"Das Herz tat einem weh"
"Am 25. April fuhr ich, aus Minsk kommend, mit meinem Auto in Richtung Pripjat durch Mosuir … Ich kam ungefähr um 2 Uhr 30 aus Richtung Schipelitsch nach Pripjat. Schon von Janow aus sah ich den Feuerschein über dem vierten Block … Ich entsinne mich, dass die hochschlagenden Flammen über den Ventilationskamin hinausgingen, also eine Höhe von 170 m über dem Erdboden erreichten. Ich fuhr gar nicht erst nach Hause, sondern zum Block vier, um mir aus nächster Nähe ein Bild von dem Geschehen zu machen. Ich kam von der Seite der Bauleitung bis auf 100 Meter an den Unfallblock heran. Im nahen Feuerschein sah ich das halbzerstörte Gebäude … Das Herz tat einem weh bei diesem Anblick … Am Block standen Feuerwehrwagen. In Richtung Stadt fuhr ein Krankenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht.
Ich stand eine Minute, Aufregung und Schrecken überwältigten mich. Ich sah alles mit eigenen Augen und werde dieses Bild nie vergessen. Die Aufregung ging in Angst über. Ich spürte eine nahende Gefahr. Es roch wie nach einem Blitzschlag. Außerdem brannte der Rauch in den Augen und im Hals. Ich unterdrückte den Hustenreiz. Um besser sehen zu können, drehte ich das Fenster etwas herunter. Schließlich war die Nacht warm. Ich konnte gut erkennen, dass die Abdeckung des Maschinenhauses und der Entgaserbühne brannte. Im wallenden Qualm und Feuer sah man die Feuerwehrleute und die von den Wagen hochgezogenen, sich windenden Schläuche. Einer der Feuerwehrleute bestieg sogar das Dach des Blocks B … Ich wendete den Wagen und fuhr nach Hause, in den 5. Mikrorajon der Stadt Pripjat. Als ich nach Hause kam, schliefen schon alle. Es war etwa 3 Uhr nachts.
"Wir würden in drei Tagen zurückkehren."
Sie wachten auf und erzählten, dass sie die Explosionen gehört hätten, aber nicht wüssten, was das sei. Kurz darauf erschien die aufgeregte Nachbarin, deren Mann schon auf dem Block gewesen war. Sie berichtete uns von dem Unfall und schlug vor, eine Flasche Wodka zu Dekontaminierung des Organismus zu trinken. Wir tranken die Flasche in freundschaftlicher Runde und legten uns schlafen.
Meine Familie wachte am 26. April gegen 10 Uhr auf. Ein Tag wie jeder andere … Unser Nachbar … stieg um 11 Uhr auf das Dach und sonnte sich dort in der Badehose. Dann kam er kurz runter, um etwas zu trinken, und sagte, dass man heute unheimlich schnell braun werde, so schnell wie noch nie. Außerdem sei es sehr anregend, so als ob man einen getrunken hätte … Und es sei gut zu beobachten, wie der Reaktor brennt, so klar vor dem Hintergrund des blauen Himmels …
Am Abend musste sich mein Nachbar heftig erbrechen, er wurde in die Klinik gebracht … Aber das spielte sich irgendwie am Rande ab, denn es war ein normaler Sommertag, die Sonne schien, der Himmel war blau, und ein warmer Wind wehte … Am Morgen des 27. April wurde über Radio bekanntgegeben, dass alle in den Häusern bleiben sollten. Sanitätshelfer liefen von Haus zu Haus und verteilten Kaliumjodidtabletten… Genau um 14 Uhr fuhren an allen Hauseingängen Busse vor. Über Radio wurden wir nochmals gemahnt: Nur leicht bekleiden, nur das Allernötigste mitnehmen. Wir würden in drei Tagen zurückkehren."



