Alles begann mit einer Brainstorming-Sitzung bei der jungen Podcast-Firma Odeo. Einige der Angestellten, darunter Jack Dorsey, suchten nach einer neuen kreativen Idee, um dem wenig erfolgreichen Startup wieder zum Erfolg zu verhelfen. Dorsey schlug eine Abwandlung der SMS vor: Einen Kurznachrichtendienst, mit dem man eine Mitteilung nicht nur an einen Empfänger schicken kann, sondern gleich an eine ganze Gruppe. Im Unterschied zur SMS sollten die Mitteilungen zudem offen für alle im Internet zu lesen sein.
Vom ersten Tweet zum Weltmedium
Nach anfänglicher Skepsis machte sich eine kleine Gruppe von Odeo-Mitarbeitern an die Arbeit. Als Namen für diesen neuen Dienst wählten sie twttr, später zu twitter ausgeschrieben. Das englische Wort steht für das Zwitschern eines Vogels oder alternativ für kurze Schübe wenig wichtiger Information. Am 21. März 2006 war es dann soweit: Jack Dorsey setzte seinen ersten Tweet ab: "Just setting up my twttr."
Den entscheidenden Durchbruch verschaffte im März 2007 die South by Southwest Interactive-Konferenz im texanischen Austin. Bei diesem Mix aus Filmfest, Musik-Festival und Multimedialem Happening setze sich Twitter als das Austausch-Medium schlechthin durch. Die Nutzung stieg auf 60.000 Tweets pro Tag und zahlreiche Medienbericht über diesen neuen machten Twitter nun auch in der breiteren Öffentlichkeit bekannt.
Heute werden weltweit täglich hunderte Millionen Tweets gepostet. Der Dienst ist so verbreitet, dass in Karten der Tweet-Verteilung deutlich erkennen lassen, wo dicht besiedelte Ballungsräume und Großstädte liegen. 2009 kommunizierten erstmals sogar Astronauten von der Internationalen Raumstation ISS über Twitter mit Nutzern des Dienstes auf der Erde - seither ist dies Alltag.
Was ist Twitter eigentlich?
Die ursprüngliche Idee hinter Twitter war, ein Medium für Status-Mitteilungen zu schaffen, quasi ein Werkzeug für soziale Kontakte. Doch schnell stellte sich heraus, dass der Kurznachrichtendienst sehr viel mehr Anwendungsmöglichkeiten hatte. "Man nannte es ein soziales Netzwerk, einige bezeichneten als Microblogging, aber es war schwer zu definieren, weil es nichts bisher schon Dagewesenes ersetzte", erklärt Twitter-Mitgründer Evan Williams. "Twitter hat sich von dem, wie wir es anfangs einschätzten, verändert. Es ist zum Teil zwar noch ein Status-Dienst, aber es ist eigentlich mehr ein Informations-Netzwerk als ein soziales Netzwerk."
Wahrscheinlich ist genau das das Erfolgsgeheimnis von Twitter: Jeder kann es so nutzen, wie es ihm am besten passt. Für die einen ist das Medium eine Art stichwortartiges Online-Tagebuch, an dem sie andere teilhaben lassen können. Andere nutzen Tweets, um Nachrichten zu verbreiten und Aktionen zu koordinieren. So spielte Twitter beim Arabischen Frühling eine entscheidende Rolle als nicht zensiertes Mittel, um Informationen aus der Protestbewegung zu verbreiten. Bei Unfällen, Katastrophen oder sonstigen Ereignissen sind Tweets und per Twitter verbreitete Fotos oft die ersten, durch das Ereignis bekannt wird.
Barometer des Weltbefindens
Inzwischen ist Twitter sogar schon zu einem Barometer des Weltbefindens und einem Werkzeug der Wissenschaft geworden: Die Analyse weltweiter Tweets verrät beispielsweise die Stimmung an den Finanzmärkten. Forscher untersuchen aber auch, ob sich Tweets als Hilfe bei Katastropheneinsätzen eigenen und wie gut sich das Wetter anhand der Meldungen bestimmen lässt. Auch die politische Stimmung vor einer Wahl spiegelt sich teilweise in Tweets wider.
Vor kurzen haben Psychologen mehr als 500 Millionen Tweets aus aller Welt ausgewertet, um zu untersuchen, wie sich die Stimmung von Menschen im Verlauf eines Tages und je nach Region verändert. Dabei zeigte sich: Die per Kurzmeldung ausgedrückten positiven und negativen Gefühle haben über alle Kulturen, Religionen und Ländergrenzen hinweg einen ähnlichen Rhythmus. "Die Menschen wachen morgens mit guter Laune auf, diese nimmt aber im Laufe des Tages deutlich ab", berichtet Scott Golder von der Cornell University in Ithaca. Erst später am Abend erholt sich die Stimmung wieder.
Wie funktioniert Twitter?
Diese vielfältige Nutzung von Twitter wird möglich durch seine besondere Form: Einerseits kann hier jeder auf seinem Kanal öffentliche Nachrichten posten, die jeder Nutzer sieht, der dieses Profil anwählt. Über den Hashtag # sind auch Querverweise möglich – unter ihm sind alle Nachrichten zu diesem Hashtag, egal von wem, zusammen aufgelistet.
Tweets können zudem weitergeleitet – retweetet - werden und Bilder oder Links enthalten. Gleichzeitig gibt es die Möglichkeit, einem Account als "Follower" zu folgen. Man sieht dann alle Nachrichten derjenigen, denen man folgt, in seiner Timeline. Auf Wunsch könne bestimmte Tweets auch nur an die Follower geschickt werden, sie sind dann nicht öffentlich sichtbar. Hashtags, die gerade besonders häufig genutzt werden, werden zudem von einem Algorithmus ausgewertet und auf der Twitter-Seite angezeigt.




