohung ihr eigenes Leben in tödliche Gefahr geriete?
Dieses packende Szenario wurde zum Ausgangspunkt von Sydney Pollacks neuester Inszenierung eines hochspannenden und provokanten Thrillers: „Die Dolmetscherin“ kombiniert dabei eine klassische Geschichte zweier Menschen, die in einem Wettlauf mit der Zeit eine Verschwörung aufdecken müssen, mit aktuellen Themen über globale Vernetzung, Terror, die Gefahr der Fehlinterpretation und die zwingende Notwendigkeit, die Wahrheit zu sagen.
Pollack: “Die Dolmetscherin gefiel mir aus mehreren Gründen“
Für Pollack - der bei „Die drei Tage des Condor“ mit Robert Redford und Faye Dunaway in die furchteinflößende, mit hohen Einsätzen spielende Welt einer außer Kontrolle geratenen CIA-Operation eintauchte; in „Die Sensationsreporterin“ mit Paul Newman und Sally Field über Liebe, Rache und Macht im Arbeitsfeld der Medien erzählte; und in „Die Firma“ mit Tom Cruise und Gene Hackman die dunkle und grausame Seite der Konzernanwaltschaft beleuchtete - schien „Die Dolmetscherin“ genau die Direktheit, Komplexität und emotionale Aufrichtigkeit zu haben, die ein politischer Thriller in unserer Zeit braucht.
Dazu sagt Pollack: „Die Dolmetscherin“ gefiel mir aus mehreren Gründen. Die inneren Zirkel der UN und der diplomatischen Welt erschienen mir als ein sehr unverbrauchtes und derzeit sehr angemessenes Umfeld. Diese Umgebung verdeutlicht die persönlichen Konflikte zwischen Silvia und Tobin, zwei Charakteren, die unterschiedliche Weltanschauungen haben und diese Hindernisse zwischen sich anfangs auch nicht überwinden können. Eine weltgewandte, intelligente Frau, die wirklich in die Kunst der Diplomatie vertraut, an Worte anstelle von Gewalt, trifft auf einen Polizisten, der sich mit den hässlichsten und schlechtesten Seiten der menschlichen Natur beschäftigt. Die Unwahrscheinlichkeit, dass diese zwei Menschen sich innerhalb des Kontexts einer möglicherweise explosiven internationalen Situation treffen und unter enormem Zeitdruck ein Geheimnis aufdecken müssen - das erschien mir als vielschichtiger Stoff für einen Film.“
Die Frage des Drehortes
Die Enttäuschung war groß für Pollack, als er erfuhr, dass noch nie ein Spielfilm in den Mauern des UN-Gebäudes im Osten Manhattans gedreht worden war, das trotz seiner bedeutenden Rolle in der modernen Welt bis heute für Kameras unzugänglich geblieben ist. Selbst Alfred Hitchcock bekam keine Drehgenehmigung für seinen Klassiker „Der unsichtbare Dritte“ von 1959, und dem Meister des Suspense-Thrillers blieb nichts anderes übrig, als die berühmte Besucherlounge im Studio nachbauen zu lassen. Aber durch eine außergewöhnliche persönliche diplomatische Mission gelang es Pollack, einen bisher nicht möglichen Zugang auszuhandeln, sodass „Die Dolmetscherin“ Blick auf einen Teil der internationalen Machtstruktur ermöglicht, wie man ihn noch nie zuvor auf der Leinwand bekommen hat.
