Die Kritik der Kritiker
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Die Kritik der Kritiker

Bild: Foto: Wilfredor, CC0, via Wikimedia Commons

Günter Grass ist längst selbst Mediengeschichte. Eine Neuveröffentlichung des Nobelpreisträgers ist für Kritiker stets ein gefundenes Fressen - ein Branchen-Event der Eitelkeiten. Die Rezensionen überbieten sich gern in ihren Superlativen: vorgestern Weltklasse, gestern das totale Scheitern. Gemessen am bisherigen Medienecho scheint es, als schwebe der in den 90er-Jahre noch Vielgescholtene mit Im Krebsgang nun wieder wie der Phönix aus der Asche.

Autor von Weltruhm

Als neben Martin Walser einziger deutscher Autor von Weltruhm, artet eine neue Günter Grass-Veröffentlichung in beständiger Regelmäßigkeit zum Medienereignis aus. Der 1999 mit dem Nobelpreis Geadelte gilt im deutschen Blätterwald längst als Großschriftsteller in Thomas Mannscher Tradition: Was Grass auch abseits der Prosafahnen äußert, ist von nationaler Bedeutung.
Viel diskutiert werden die streitbaren Äußerungen des politisch Engagierten: Zuletzt sorgte sein Vergleich, den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber mit dem österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider und dem italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi auf eine Stufe zu stellen, für gehörige Verstimmung unter den Unions-Anhängern. CSU-Generalsekretär Thomas Goppel bezeichnet den Nobelpreisträger daraufhin "als miesen Blechtrommler in der Kavallerie der Links-Literaten".
Doch an diese Polemik wird sich der inzwischen 74-Jährige gewöhnt haben. Wie wohl kein zweiter deutscher Schriftsteller der Nachkriegsära hat Günter Grass von Medien und Rezensenten einstecken müssen: Es ist zum Gesellschaftsspiel des Feuilletons geworden, sich gegen Grass in rauschhafte Verrisse zu schreiben. Fast scheint es, als überwiege die Lust an der eigenen Verriss-Inszenierung gegenüber dem eigentlichen Kritiker-Auftrag. L’art pour L’art für verhinderte Schriftsteller?

Ranicki und Grass: Ein weites Feld...

Für den vorläufigen Höhepunkt der Rezensenten-Schelte sorgte im Sommer 1995 der selbst ernannte Literatur-Papst Marcel Reich-Ranicki mit seinem Verriss des Romans Ein weites Feld im Spiegel. Als scheinbar oberste richtende Instanz zeigt das Hamburger Nachrichtenmagazin den Literaturpapst auf dem Titel in martialischer Pose: In jeder Hand eine zerrissene Buchhälfte von Ein Weites Feld. In einem offenen Brief an den Schriftsteller, oberlehrerhaft betitelt mit “Mein lieber Günter Grass“, sezierte Reich-Ranicki dann im Artikel minutiös das literarische Scheitern des einst gefeierten Autors der Blechtrommel.
Derselbe Reich-Ranicki ist es, der die neue Grass-Veröffentlichung Im Krebsgang nun in der größten Überschwänglichkeit feiert - fast wie eine Rückkehr des verlorenen Sohnes. Zu “Tränen gerührt“ habe die Novelle den 81-jährigen Star-Kritiker, erzählt Ranicki in “Solo“, seiner ersten ZDF-Buchsendung nach Beendigung des “Literarischen Quartetts“. Die “ergreifende, erschütternde" Novelle gehöre zum Besten, was Grass geschrieben und die deutschsprachige Literatur der letzten Jahre zu bieten habe.

