Die Erfindung der Zeit
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Die Erfindung der Zeit

Bild: Foto: unbekannt, Public domain, via Wikimedia Commons

Für gewöhnlich halten wir es ja mit Wilhelm Busch: “Eins, zwei drei! Im Sauseschritt - läuft die Zeit; wir laufen mit.“ Zumindest zweimal im Jahr wird unser Mitläuferdasein jedoch durcheinander gebracht. Zeitumstellung: Winterzeit, Sommerzeit! Muss ich die Uhr vorstellen oder nachstellen? Ist es später oder früher? Ist es länger hell, muss ich im Dunkeln zur Arbeit fahren? Wir sind zu früh müde oder zu spät wach; der natürliche Rhythmus ist gestört. Natürlich? Gibt es einen natürlichen Rhythmus, natürliche Zeiteinheiten? Wie ist der Mensch in der Geschichte damit umgegangen? Warum ist es soweit gekommen, dass wir zweimal im Jahr über eine Stunde stolpern?

Sonne, Mond und Sterne

Wir Menschen sind ja ganz gut zurecht gekommen im Leben vor der Uhr und dem Kalender: Die Sonne bestimmte unseren Lebensrhythmus von Tag und Nacht. Zusammen mit dem Mond gab sie auch den Takt für größere Zeitabschnitte vor – von Neumond zu Neumond, von Sonnenwende zu Sonnenwende.

Wer damals mit Freunden ein Treffen vereinbart hatte, konnte es allerdings nicht so genau nehmen. Die Möglichkeit zur Pünktlichkeit – nach unseren Vorstellungen – hatten unsere uhrlosen Urahnen eigentlich nur, wenn sie sich für Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang verabredeten. Andernfalls hieß es: Wer als Erster kommt, muss warten!

So konnte es natürlich nicht ewig weitergehen. Je mehr Menschen in größeren Siedlungen zusammenlebten, desto mehr wuchs das Bedürfnis nach Organisation und Abstimmung. In seiner Komödie “Die Weibervolksversammlung“, um 392 v. Chr. geschrieben, lässt Aristophanes die Bäuerin Praxagora zu ihrem Mann sagen: “Dein ganzes Geschäft ist, nach dem Schatten zu schauen, wenn er zehn Schuh misst: dann verfügst du gesalbt dich zum Essen.“ Die Szene zeigt, dass im antiken Griechenland die Wahrscheinlichkeit, ohne technische Hilfsmittel pünktlich sein zu können, größer war als beispielsweise im wolkenreichen “antiken Deutschland“. An diesen sonnigen Gestaden war jeder quasi seine eigene Sonnenuhr.

Der Tag wird portioniert

Kein Wunder also, möchte man meinen, dass die ersten Zeitmesser im sonnigen Süden auftauchten: Im 3. Jahrtausend v. Chr. benutzten die Ägypter und die Babylonier Sonnenuhren. Den Babyloniern haben wir auch unsere Einteilung in Stunden, Minuten und Sekunden zu verdanken. Da es unterhalb des Tages keine wahrnehmbaren natürlichen Zeiteinheiten gab, konnten die Menschen die tägliche Zeit ganz willkürlich in kleine Portionen aufteilen. Die Babylonier entschieden sich für 12 Doppelstunden – aus denen die Ägypter später 24 Stunden machten – mit jeweils 60 Minuten. Auf diese Einteilung kamen die babylonischen Astronomen, weil sie das Sexagesimalsystem mit der Grundzahl 60 verwendeten. Hätten wir den Tag einteilen dürfen, hätten wir uns – ensprechend unseres Dezimalsystems mit der Grundzahl 10 – vielleicht für 10 Stunden zu 10 Minuten zu 10 Sekunden entschieden.

Neben Sonnenuhren – für die Bestimmung der Stunden – kamen Sand- und Wasseruhren in Gebrauch, die in erster Linie für die Minutenzählung benutzt wurden. Feinere Zeiteinteilungen und damit genauere Uhren waren lange nicht vonnöten.

Im Räderwerk

Erste Räderuhren an Kirchtürmen zeigten Ende des 13. Jahrhunderts Stunden und Minuten an. Obwohl sie noch recht ungenau gingen, hatten sie gegenüber der Sonnenuhr doch den großen Vorteil permanenter Verfügbarkeit.

Feinere Zeitmaße erforderten erst die modernen Naturwissenschaften. 1761 baute der Brite John Harrison eine Uhr mit einer Gangabweichung von nur fünf Sekunden in 161 Tagen. Die Sekunde als kleinste Zeiteinheit genügte bald nicht mehr. Mit dem Dezimalsystem ging es in den Mikrozeitbereich: Zehntel-, Hundertstel-, Tausendstelsekunden wurden bestimmt. Die Zeitmessung wurde immer präziser, die Messgeräte immer komplizierter, die Zeit scheinbar immer kostbarer. Hektische Zeiten begannen, zu denen der Schriftsteller Giovanni Guareschi, Schöpfer von Don Camillo und Pepone, ironisch anmerkte: “Zeit haben nur diejenigen, die es zu nichts gebracht haben. Und damit haben sie es weiter gebracht als alle anderen.“

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