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"Die Rebellen haben alles mitgenommen"
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Leben & Lifestyle

"Die Rebellen haben alles mitgenommen"

Die libysche Hauptstadt Tripolis ist den Deutschen vor allem als letzte Bastion Gaddafis in Erinnerung geblieben – die Stadt, die erst im August 2011 von den Rebellen des arabischen Frühlings eingenommen wurde. Ein halbes Jahr tobte da der Bürgerkrieg in Libyen bereits, ein internationales Militärbündnis…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
6 Minuten
Rubrik
Leben & Lifestyle
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Die libysche Hauptstadt Tripolis ist den Deutschen vor allem als letzte Bastion Gaddafis in Erinnerung geblieben – die Stadt, die erst im August 2011 von den Rebellen des arabischen Frühlings eingenommen wurde. Ein halbes Jahr tobte da der Bürgerkrieg in Libyen bereits, ein internationales Militärbündnis unterstützte die Rebellen dabei, Gaddafi von seinem Diktatorthron zu stürzen. Als die Eroberung Tripolis’ näher rückte, jubelte die Welt.

Für Kwadjo war Tripolis bis zum Bürgerkrieg vor allem eins: Heimat. Eine andere kannte er nicht, seit er als Jugendlicher mit seinen Eltern und seiner Schwester von Ghana nach Libyen gezogen war. In Tripolis ist er erwachsen geworden, hier hat er einen Beruf gelernt, Arabisch spricht er fließend. „Meine ganze Familie war da. In Ghana kenne ich niemanden, wirklich niemanden“, betont er. Immer wieder wiederholt er die Worte, um ihnen Nachdruck zu verleihen. Es ist ihm wichtig, dass man ihm glaubt – nachweisen kann er seine Geschichte nicht. Alle Dokumente, die seine Angaben belegen könnten, musste er in Tripolis zurücklassen, als die Rebellen ihn aus seiner Wohnung zerrten. Seinen Pass, sein Berufsabschluss-Zertifikat, Geburtsurkunde, nicht einmal ein Foto seiner Familie hat er mitnehmen können.

Das Elternhaus in Trümmern

Vor dem Bürgerkrieg war Kwadjo mit seinem Leben in Libyen ziemlich zufrieden. Man habe keine Miete, kein Wasser und keinen Strom zahlen müssen, das habe Gaddafi schon gut gemacht, meint er. Wie sein Vater hat Kwadjo auf Baustellen gearbeitet, die Fassaden von Häusern, Moscheen, Kirchen verputzt. Sonst hat er das Haus kaum verlassen. „Afrikaner sind abends häufig kontrolliert worden, das war gefährlich.“ Mit dem Bürgerkrieg spitzte sich die Lage für Kwadjo in Libyen zu. „Gaddafi hatte viele afrikanische Soldaten. Deshalb hielten die Rebellen alle Afrikaner für Söldner“, erklärt Kwadjo. „Aber ich bin kein Soldat! Ich habe einfach nur in Libyen gelebt und gearbeitet.“

Ob seine Eltern noch leben, weiß Kwadjo nicht. „Ich bin nach einem Bombenangriff zu ihrem Haus gegangen. Aber da war nichts mehr. Alles lag in Schutt und Asche, eine Bombe hatte das ganze Haus zerstört. Es war alles, alles zerstört.“ Mit Gesten versucht Kwadjo, die Zerstörung zu beschreiben. Seine Hände rudern in großen Kreisen durch die Luft, versuchen, das Bild zu erklären, für das die Sprache keine Worte hat – wie breit, wie groß, wie leer dieser Raum war, an dem das Haus seiner Eltern gestanden hatte. „Manchmal rufe ich einen Freund in Tripolis an und frage, ob er meine Eltern gesehen hat. Aber er kann mir auch nichts sagen. Ich weiß nicht, wie ich sie sonst suchen könnte. Ich weiß ja gar nicht, ob sie überhaupt noch leben. Es war einfach alles dort zerstört.“

Irrfahrt auf dem Mittelmeer

Verlassen wollte Kwadjo Tripolis trotzdem nicht, auch nicht, als die Lage für Afrikaner immer gefährlicher wurde, auch nicht, als er vor den Trümmern seines Elternhauses stand. Aber dann kam der Tag, an dem die Rebellen seine Tür eintraten und ihn in einen Bus setzten. „Sie fuhren uns zu einigen Booten. Jedes bot vielleicht Platz für 100 Menschen. Sie zwangen über 300 an Bord, Männer, Frauen, Kinder.“ Zwei Stunden nach Verlassen der Küste wird klar, dass das Boot, in dem Kwadjo gegen seinen Willen sitzt, zu kentern droht: Wasser dringt durch den Boden ein, steigt immer höher. „Die Menschen schrien, weinten, beteten. Wir hatten solche Angst, Angst um unser Leben.“ Um nicht zu kentern, schöpfen Männer verzweifelt aus abgeschnittenen Plastikflaschen Wasser aus dem Boot. Mit starrem Blick berichtet Kwadjo von dem Nachbarboot, das am selben Tag vor seinen Augen untergegangen ist. „Wir sahen, wie die Menschen ertranken. Aber es gab nichts, das wir tun konnten, um ihnen zu helfen.“ Zwei Tage dauert die Überfahrt, Verzweiflung und Todesangst weichen nicht von Bord. Nach unendlichen Stunden des Wasserschöpfens, der Ermüdung und der Gebete taucht die italienische Insel Lampedusa vor den Flüchtlingen auf.

