Eine Chance für das ganze Land
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Eine Chance für das ganze Land

Bild: Foto: Markus Trienke, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Die Ausrichtung der Fußballweltmeisterschaft 2010 stellte für Südafrika eine große Chance dar – nach innen und nach außen: Nachdem einst Nelson Mandela das Land mit seinem bewusst eingesetzten "Nation-Building" durch den Sport zusammenführte, wollte das neue Südafrika 2010 diese Aufbruchstimmung der frühen Nach-Apartheid-Jahre nochmal erleben und wirklich "ein Land" sein – im emotionalen Sinn.

Ein fortschrittliches Land mit riesigem Potenzial

Was die Politik des letzten Jahrzehnts schwer beschädigt hat, könnte noch einmal aufleben: Der Glaube an eine südafrikanische Gemeinschaft und die Arbeit an einem gemeinsamen "nationalen Projekt". Darüber hinaus ist die Fußballweltmeisterschaft die große Chance, sich der Welt als fortschrittliches Land mit einem riesigen Potenzial zu zeigen. Damit könnte man auch eine viel positiver besetzte Visitenkarte für ganz Afrika abgeben als es dem Kontinent aus westlicher Sicht zumeist gelingt. Man steht im Schaufenster der Weltöffentlichkeit. Und diese Chance muss Südafrika nutzen.

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"Eine Welt in einem Land"

Südafrikas touristischer Slogan lautet "Eine Welt in einem Land". Und wer das Land zwischen dem Kap der Guten Hoffnung, der Halbwüste Karoo, den im Winter Schnee bedeckten
Drakensbergen und den Savannen der Nationalparks mit ihrem unglaublichen Tierreichtum bereist, der wird bestätigen: Der Slogan ist gut gewählt. Kombiniert mit dem einmaligen Gemisch der Kulturen ist Südafrika ein Traumland für Weltreisende – und 2010 eben auch für Fußballreisende.

Mit der Fußballweltmeisterschaft 2010 bietet sich der Welt ein Anlass, einmal ganz anders auf Afrika zu schauen als üblich – nicht immer nur auf Naturkatastrophen, menschliche Tragödien, archaische Konflikte und düstere Zukunftsängste ausgerichtet. Südafrika wird vielmehr eine Brücke zwischen den Kontinenten schlagen. Das Land ist stellvertretend Gastgeber auch für ganz Afrika, und 2010 wird sich die einmalige Chance bieten, das Image des ganzen Kontinents zu verbessern. In den medialen Vorberichterstattungen ist vor allem immer von Negativ-Klischees zu lesen und hören gewesen. Nach den Chancen wird viel zu selten gefragt.

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Einmalige Chance auf Entwicklung

Dabei ist Südafrika unter vielen Aspekten genau das richtige Land für ein Sportereignis dieser Größe. Es bietet einen idealen Hebel für eine "Entwicklung durch Sport", wie sie unter anderem auch von der UNO angestrebt wird. Ein Land, das Charakteristika der hoch entwickelten "Ersten Welt" aufweist und direkt daneben den enormen Entwicklungsbedarf der "Dritten Welt" zeigt, könnte der optimale Nährboden für riesige Investitionen sein, die dann tatsächlich den Unterschied in der Entwicklung eines ganzen Landes ausmachen. Es kann ein Anschubeffekt sein, wie er mit der Vergabe von sportlichen Großereignissen in bereits "fertig" entwickelte Länder nicht erfolgen kann.

