Apartheid in Südafrika
Der Reformprozess in Südafrika wurde bereits wenige Wochen nach der Amtseinführung von Präsident Frederik Willem de Klerk eingeläutet, als dieser im Oktober 1989 acht prominente Gefangene aus der Haft entließ. Bei der Eröffnung der Parlamentsitzung am 2. Februar 1990 hob de Klerk das Verbot des ANC sowie weiterer Organisationen auf. Noch unter de Klerks Vorgänger, dem im August 1989 zurückgetretenen Pieter W. Botha, hatte die Regierung starr am international geächteten Prinzip der Rassentrennung festgehalten. Sie ermöglichte die Herrschaft von 5,1 Mio. Weißen über 29,8 Mio. Schwarze.
Dass der neue Präsident sich so schnell dazu entschließen konnte, die bisherige Politik zu revidieren, hatte mehrere Ursachen. International wirkte sich das Ende des Ost-West-Konflikts aus: Die ideologische Differenzen zwischen Sozialismus und Kapitalismus, die lange eine Annäherung zwischen den weißen Machthabern und der Anti-Apartheid-Opposition verhindert hatten, verloren an Bedeutung. Zudem wirkten sich die Sanktionen der internationalen Gemeinschaft aus. Südafrika war kaum in der Lage, seinen Kreditverpflichtungen nachzukommen, und litt unter einer Wirtschaftskrise, die auch weiße Südafrikaner bedrohte. Schließlich wurden selbst für die Unternehmen die Nachteile der Apartheid immer offensichtlicher. So grenzte das Bildungssystem nach wie vor die Mehrheit der Bevölkerung aus: Noch 1990 geht von den 14 Mio. schulpflichtigen Kindern des Landes gerade jedes zweite auf eine Lehranstalt. Ohne ausreichende Bildung aber könnte die anvisierte Industrialisierung scheitern, die auf zahlreiche Fachkräfte angewiesen ist. Vertreter der Wirtschaft verhandelten deshalb unter Umgehung der Regierung schon seit längerem mit dem ANC.
Noch 1990 werden erhebliche Fortschritte bei der Demokratisierung Südafrikas erzielt: Der Ausnahmezustand wird aufgehoben und die Entlassung von 3000 politischen Gefangenen angekündigt; zudem ist ein Ende der drastischen Sicherheitsbestimmungen in Sicht. Alle etwa 22 000 im Exil lebenden Südafrikaner sollen zurückkehren können. Im Gegenzug beendet der ANC den bewaffneten Kampf gegen die weiße Regierung. - Kurz nach seiner Freilassung am 11. Februar hält Nelson Mandela auf dem Rathausbalkon in Kapstadt seine mit Spannung erwartete erste Rede und sagt dabei: "Es gibt keine Umkehr auf dem Weg zur Freiheit, und wir dürfen der Angst keinen Raum lassen."
Nelson Mandelas Vita
- Nelson Rolihlaha Mandela (* 18. 7. 1918, Qunu/Transkei) hatte eine behütete Kindheit in der königlichen Familie der Thembu.
- Das naturwissenschaftliche Studium an der Fort Hare University musste er 1940 abbrechen, da er sich als Mitglied der Studentenvertretung einem Streik angeschlossen hatte.
- 1944 gründete der 26-Jährige zusammen mit Oliver Tambo, Walter Sisulu und anderen die Jugendliga des ANC. Ihr Ziel: der Aufbau einer nationalen Befreiungsbewegung. Im Kampf gegen die weißen Unterdrücker der Nationalpartei, die die Apartheidspolitik ab 1948 systematisch ausgebaut hatte, blieb dem ANC mit ihrem "Chefaktivisten" Mandela ein durchschlagender Erfolg versagt.
- 1960 wurde zum Jahr des Umbruchs: Am 31. März erschossen Polizisten in Sharpeville bei einer friedlichen Demonstration 69 Afrikaner. Acht Tage später wurde der ANC verboten. Der ANC erteilte daraufhin Mandela die Aufgabe, einen militärischen Arm aufzubauen: den Speer der Nation. Menschen sollten bei den Sabotageakten nicht gefährdet werden.
- Nach 17 Monaten im Untergrund wurde Mandela am 5. August 1962 verhaftet und wegen "Aufwiegelung" zum Streik zu fünf Jahren Haft verurteilt. Als bald darauf noch belastende Dokumente entdeckt wurden, lautete am 12. Juni 1964 der Schuldspruch für den Schwarzenführer und sieben weitere Angeklagte wegen Hochverrats auf lebenslänglich.
- Mandelas Kampfkraft blieb auch in der Haft ungebrochen, war er sich doch der Bedeutung seiner Person als Symbol für den Freiheitskampf der Schwarzen bewusst. Noch 1985 lehnte er deshalb ein taktisches Angebot des damaligen Präsidenten Pieter W. Botha ab, der die Freilassung mit Bedingungen verknüpfte.
- 1994 erreicht Mandela, seit 15. Oktober 1993 zusammen mit Frederik Willem de Klerk Träger des Friedensnobelpreises, als erster schwarzer Präsident Südafrikas einen Traum seines Lebens. Dass er nicht dem Hass verfallen ist, beweist er mit den Worten: "Wir sagen den Weißen: Südafrika ist auch euer Land."