Wann das alles war, in welchem Monat die Bombe auf das Haus seiner Eltern fiel, wann er hörte, wie seine Tür in Tripolis zersplitterte, wann er auf das heruntergekommene Boot gezwungen wurde, das kann Kwadjo nicht mehr mit Sicherheit sagen. „Gaddafi war noch am Leben, da bin ich sicher. Aber wann das genau war, ich weiß es nicht. Mein Kopf kommt nicht zur Ruhe, immerzu drehen sich meine Gedanken im Kreis.“ Bohrende Gedanken, das ist eine typische Folge einer traumatischen Erfahrung. Auch die auffällige Ruhe, mit der der 25-Jährige seine Geschichte erzählt, mag mit dem Grauen, das er erlebt hat, zusammenhängen – ein verzweifelter Versuch, nach Angst und Ohnmacht wieder ein wenig Kontrolle zurückzugewinnen. „Ich möchte ein neues Leben beginnen“, sagt Kwadjo nachdrücklich.

Europa: Die Irrfahrt geht weiter

Kwadjos Odyssee ist auf Lampedusa noch lange nicht vorbei. Bis Ende 2012 lebt er in Flüchtlingslagern in Italien, mit sechs Personen in ein kleines Zelt gezwängt, zum Frühstück gibt es nur einen Espresso und einen kleinen Keks. Zweimal wird er umgesiedelt, die Bedingungen sind schlecht, wie es weitergehen soll, kann niemand sagen. „Dann plötzlich wurde uns gesagt: ‚Das Projekt ist beendet.’ Wir bekamen jeder 200 Euro und ein befristetes Visum, dann mussten wir gehen. Einen Monat schläft Kwadjo am Mailänder Bahnhof, wäscht sich nicht, gibt kaum Geld für Essen aus. Als nur noch 100 Euro übrig sind, wird ihm klar, dass es so nicht weitergehen kann. Er entscheidet sich, nach Hamburg zu reisen, eine Bauchentscheidung. „Von Hamburg hatte ich schon gehört, das schien mir ein guter Ort zu sein, um ein neues Leben zu beginnen.“ 70 Euro kostete die Bahnfahrt nach Hamburg, mit nur noch wenig Geld in der Tasche und ohne einen Anlaufpunkt kommt Kwadjo zunächst im städtischen Winternotprogramm unter, eigentlich ein Angebot für Obdachlose. Rund 300 Flüchtlinge aus Libyen nehmen in diesem Winter das städtische Angebot an. Als das Programm im April die Türen schließt, steht Kwadjo wieder vor dem Nichts – einer von 300 Menschen, für die sich Hamburg nicht zuständig fühlt, weil nach EU-Recht die Verantwortung für Flüchtlinge in dem Land liegt, in das sie ursprünglich eingereist sind, in diesem Fall also Italien. Dass die dortigen Behörden den Afrikanern einfach Sondervisa in die Hand gedrückt und ihnen somit den Schengen-Raum geöffnet hätten, sei nicht mit der Rechtslage zu vereinbaren, so die offizielle Sichtweise.

Hoffnung in Hamburg

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„Ich will ein neues Leben beginnen“, sagt er noch einmal. Man merkt: Kwadjo ist einer, der nach vorn schaut, der sein Schicksal selbst in die Hand nehmen will. „Ich habe einen Beruf, ich kann arbeiten“, betont er. Nur ein Zuhause, das hat er nicht, noch nicht. Das deutsche Aufenthaltsrecht biete den Flüchtlingen die Möglichkeit, hier zu bleiben, weiß er inzwischen, „Paragraf 23“ lautet der Schlüssel zum Bleiberecht. Die Regelung erlaubt es der deutschen Regierung, aus humanitären Gründen einer bestimmten Gruppe den Aufenthalt zu gewähren. Aber er weiß auch, dass dazu ein politischer Wille notwendig ist. Auf den setzt er nun all seine Hoffnung. „In meinem Kopf kreisen unentwegt so viele Gedanken“, sagt er noch einmal und hält sich die Hände an die Schläfen, wie um den Gedankenstrom mit Gewalt zu durchbrechen, schließt die Augen. „Nur wenn ich bete, dann kommt mein Kopf zur Ruhe. Gott hört meine Gebete, das weiß ich. Gott wird mir helfen, hier zu bleiben und ein neues Leben anzufangen.“ Und dann lächelt er, ganz zaghaft, zum ersten Mal in diesem langen Gespräch.

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