Unter ökonomischen Aspekten wird seit Jahren längst an der Weltmeisterschaft 2010 gearbeitet. Das stellt sich gerade in Zeiten der Weltwirtschaftskrise als Glücksfall heraus. Die immensen Investitionen für die Fußballweltmeisterschaft wirken wie ein zum richtigen Zeitpunkt initiierter Wirtschaftsanschub.
Auf jeden Fall verhindert das Konjunkturprogramm 2010 einen noch größeren Abschwung der südafrikanischen Wirtschaft, die seit dem Ende der Apartheid stetig um rund fünf Prozent wuchs, wie in vielen Schwellenländern im Zuge der internationalen Krise aber deutlich einbrach. Wenn man bedenkt, dass Südafrikas Bevölkerung gleichzeitig wächst, vor allem in den unteren Schichten, wird die Bedeutung der Weltmeisterschaft als Wirtschaftsfaktor greifbar. Besonders im Bausektor sind über Jahre zahlreiche Jobs entstanden oder zumindest nicht weggefallen, hauptsächlich durch die Stadionbauten und -modernisierungen. Ganz besonders profitierte der Arbeitsmarkt auch von den allgemeinen infrastrukturellen Maßnahmen, die nötig waren, um das Land WM-tauglich zu machen.

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Profiteure der WM : Arbeitsmarkt und Tourismus

Dabei darf nicht vergessen werden, dass Südafrika im Vergleich zu allen anderen afrikanischen Staaten schon ohne die WM-Bemühungen über die mit Abstand beste Infrastruktur verfügte. Das ist ein direktes Resultat der an der Südspitze des Kontinents am längsten andauernden Kolonialzeit, die in gewisser Weise auch mit dem Ende der Apartheid noch nicht geendet hat. Hier darf man den konstanten Einfluss der fünf Millionen Europäer einmal als beinahe uneingeschränkt positiv bezeichnen: Südafrika ist genau deshalb ein Land zwischen "Erster" und "Dritter Welt", weil die Infrastruktur im vergangenen Jahrhundert in weiten Teilen des Landes europäischen Maßstäben angepasst wurde.

Moderne Straßen, Flughäfen, Hotels, Bankenwesen, Geschäftsimmobilien usw.: Vieles ist genauso vorhanden wie in Europa oder Nordamerika. Und somit brachte Südafrika – zumindest als einziges schwarzafrikanisches Land – die Voraussetzungen mit, eine Fußballweltmeisterschaft ausrichten zu können. Allerdings gilt diese Diagnose ausschließlich für die WM-relevanten Gebiete wie Metropolen oder auch Nationalparks. Andere Teile sind noch ebenso unterentwickelt wie im Rest Afrikas. Einen nachhaltigen positiven Effekt auf die Sicherung oder Schaffung von Arbeitsplätzen wird auch der Tourismus – und mit ihm weitere "Zulieferindustrien" – in der Hochphase der Weltmeisterschaft sowie sicher auch danach erfahren.

Emotionale Argumente und der Geist der Kooperation

Während die Bewerbung um die Olympischen Spiele 2004 in Kapstadt noch am emotionalen Argument für die Jubiläumsspiele in Athen gescheitert war, erhielt Südafrika für die Fußballweltmeisterschaft 2010 den Zuschlag. Sicherlich war es auch ein verspätetes "Dankeschön" an die Lebensleistung des großen Nelson Mandela, der Südafrika zu einem Vorbild für die weltweite Völkerverständigung machte. Dies gelang nicht nur durch Reden, sondern durch eigenes Handeln und Vorleben des Gegenteils von Hass.

Südafrika wäre wohl schon 2006 Gastgeber der Weltmeisterschaft geworden, wenn man mit Deutschland nicht einen so potenten und in den entscheidenden FIFA-Abstimmungen einflussreichen Konkurrenten gehabt hätte. Aus den Deutschen und den Südafrikanern sind mittlerweile enge WM-Partner geworden. Die Gastgeber von 2006 stellen unter anderem organisatorische Erfahrungen des "Sommermärchens" für die erste afrikanische Fußballweltmeisterschaft zur Verfügung. Die Stadionneubauten in Kapstadt, Durban und Port Elizabeth wurden unter Beteiligung deutscher Architekten geplant.

