Der Beginn des modernen Romans
Ein Klassenkamerad von Monsieur Bovary als Erzähler, dessen Perspektive nachher keine Rolle mehr spielt, eine "falsche" Madame Bovary, die erste Frau des unbedeutenden Landarztes Bovary und das späte Auftauchen der "echten", jungen Emma Bovary sind schriftstellerische, "moderne" Kniffe, die Madame Bovary berühmt gemacht haben. Mit der Schilderung von Emmas tristem Ehealltag auf dem Lande wird der Leser bewusst in die Irre geführt: Sind doch vor allem die Betrügereien der handelnden Figuren Gegenstand des Romans.
Emma hintergeht ihren zusehends verhassten Mann. Sie wird melancholisch und flüchtet sich in Traumwelten: Sie stürzt sich nacheinander in zwei Affären, die sie nach der Lektüre romantischer Bücher als Lebenslüge inszeniert - nur um schließlich selbst von dem windigen Verführer Rodolphe ihrerseits mit Liebes- und Treueschwüren betrogen zu werden. Am Ende wird Emma von dem Wucherer Lheureux hinters Licht geführt, gerät in finanzielle Bedrängnis und nimmt sich aus Verzweiflung schließlich das Leben.
Ein dorniges Brautbukett
Die Ehe Emmas steht von Anfang an unter keinem guten Stern. Als Emma das Haus Bovarys erstmals betritt, steht der Brautstrauß der verstorbenen ersten Madame Bovary noch auf dem Tisch – weshalb sie "an ihren Brautstrauß dachte und sich sinnend fragte, was man mit ihm machen würde, falls sie sterben sollte". Dann wird Emma klar, dass sie Bovary nicht begehrt. Die Verhältnisse verkehren sich: Der Arzt, der die Liebe seiner ersten Frau nicht erwidern konnte, muss schmerzhaft erkennen, dass nun Emma seiner glühenden Verehrung mit "innerer Gleichgültigkeit" gegenübersteht. Als die Eheleute in ein anderes Dorf (statt, wie erhofft, in die Stadt) umziehen, greift Emma in ihren Schreibtisch und sticht sich an ihrem eigenen, achtlos weggeräumten Brautbukett. Sie wirft das Gebinde ins Feuer und schaut unbeteiligt zu, wie die kleinen Beeren zerplatzen und die Messingdrähte sich krümmen. Mit ihnen verbrennen auch alle Ideale. Ironischerweise wird Emma Bovary nicht lange nach dieser Episode schwanger.
"Kalte" Erzähltechnik
Mit derselben Kaltblütigkeit wie Emma ihren im Feuer verbrennenden Brautstrauß betrachtet Gustave Flaubert das langsame Verwelken seiner Protagonistin in der grauen Langeweile und "Fäulnis" der Provinz. Über zwölf Seiten zieht sich der detailliert beschriebene Gifttod Emmas hin, dem der verzweifelte Ehemann – immerhin doch Arzt – hilflos zusehen muss. Die von Flaubert geforderte unpersönliche Erzählstrategie ist hier umwerfend umgesetzt. Eine zeitgenössische Karikatur zeigt den Autor als Anatomen bei der Zergliederung von Emmas Leiche, und ein Kritiker schrieb: "M. Gustave Flaubert, der Sohn und Bruder ausgezeichneter Ärzte, führt die Feder wie andere das Skalpell." Und der gehörnte Ehegatte Bovary darf Emmas Verhalten in seinem einzigen großen Ausspruch rechtfertigen: "Das Schicksal war schuld."
Ein Skandalroman
Die ausgesprochen narrative Kälte des Romans wirkte nach dem Erscheinen des Romans ebenso skandalös wie die angebliche Immoralität mancher Passagen (so der erzähltechnisch als Ausritt mit Rodolphe "getarnte" Orgasmus Emmas) oder die Tatsache, dass das Buch den Ehebruch moralisch nicht in Frage stellt, sogar vielmehr das Aufblühen Emmas ausführlich beschreibt. Wie auch Charles Baudelaire in seinen Fleurs du Mal löst Flaubert in seinem Werk die Gleichung, dass das Gute schön und das Böse hässlich sei auf. Ebenso wie zuvor Baudelaire wird Flaubert der Prozess gemacht. Flaubert wird wegen "Verstoßes gegen die öffentliche Moral, die guten Sitten und die Religion" angeklagt, aber freigesprochen. Der anrüchige Beigeschmack der Verhandlung und die triumphale Bloßstellung der Ankläger (der Staatsanwalt war selbst Verfasser obszöner Verse) trugen wesentlich zur Popularität von Madame Bovary bei.
Weitere berühmte Ehebruchsromane des 19. Jahrhunderts wie beispielsweise Theodor Fontanes Effi Briest (1985) und Lew Nikolajewitsch Graf Tolstois Anna Karenina (1873-1876), lehnten sich an Madame Bovary an.



