Von der Kunstkammer zur Eremitage
Das Wort “Eremitage” kommt aus dem Französischen und bezeichnet eine Einsiedelei, die Behausung eines Einsiedlers oder Eremiten. Beliebt waren im 18. Jahrhundert die in herrschaftliche Parks und Gärten gebauten, den Eremitagen nachempfundenen einfachen Hütten und Höhlen. Auch größere Gebäude, die einem zurückgezogenen Leben dienten, wurden Eremitagen genannt: das pavillonartige Schloss Marly bei Versailles von Ludwig XIV. zum Beispiel oder das Lustschloss der Markgräfin Wilhelmine bei Bayreuth, das 1720 entstand.
Es war Katharina II. von Russland, die ihrer nur für sich und ganz wenige Auserwählte geschaffenen Kunstkammer (errichtet 1764/67) den Namen Eremitage (russisch Ermitasch) gab. 225 Gemälde bildeten den Grundstock ihrer exklusiven Sammlung. Ein Kunsthändler hatte die meist flämischen und holländischen Bilder für Friedrich den Großen in Berlin zusammengekauft, doch dem Preußenkönig fehlte das dafür nötige Geld. So gelangte der Schatz an den Zarenhof. Katharina die Große verfiel in einen Kunstrausch – sie erwarb und ersteigerte in ganz Europa Gemälde, Stiche, Zeichnungen, Münzen, Gemmen, Skulpturen und Bücher.
Erst viele Jahre nach Katharinas Tod 1796 kamen auch andere in den Kunstgenuss. Denn zunächst wurde die erste, noch barocke Kunstkammer, die “kleine” Eremitage, in den Jahren 1771/84 im Auftrag der Zarin um den heute “Alte Eremitage” genannten, klassizistischen Anschlussbau erweitert. Architekt war Jurij M. Veldten. 1837 zerstörte ein Großbrand das Schloss der Zarenfamilie und die Galerien, die Bilder aber wurden von tapferen Feuerwehrleuten gerettet. Katharinas Enkel Nikolaus I., der sich zu heiratspolitischen Verhandlungen 1838 in München aufhielt, konnte dort Leo von Klenze, den Hofbaumeister von König Ludwig I., überreden, ihm neben die wiederaufzubauenden Eremitagen einen Museums-Neubau zu stellen. Diese “Neue Eremitage” war das erste öffentliche Petersburger Kunstmuseum und wurde 1852 eröffnet.
Die Eremitage heute
In den mehr als 350 begehbaren Räumen der vier Gebäude – Teile des Winterpalais gehören auch dazu – sind in sechs Abteilungen gut 65 000 Objekte zu besichtigen. Neben der prähistorischen Sammlung mit archäologischen Funden, der Antikenabteilung mit Kunstwerken aus griechischer und römischer Zeit gibt es Sehenswertes der Völker des Ostens (Ägypten, Byzanz, China). Es folgen die Abteilungen westeuropäische Kunst (13. bis 20. Jahrhundert), russische Kunst (Ikonen) und die numismatische Abteilung mit immerhin 900 000 Münzen und Medaillen.
Klassische Meisterwerke wie Leonardo da Vincis “Madonna Litta”, Tizians “Danae”, Rembrandts “Saskia als Flora” sowie Caspar David Friedrichs berühmter “Mondaufgang am Meer” bilden die Highlights der Sammlung. Hauptwerke französischer Meister wie Watteau, Boucher und Delacroix sind zu bewundern – neben faszinierenden Bildern der Impressionisten Cezanne (“Mann mit Pfeife”), Gauguin (“Zärtliche Träumerei”) und vor allem Matisse: in St. Petersburg befindet sich die größte Henri-Matisse-Sammlung außerhalb Frankreichs. In der Schatzkammer – ein weiterer Höhepunkt – der kostbare Goldschatz der Skythen.
Seit 1990 gehört das gesamte historische Zentrum von St. Petersburg mit den dazugehörigen Baudenkmälern zum Kulturerbe der Menschheit. Im Sinne der UNESCO-Konvention zum Schutz des Kultur- und Naturerbes von 1972 sind in St. Petersburg die wertvollen Gotteshäuser wie die Christi-Auferstehungskirche, die Kathedrale des Smolnyj-Klosters und die Peter-Paul-Kathedrale, der Schlossplatz mit dem Winterpalais, das Generalstabsgebäude gegenüber und natürlich die weltberühmte Schatzkammer “Eremitage” vor Beschädigung, Verfall und Zerstörung zu bewahren.