So wie Deutschland durch das "Sommermärchen" von 2006 einen positiven Schub nach innen und außen erhielt, könnte auch Südafrika 2010 enorm gewinnen. Ein einladendes, frohes und kulturell buntes Bild nach außen zu tragen, dürfte die Sicht auf Südafrika und damit partiell auch andere Teile Afrikas zuerst medial und dann im Bewusstsein der Weltöffentlichkeit enorm verändern. Besonders positiv könnte die Wirkung nach innen sein: Es wäre ein idealer Zeitpunkt und Anlass, das "Wir-Gefühl", das Nelson Mandela entfachte, wieder zu beleben. Eine Revitalisierung des Gedankens von der "Regenbogennation" erscheint möglich – und sicherlich auch bitter nötig. Jede Gesellschaft braucht einen Kitt des sozialen Zusammenhalts, und 2010 bietet sich die Chance. Alle Südafrikaner werden bestrebt sein, gute Gastgeber zu sein. Aus der gemeinsamen Anstrengung kann dann auch ein neues Gemeinschaftsgefühl wachsen.

Südafrika als Lokomotive des Kontinents

Es ist Südafrika zu wünschen, dass der neue Präsident Jacob Zuma, anders als sein Vorgänger Thabo Mbeki, dieses Potenzial erkennt und ausschöpft. Der Ruf des Landes hat 2008 erheblich gelitten, als es ausländerfeindliche Auschreitungen mit zahlreichen Todesfällen gab. Es war ein ungeheuerlicher Rückfall in bürgerkriegsähnliche Zustände in den Townships, die in ihrer Brutalität an die schlimmsten Menschenrechtsverletzungen zu Zeiten der Apartheid erinnerten. Aber es gab einen gravierenden Unterschied: Diesmal handelte es sich ausschließlich um Gewalt Schwarzer gegenüber anderen Schwarzen, also unzufriedener Südafrikaner gegenüber "Gastarbeitern".

Nun gibt es Xenophobie in vielen Staaten und sie tritt gewissermaßen wellenförmig immer Mal wieder zu Tage. Der Schock saß im Falle Südafrikas besonders tief, weil man sich aufgrund der jüngsten Vergangenheit mit ihrer Brutalität des weißen Regimes gegenüber den Schwarzen eine größere Sensibilität bei den Opfern von gestern gewünscht hätte. Leider trog diese Hoffnung, und Südafrika entpuppte sich als allzu "normales" Land mit sozio-ökonomisch frustrierten Tätern von heute.

Umso wichtiger wäre es, 2010 ein Gastgeber im Namen aller Afrikaner und eben auch ein uneingeschränkt guter Gastgeber für alle Afrikaner zu sein. Gerade einem Land mit der wirtschaftlichen Lokomotiv-Funktion, wie sie Südafrika für den ganzen Kontinent seit Jahren und auf Jahre hinaus hat, stünde ein solcher Image-Erfolg gut zu Gesicht. Der wirtschaftlichen Durchdringung des Kontinents, die im Zuge der Weltmeisterschaft und der danach partiell gesteigerten Kaufkraft der südafrikanischen Wirtschaft und Privatleute nicht geringer werden wird, sollte ein moralischer Aufschwung an die Seite gestellt sein. 2010 könnte Afrika und die ganze Welt an das Vorbild des neuen Südafrika für den Umgang verschiedener Volksgruppen miteinander erinnern.

Vielfalt Südafrikas - erlebbar durch die WM

In der Außenwirkung kann Südafrika zweifellos einen weiteren großen Imagegewinn erfahren, wenn es gelingt, sich dem Potenzial des Landes entsprechend touristisch zu vermarkten. Einziges Hindernis vorab: Die Fußballweltmeisterschaft findet im südafrikanischen Winter statt. Das ist für ein traumhaftes Sommer-Urlaubsland natürlich eine schwere Hypothek. Wer Kapstadt einmal mit seinen strahlend weißen Stränden und dem blauen Himmel über dem Tafelberg erlebt hat, wird es sicher niemals mehr vergessen. Wer es im stürmischen und regnerischen Winter bei grauen zehn Grad erlebt hat, vielleicht schon eher.

