Schon von weither ist der Bau kaum zu übersehen: Gut 100 Meter ragen die höchsten Spitzen des wellenförmigen Dachs der Elbphilharmonie über dem Wasser auf. Die mit mehr als 2.000 teilweise gewölbten Scheiben verglaste Fassade spiegelt Himmel und Wasser wider und verleiht dem immerhin rund 200.000 Tonnen schweren Bau eine optische Leichtigkeit. Markant ist zudem der Kontrast des Glasgebäudes zu seinem Sockel, dem 37 Meter hohen, mit Backstein verkleideten Kaispeicher A.
Die Elbphilharmonie beinhaltet drei Konzertsäle, ein Luxushotel mit 244 Zimmern, Restaurants und 45 Eigentumswohnungen. Aber auch für diejenigen, die weder ein Konzertticket haben, noch sich ein Zimmer im Hotel leisten können, gibt es einiges zu Bestaunen. Denn der Bereich auf Höhe des Kaispeicherdachs ist für alle Besucher offen. Eine zum Wasser hin offene Plaza bietet einen spektakulären Rundumblick aus 37 Metern Höhe. Mit einer Fläche von etwa 4.000 qm ist die Plaza immerhin fast so groß wie der Hamburger Rathausmarkt. Außen umrundet zudem ein Weg das gesamte Gebäude.
Der Standort
Die Elbphilharmonie steht an einem historisch bedeutsamen Ort: im Sandtorhafen. 1875 wurde hier das damals größte Lagerhaus des Hamburger Hafens errichtet, der Kaiserspeicher. Schnell avancierte der neugotische Bau zu einem der Wahrzeichen der Stadt. Der Turm des Gebäudes hatte eine weitere Besonderheit: Er trug einen von weltweit nur 160 Zeitbällen – einer einen Meter großen Kugel, die um genau 12:00 Uhr mittags herunterfiel und damit allen Seeleuten und Hafenarbeitern eine Zeitreferenz gab.
Im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört, wurde der Kaiserspeicher 1963 gesprengt. Nach einem Entwurf von Werner Kallmorgen entstand 1966 an dieser Stelle der Kaispeicher A. Bis in die 1990er Jahre hinein wurden in ihm Kakao, Tee und Tabak gelagert. Erst mit dem Anstieg des Containertransports verlor der Kaispeicher A an Bedeutung und stand schließlich leer. Anfang der 2000er gab es daher den Plan, an Stelle des Speichers ein Bürogebäude – vorwiegend für die Medien-und Internetbranche zu errichten. Doch als nach der Ausschreibung des Projekts die Internetblase platzte, wurde der Plan fallengelassen.
Der Bau
Im Jahr 2003 kam schließlich die Idee auf, auf dem Kaispeicher ein Konzertgebäude zu bauen. Die Schweizer Star-Architekten Herzog & de Meuron lieferten dafür einen spektakulären Entwurf. Von diesem Architektenduo stammen unter anderem das Olympiastadion von Peking – das "Vogelnest", die Allianzarena in München und die Galerie Tate Modern in London. Ihr Entwurf sah vor, das verglaste Konzertgebäude mit integriertem Hotel, Wohnungen und anderen Komponenten einfach auf den Kaispeicher aufzusetzen.
Die aufwändigen Bauarbeiten für die Elbphilharmonie begannen mit der Grundsteinlegung am 2. April 2007. Das Gebäude des Kaispeichers wurde komplett entkernt, nur die Backsteinfassade blieb stehen. Damit das Fundament des alten Speichers die 200.000 Tonnen der Elbphilharmonie tragen kann, wurden zusätzlich zu den 1.111 Stahlbetonpfählen, auf denen der Kaispeicher A bislang ruhte, weitere 650 Pfähle 15 Meter tief in den Elbschlick gerammt.
Während des Baus kam es immer wieder zu Verzögerungen – wegen technischer Probleme, aber auch wegen Querelen zwischen dem Bauträger Hochtief und der Stadt. Kurz nach dem bereits stark verspäteten Richtfest im Jahr 2010 kam es deshalb sogar zwei Jahre lang zu einem kompletten Baustopp. Erst im Sommer 2013 wurde weitergebaut, im Sommer 2016 dann war der Bau endlich fertig. Die Kosten des Gesamtprojekts liegen bei 865 Millionen Euro – das ist mehr als das Zehnfache der ursprünglich veranschlagten Summe.
Die Fassade
Einzigartig ist die schillernde Glasfassade der Elbphilharmonie mit ihren 1.100 Fensterelementen. Denn die bis zu fünf Meter großen Scheiben bestehen aus mehreren Lagen Spezialglas, das eigens in Bayern angefertigt wurde. Jedes der knapp fünf Zentimeter dicken Glaselement wiegt bis zu 1,2 Tonnen und hält Orkanböen mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 km/h und sintflutartigen Regen aus – das wurde in einem Windkanal getestet.
Um die Fassade organisch zu gestalten und die fließenden Wellen der Dachkonstruktion der Innenräume aufzugreifen, sind zudem knapp 600 Scheiben auf jeweils unterschiedliche Weise gewölbt. Das Mehrfachglas wurde dafür auf 600 Grad erhitzt und auf den Millimeter exakt in Form gebogen. Damit sich das Gebäude durch Sonneneinstrahlung nicht zu sehr aufheizt, sind die Scheiben zudem mit einem Muster mit kleinen basaltgrauen und reflektierenden Punkten bedruckt, die das Sonnenlicht reflektieren.
Der Konzertsaal
Das Herz der Elbphilharmonie ist der große Konzertsaal. Wie auf Weinbergterrassen sind dort 2.100 Plätze um eine mittig liegende Bühne angeordnet. Kein Zuhörer ist weiter als 30 Meter vom Dirigenten entfernt. Schon jetzt schwärmen Musiker wie Testzuhörer von der grandiosen Akustik des Saals. "Wenn Gastdirigenten oder Solisten kommen, machen sie nach den ersten Tönen Augen wie das Kind vorm Weihnachtsbaum", beschreibt die stellvertretende Konzertmeisterin Marietta Kratz den Effekt.
Kein Wunder: Für den perfekten Klang war der berühmte japanische Akustiker Yasuhisa Toyota zuständig. Er prüfte während des Baus akribisch jedes Detail des Konzertsaals – bis hin zum Material und zur Konstruktion der Bestuhlung. Damit die Musik optimal von den Wänden und der Decke reflektiert wird, entwickelte der Akustiker eigens für die Elbphilharmonie die "Weiße Haut" – einer Verkleidung aus rund 10.000 individuell geformten Gipsfaserplatten. Die Platten sind aus Altpapier und Naturgips gefertigt und tragen ein millimetergenau eingefrästes 3D-Wellenmuster.
Für so wenig Schall wie möglich sorgt dagegen ein nicht sichtbarer Teil der Saalkonstruktion: Damit die Musik aus dem Saal nicht in die benachbarten Wohnungen und das Hotel dringt, ist der ganze, 12.500 Tonnen schwere Saal vom Rest des Gebäudes isoliert. Seine äußere Schale ruht auf 362 Spezialfedern, die alle Schwingungen schlucken.
Klar ist: Die Elbphilharmonie bildet ein Gesamtkunstwerk aus Architektur, Musik und der einzigartigen Lage am Hafen. Auch wenn die Hamburger lange auf ihre neue Philharmonie warten mussten: Das Warten hat sich offenbar gelohnt. Schon jetzt sind alle Karten der Konzerte bis Juni 2017 ausverkauft und die Elbphilharmonie gilt als das touristische "Must-See" der Hansestadt.