Ritterschlag vom Spiegel

In dieselbe Kerbe schlägt auch Spiegel-Herausgeber Rudolf Augstein, der es sich nicht nehmen ließ, die Novelle in der Ausgabe vom 4. Februar höchstpersönlich zu besprechen. Das Spiegel-Urgestein und Grass verbindet gemeinsam erlebte Zeitgeschichte: Zusammen reiste man einst zu Friedensverhandlungen nach Leningrad, 1990 diskutierte man kontrovers vor laufenden Kameras die Wiedervereinigungsfrage.
In seiner Rezension (Rückwärts krebsen, um voranzukommen) würdigt Augstein Grass’ Novelle als “Überraschungscoup“: “Er ist mit einem Buch niedergekommen, wie es wohl nur wenige von ihm erwartet haben“, konstatiert Augstein. In Anbetracht der Bedeutung des Themas hat ihm das Hamburger Wochenmagazin gleich den Titel Die deutsche Titanic gewidmet und sich damit für den 95er Ranicki-Verriss von Ein weites Feld revanchiert.

Renommierte Blätter zollen Grass Tribut

Ähnlich respektvoll ist auch der Tenor der großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen. Die Zeit huldigt das Grasssche Spätwerk in Anspielung auf die meisterhafte Hemingway-Erzählung als Der alte Mann und sein Meer (Ausgabe vom 7. Februar). Rezensent Günter Franzen würdigt die Novelle als Abschied von der Mitleidlosigkeit seiner Generation: “Man muss schon mit einer erheblichen Trägheit des Herzens geschlagen sein, wenn man sich nach der Lektüre der Novelle der späten Einsicht verweigert, dass dieser, von mir und den Angehörigen meiner Generation jahrzehntelang befolgte Ernüchterungsappell nur die halbe Wahrheit enthält.“
Auch die deutsche Ausgabe der Financial Times ist in ihrer Wochenend-Beilage vom 8. Februar voll des Lobes: “Grass erzählt in blendender Form vom Untergang des deutschen Flüchtlingsschiffs“, findet der Kritiker Martin Ebel. Das Wirtschaftsblatt erörtert im Artikel vor allem die Frage, warum sich Grass erst jetzt dem epochalen Thema zugewandt hat. “Weil die Zeit gekommen ist. Weil die Geschichte im Gedächtnisspeicher des Autors lange gereift ist. Und weil das Publikum bereit ist, sie anzunehmen.“
Die umfangreichste Krebsgang-Rezension liefert die Süddeutsche Zeitung [Ausgabe vom 5.Februar]. Kritiker Ulrich Raulff rühmt Grass’ Courage, sich des historischen Themas genähert zu haben: “Man wird ihn (Grass) als mutigen Arbeiter am Gedächtnis feiern, man wird ihm auf die Schulter klopfen. Recht geschieht es ihm.“ Vom Ergebnis des Werkes ist Raulff allerdings enttäuscht: Die Qualität der Novelle sei “literarisch und ästhetisch dürftig“, findet der SZ-Rezensent.

Ätzende Töne von der taz

Noch unsanfter ist der Umgang der bekanntermaßen bissigen Tageszeitung mit dem Nobelpreisträger. In gleich vier Artikeln im Februar geht das linke Blatt mit Grass, zumeist recht unsachlich, ins Gericht. Es mutet schon ein bisschen peinlich an, wenn sich Wiglaf Droste über Grass’ Mundart mokiert und in der taz behauptet: “Grass kann nicht sprechen, und er schreibt, wie er spricht.“
Nicht wesentlich fundierter ist auch die bemüht kritische Rezension von Dirk Knipphals. Für den taz-Rezensenten ist Im Krebsgang “nicht das große Gustloff-Buch“, sondern ein “literarisch tapeziertes historisches Feature rund um die Versenkung eines Schiffes, das 7.000 Tote forderte.“ Knipphals geht noch weiter: “Zum anderen ist es ein oberflächliches Traktat darüber, wie die NS-Ideologie immer wieder an die gesellschaftliche Oberfläche kommt.“
Fast scheint es, als wolle die taz, weil sie, zu spät gekommen, beim Konzert der Lobeshymnen nicht mitspielen darf, mit ätzender Dissonanz stören. Das mag zwar kurz auffallen - Gewicht hat die Kritik indes nicht.

Nils Jacobsen

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