In allen neun Spielorten des WM-Landes zeigt sich aber in jedem Fall die ganze Vielfalt Südafrikas. Die Eröffnung und das Finale finden in Johannesburg statt. Das Wirtschaftszentrum hat auch als einzige Stadt mit Ellis Park und Soccer City zwei WM-Stadien zu bieten. Beide Orte spielen in der südafrikanischen Historie eine Hauptrolle: Hier wurde man 1995 Rugby-Weltmeister und 1996 Afrika-Meister im Fußball. Hier lebte Nelson Mandela seine Versöhnungspolitik vor, als der Staatspräsident demonstrativ im Nationaltrikot die Pokale an die Sieger überreichte.

Die Stadt des Goldes und ihre große Anziehungskraft

Johannesburg ist die große Metropole. Sie ist die Stadt des Goldes und der Minenarbeiter, der wirtschaftlichen Expansion und der geplatzten Träume vom Aufstieg vieler Millionen. Johannesburg, die kaum geliebte, ständig pulsierende Stadt, die mit dem kleinen Nachbarn Sandton einen top-modernen Klon geboren und als Dependance der Reichen und Schönen etabliert hat. Johannesburg ist auch die Stadt mit den berühmten Townships von Soweto und Alexandra, wo der Kampf gegen die Apartheid einst friedlich begann, im Bürgerkrieg aufflammte und in weiter bestehender Massenarmut vorläufig endete. Johannesburg hat Vieles von einer amerikanischen Großstadt: die rechten Winkel, die Wolkenkratzer, die sozialen Spannungen und die Kriminalität. Es ist besser, man meidet sie, die Stadt des Goldes. Und doch fühlen sich die Menschen von ihr angezogen wie die Motten vom Licht.
Im Licht der Weltöffentlichkeit wird vor allem Kapstadt stehen – zu Recht! Wer Sydney, San Francisco, Paris, Rom oder welchen Kandidaten auch immer für den Titel "schönste Stadt der Welt" gesehen hat, hier kommt man erneut ins Grübeln. Unter WM-Aspekten dürfte das Halbfinale zwischen Tafelberg und Atlantik im neuen Stadion von Greenpoint ein einmaliges Highlight werden. Das zweite Halbfinale wird in Durban gespielt, direkt am Strand des Indischen Ozeans. Wenn Südafrika im Winter 2010 irgendwo Sommer zu bieten hat, dann in Durban.

Sämtliche Spielorte mit eigenem Reiz

Die Stadien von Soccer City in Soweto, Kapstadt und Durban stehen den mitteleuropäischen Standards in Nichts nach, weder in der architektonischen Pracht und Modernität, noch im Preis. Dies wirft natürlich die Frage auf, ob das Geld nicht besser für andere Dinge im armen Teil Südafrikas verwendet worden wäre. Die Frage ist jedoch eher theoretischer Natur, weil die riesigen Investitionssummen für Infrastruktur aller Art ohne die Weltmeisterschaft niemals generiert worden wären. Der Sog der FIFA - und Sponsoren-Interessen – und auch deren Initiativen wohlgemerkt – hat erst den Kick für die nachhaltigen WM-Effekte gegeben.

Speziell südafrikanische Einblicke wird es bei den Spielen der Fußballweltmeisterschaft "auf dem Land" geben. Ob in Nelspruit am südlichen Rand des Kruger Nationalparks an der Grenze zu Mosambik, ob im nördlichen Rustenburg oder Polokwane. Südafrika wird hier sein eher traditionelles, naturverbunden-kerniges Gesicht zeigen. Dazu kommen mit Bloemfontein und Port Elizabeth zwei topmoderne Städte, die dazu auch noch stark von den beiden europäischen Kolonialismen geprägt sind: mal burisch-afrikaans in der "Blumenquelle" Bloemfontein, mal viktorianisch-britisch in "PE", bzw. Nelson Mandela Bay am Indischen Ozean.

Natürlich ist auch Pretoria als Verwaltungshauptstadt WM-Spielort. Dort lässt sich die Geschichte des Landes zwischen burischem "Voortrekker Monument" und "Union Buildings" atmen, wo Nelson Mandela 1994 zum Präsidenten vereidigt wurde. Wer auch nur einige der neun WM-Standorte erlebt hat, wird wohl nachher sagen: So bunt wie das Land war auch die Fußballweltmeisterschaft im Jahr 2010.

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