Charles Randolph, der zusammen mit Scott Frank und Steven Zaillian das vielschichtige Drehbuch schrieb, sagt: „Die UN ist wirklich das perfekte Umfeld, um für unsere heutige Welt die Art von internationaler Intrige zu erzeugen, die man mit klassischen Filmen wie beispielsweise jenen von Hitchcock verbindet. Entscheidungen, die an den Machtstellen der UN getroffen werden, haben eine ungeheure Auswirkung in der ganzen Welt, und gerade jetzt steht mehr auf dem Spiel als je zuvor, und das macht dies zu einem außergewöhnlichen Ort für zwei normale, verletzliche Menschen, die in eine scheinbar riesige Verschwörung hineingezogen werden, die sie aber unbedingt aufhalten müssen.“
Das Konzept
Das Konzept für „Die Dolmetscherin“ entstand zuerst in den Köpfen der Produzenten Eric Fellner und Tim Bevan bei der Produktionsfirma Working Title Films. Sie wollten eine Geschichte auf dem Feld der internationalen Diplomatie ansiedeln, auf dem die Handlungen einer einzigen Person - oder auch deren Worte - Folgen für die Menschen auf der anderen Seite des Globus haben kann. Bevan erinnert sich: „Ursprünglich kam Eric und mir vor Jahren der Gedanke an einen Dolmetscher, jemanden, der in dieser erlesenen Welt von Staatsmännern und Politikern existiert, und der plötzlich per Zufall in eine Lage gerät, den Fortgang von etwas zu verändern, das für die Welt von Bedeutung ist. Dieser Ansatz ließ und nicht mehr los und im Laufe der Zeit wurde er immer relevanter.“
Eigentlich war Kevin Misher, der damals Präsident der Produktionsabteilung bei Universal Pictures war, auf der Suche nach einem Politthriller in der Art klassischer Hitchcock-artiger Geschichten über Intrigen und mit überraschenden Wendungen. Misher hatte Fellner und Bevan angesprochen, denn „ich hoffte, sie hätten einen derartigen Stoff irgend-wo in der Schublade liegen. Mir schwebte ein Thriller vor, der in der besten Tradition großartiger Filme bedrohliche Spannung mit Einblicken in die politischen Realitäten verbindet. Die brillante Idee, das Ganze in der UN spielen zu lassen, war einfach zu gut, um die Gelegenheit vorbeiziehen zu lassen.“ Working Title präsentierte die Idee für die Geschichte... und das Projekt begann, Form anzunehmen.
In der Zeit, in der das Filmprojekt voranschritt, verließ Misher seine Stelle beim Studio, um als unabhängiger Produzent zu fungieren, und als Fellner und Bevan ihm anboten, weiterhin mit ihm als Produzenten zu arbeiten, sagte Kevin sofort zu.
Misher erzählt: „Für mich als Produzent und in New York geborenen und aufgewachsenen Menschen ergab sich hier tatsächlich die Möglichkeit, einen Film zu drehen im Sinne der klassischen New Yorker Thriller der 70er, mit denen ich aufgewachsen war. Als Tim sagte, 'lass uns diesen Film zusammen machen, habe ich ohne Zögern ja gesagt.“
Die Vorbereitung
Von Anfang an versuchte die Produktion, die Vereinten Nationen einzubinden und stattete der UN einen Besuch ab, noch bevor mit dem Drehbuch begonnen wurde. „Wir trafen uns mit Sicherheitsbeamten, Angestellten und Dolmetschern, und wir machten einen ausführlichen Rundgang durch das Gebäude, was alles sehr inspirierend war“, erinnert sich Misher. „Eine Sache, die uns sehr beeindruckte und die wir im Film vermitteln wollten, ist die dynamische und wichtige Rolle, die die UN in unserer global vernetzten Welt spielt. Für einen Außenstehenden ist es faszinierend, etwas vom Inneren dieser Institution zu sehen.“
Wer führt Regie?
Zu diesem Zeitpunkt begann auch die Suche nach einem Regisseur. Für die Produzenten war Sydney Pollack von Anfang an in ihrer Wunschauswahl mit dabei - und sie hatten das Glück, dass der Oscar-prämierte Filmemacher das Drehbuch bereits gelesen hatte und die Produktion für eine Terminvereinbarung kontaktierte.
