Ein Riss durch die Welt
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Ein Riss durch die Welt

Bild: Foto: Basile Morin, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ein Riss durch die Welt. Amerika und das Erdbeben von San Francisco 1906Sachbuch von Simon Winchesteraus dem Englischen von Harald Stadler448 SeitenKnaus Verlag, 2006Hardcover, 22,95€Weitere Infos

Zerbrechliche Schönheit San Francisco

Winchester beschreibt die heikle Lage des Staates Kalifornien und speziell San Franciscos auf der San-Andreas-Verwerfung, jener über 1000 km langen Spalte, wo die Nordamerikanische und die Pazifische Platte exakt entlang der US-Westküste aneinander reiben und sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 3,8 cm pro Jahr bewegen. Das ist im Vergleich zu anderen Verwerfungen dieser Art ungeheuer schnell und und baut tektonische Spannung auf, die sich immer wieder in Beben entlädt. Parallel dazu erzählt der Autor die Geschichte des "Golden State" Kalifornien, der 1848 durch den Goldrausch mit einem Schlag ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte - nicht nur in den USA, sondern weltweit. Deshalb machten sich Menschen aus aller Herren Länder auf, um in Kalifornien ihr Glück zu finden und deshalb war San Francisco auch die Stadt mit der ersten "Chinatown" in den USA. San Francisco war 1906 keineswegs eine Idylle: Eine Stadt, wo mit harten Bandagen ums Glück gekämpft wurde, eine Stadt, die für ihre Lasterhaftigkeit berüchtigt war, aber auch eine Stadt von zerbrechlicher Schönheit - und zu jenem Zeitpunkt mit 400.000 Einwohnern die größte und wichtigste Stadt Kaliforniens. Nicht zuletzt galt San Francisco im Zeitalter des Imperialismus als "Tor zu den Schätzen jenseits des Ozeans".


Katastrophenjahr 1906

Erdgeschichte und kalifornische Geschichte kulminieren bei Winchester im Jahr 1906, einem "Jahr voller Gefahren". Zahlreiche Naturkatastrophen haben gerade in diesem Jahr die Welt erschüttert: Erdbeben in Ecuador, Kolumbien, in Chile und im Kaukasus forderten Tausende Opfer und zerstörten halbe Staaten. Wenige Tage vor dem kalifornischen Beben wurde die Region um Neapel von dem gewaltigsten Vesuvausbruch seit dem Untergang von Pompeji heimgesucht - was Enrico Caruso, der gerade in San Francisco gastierte, mit größter Sorge um seine Heimatstadt erfüllte. Atemberaubend dann die detaillierte Schilderung der Ereignisse in San Francisco, die Augenzeugenberichte, die landesweite Hilfsbereitschaft, die "Verwaltung" der Katastrophe durch Behörden und Versicherungen und nicht zuletzt die Reaktion der Menschen. Man lebte zwar bereits im Zeitalter des Automobils und der Fliegerei, aber Naturkatastrophen bringen die Menschen näher zu Gott. So verhalf der Untergang der Stadt der Pentecostal Church, der Pfingstbewegung, zu einem enormen Aufschwung in den USA, denn es gelang ihren Anhängern, das Beben als Zeichen Gottes plausibel zu deuten.

Respekt vor den Naturgewalten

Simon Winchester ist gelernter Geologe. Ihm geht es vor allem um die Darstellung der geologischen Zusammenhänge, aber auch um die Beschreibung der Geologie als "Königswissenschaft" des 19. Jahrhunderts, die durch die Entdeckung der Plattentektonik Anfang des 20. Jahrhunderts noch weiter an Relevanz gewonnen hat. Großer Respekt vor der Natur und ihren Gewalten ist denn auch die nachhaltigste Botschaft dieses Buches.

Formal gelingt Winchester eine faszinierende Mischung aus betont subjektiver Reportage und wissenschaftlichem Sachbuch, quasi die Übertragung des Dokudrama-Formats vom TV aufs Buch. Besonders eindrucksvoll ist sein virtuoses Spiel mit den Perspektiven: So beginnt das Buch mit einem Blick aus dem Weltraum aufs Große Ganze am 18. April 1906, auf den wunderschönen blauen Planeten, ein Blick, der das Erdbeben nicht einmal wahrnimmt - und im Kontrast dazu die individuelle Erschütterung einiger Protagonisten, die ihre Erfahrungen an jenem Morgen schriftlich festgehalten haben.

Angereichert mit zahlreichen Fotos, Karten und Grafiken ist Ein Riss durch die Welt ein ebenso instruktives wie spannendes Buch über die Schönheit und die Grausamkeit der Natur - gemächlich und episch breit erzählt von einem Autor, der ebenso in der Welt des Sachbuchs wie der Literatur zu Hause ist.


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