„Ich erinnere mich daran, dass Sydney in fast übertrieben bescheidener Manier das Zimmer betrat und über diesen Thriller „Die drei Tage des Condor“ sprach, den er vor vielen Jahren gedreht hatte - und der für uns natürlich ein Vorbild war für jene Art von Film, wie wir ihn drehen wollten. Dann begann er ausführlich über 'Die Dolmetscherin zu reden, erläuterte, wie ein guter Thriller aufgebaut sein muss und wie steigende Spannung und Intrige in eine menschliche Geschichte eingewoben werden. Wir erkannten sofort, dass er absolut mit dem Material vertraut war, und bereits jede Menge hervorragende Ideen darüber hatte, wie man es für das heutige Publikum interessant machen könnte. Wir schwebten im siebten Himmel“, so Misher rückblickend.
Pollack begann, mit den Drehbuchautoren zu arbeiten und stürzte sich in Nachforschungen über die Abläufe bei den Vereinten Nationen, das Leben der Dol-metscher und afrikanische Politik.
Ein Land wird erschaffen: Matobo
Schon früh traf man die Entscheidung, dass sowohl die Figur der Silvia Broome als auch die des bedrohten Staatsoberhauptes aus einem fiktiven afrikanischen Staat stammen sollten und nicht aus einer real existierenden Nation, von der die Zuschauer schon eine Vorstellung haben würden. Pollack erklärt: „Wir wollten kein existierendes Land nehmen, denn dann hätte die Gefahr bestanden, dass der Film zu sehr dokumentarische Züge bekommen hätte anstatt als fiktiver Thriller zu gelten. Aber wir achteten darauf, so authentisch wie möglich zu bleiben bei der Erschaffung einer auf Realität aufbauenden Staatshistorie und glaubhaften Sprache für unser erfundenes Land, so dass es einem als real existierend erscheint.“
Von Charles Randolph auf den Namen „Matobo“ getauft, erschuf man ein Land unterhalb der Sahara im südlichen Afrika gelegen, geographisch in der Nähe von Zimbabwe und Mosambik, zwei Länder, die zwar nicht Modell standen für Matobo, aber doch ihre eigenen Probleme mit Auseinandersetzungen und Kriegen hatten.
Randolph dachte sich eine komplette politische Wirklichkeit für das erfundene Land aus, basierend auf der modernen Geschichte des südlichen Afrika, mit postkolonialen Unruhen, Stammesfehden und Behördenkorruption. Dann entwickelten die Filmemacher gemeinsam mit Sprachwissenschaftlern eine imaginäre Sprache für Matobo, genannt „Ku“, das für die meisten Ohren absolut echt klingen würde.
Sydney Pollack erklärt: „Wir besuchten ein Sprachzentrum in England und arbeiteten dort mit einem Professor an der Entwicklung einer Sprache, die eine Kreuzung aus Swahili und Shona ist, zwei gebräuchliche Sprachen im östlichen und südlichen Afrika. Diese neue Sprache, Ku, enthält Elemente dieser beiden Sprachen sowie eine Reihe individueller Merkmale... und Nicole Kidman musste diese Sprache, die ja überhaupt nicht wirklich existiert, fließend sprechen lernen.“
Kofi Annan erteilt die Dreherlaubnis!
Während der Einsatz eines fiktiven afrikanischen Landes der dichten Geschichte des Filmes diente, wollte Pollack im Bezug auf die inneren Welten der UN größtmögliche Authentizität. Nachdem er die Standardabsage für Filmdreharbeiten im Gebäude der UN in Händen hielt, gab Pollack nicht einfach auf. Dank einer Reihe von Beziehungen gelang es ihm, letztlich direkt mit Generalsekretär Kofi Annan zu sprechen und um Erlaubnis für Dreharbeiten in der UN zu bitten.
„Einer der Gründe, weshalb mich 'Die Dolmetscherin so interessierte, war die Gelegenheit, in der UN zu drehen. Am Anfang ging ich ganz naiv davon aus, dass wir dieses Privileg haben würden“, erinnert sich Pollack. „Dann erfuhren wir, dass niemand mit Filmkameras in das Gebäude darf, und dass es auch noch nie eine Ausnahme von dieser Regel gegeben hatte. Unser Drehstart rückte immer näher, und wir bereiteten uns darauf vor, mit Miniaturen und computererzeugten Bildern zu arbeiten. Aber diese Aussicht gefiel mir so gar nicht, und ich war der Meinung, wir sollten eine letzte Anstrengung unternehmen. Nur wenige Amerikaner sind jemals im Inneren des UN-Gebäudes gewesen oder wissen, was wirklich darin vorgeht, und wir fanden es spannend, das zu zeigen. Ich fing an, alle und jeden anzurufen, von dem ich wusste, er hat irgendwelche Beziehungen, und schließlich gelang es mir, ein Treffen mit Kofi Annan zu bekommen.“
Die Schlüsselrolle für dieses Treffen spielte Shashi Tharoor, der als Under Secretary-General für Kommunikation und öffentliche Information bei der UN arbeitet, und der zu einem begeisterten Befürworter des Filmes wurde. Tharoor war der Ansicht, in unserer neuen Welt sei es Zeit, eine Ausnahme von den alten Regeln zu machen.
„Unsere Organisation hatte in der Vergangenheit eine restriktive Politik, aber ich war der Meinung, dass einige dieser Entscheidungen nicht sehr weise waren, denn die UN ist eine Institution, die wir ein bisschen entmystifizieren sollten“, erläutert Tharoor seine Entscheidung, Annan das Anliegen vorzutragen. „Wir sind zwar eine Organisation, die sich aus Regierungen zusammensetzt, aber wir arbeiten für die Völker dieser Welt, und ich glaube, es ist wichtig, diesen Menschen die UN näher zu bringen.“
„Die Grundstory von 'Die Dolmetscherin erschien mir die Werte zu vertreten, für die diese Institution steht“, fährt er fort. „Natürlich kommt dazu, dass der Kontakt mit jemandem wie Sydney Pollack eine Respektbezeugung gegenüber der UN ist, die ein unerfahrener Filmemacher vielleicht nicht vermittelt hätte. Dadurch wurde uns die Entscheidung erleichtert.“
Auch Kofi Annan war von Pollacks Vorschlägen angetan, aber Pollack war ehrlich, was seine Absichten anging. Der Regisseur erklärt: „Ich wollte ihm klar und deutlich sagen, dass ich keinen Werbefilm über die UN drehen wollte - dass es hier um Unterhaltung ging, die eine fiktive Welt erschafft. Zugleich sagte ich ihm aber, dass die Hauptfigur, gespielt von Nicole Kidman, leidenschaftlich die Prinzipien der UN vertritt, und das Silvia Broome jemand ist, der mit entsetzlicher politischer Gewalt aufgewachsen ist und sich für ein Leben im Dienst der Diplomatie entschieden hat. Ich erklärte, dass es eine Story ist, in der der Gebrauch von Worten über dem von Gewehrfeuer steht. Ich wollte es als eine Auseinandersetzung von 'Worten gegen Waffen verstanden wissen. Es war ein gutes Gespräch.“
Am Ende gab Annan der Produktion seinen Segen - aber erst, nachdem er auch die Erlaubnis der mächtigen 15 Mitglieder im Sicherheitsrat eingeholt hatte - und Pollack war nun der erste, der in so legendären Räumlichkeiten wie der Hauptversammlung drehen durfte, die man normalerweise höchstens einmal bei wichtigen Weltgeschehnissen in den Nachrichten zu Gesicht bekommt. „Es herrscht dort einfach eine Atmosphäre, die man nicht anders erzeugen kann, als wirklich vor Ort zu sein“, fasst Pollack zusammen.



