“Energieaktien noch nicht zu teuer”
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“Energieaktien noch nicht zu teuer”

Bild: Foto: Bernd Schwabe in Hannover, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Klaus Lüpertz, Leiter der Private-Banking-Strategie bei der Investment-Bank HSBC Trinkaus & Burkhardt, warnte mitten in der großen Dot.com-Euphorie vor dem Platzen der Internet-Blase. In einem exklusiven Interview nahm Lüpertz nun im Gespräch mit wissen.de die Energiebranche unter die Lupe.

Perspektiven für den Energiesektor

Wissen.de: Wie beurteilen Sie die Energiebranche aktuell: Wie attraktiv ist der Sektor im gegenwärtigen Börsenumfeld?

Klaus Lüpertz:Insgesamt sehe ich den Energiesektor aktuell nur noch neutral zum Gesamtmarkt. Ein Anspringen der Konjunktur kann im zweiten Halbjahr zu anziehender Nachfrage führen, aber über das Ausmaß bin ich mir noch nicht im Klaren. Ich denke, da sind noch Enttäuschungen zu den aktuellen Schätzungen möglich. Die OPEC hält zwar die Förderquoten niedrig, aber die weitere Compliance erscheint, gerade im aktuellen Umfeld, nicht unbedingt gesichert. Dazu kommt, dass die Investitionen im Non-OPEC-Bereich stark angezogen haben. Fusionsfantasie etc. ist aktuell im Sektor kaum zu spüren.

Wissen.de: Welche positiven Impulse könnten dem Sektor Auftrieb verleihen?

Klaus Lüpertz: Wenn man nach positiven Faktoren für den Sektor sucht, ist neben der Wettbewerbssituation noch der Fortschritt in der Fördertechnologie zu nennen, der ein profitableres Vordringen in bisher unerschließbaren Regionen erlaubt. Von der Bewertung her sind die Aktien, trotz guter Performance in der letzten Zeit, aus unserer Sicht noch nicht zu teuer. Dazu kommt, dass viele Analysten in ihren Gewinnschätzungen tendenziell eher sehr niedrige Ölpreise als Berechnungsgrundlage genommen haben. Das Risiko im Sektor ist mit der relativ hohen Volatilität des Ölpreises in den letzten Wochen natürlich auch angestiegen.

ENI und Royal Dutch internationale Favoriten

Wissen.de: Welche Unternehmen zählen Sie zu Ihren Favoriten?

Klaus Lüpertz: Ich mag momentan besonders ENI und Royal Dutch. ENI ist ein defensiver Energietitel. Das lässt sich aus der Tatsache herleiten, dass die Firma mit ihrem starken Gaskontraktgeschäft noch immer stark von den Gaspreisen abhängig ist, die den Ölpreisen nachlaufen. Nach der Deregulierung des italienischen Gasmarktes hat die Prognostizierbarkeit der Gewinne beim Unternehmen auch zugenommen. Dazu kommt die starke Bilanz und der geplante schrittweise Ausstieg aus dem margenschwachen Gasverteilungsgeschäft (siehe auch: Börsengang von Rete Gas).

Darüber hinaus bezieht ENI immer wieder Fantasie aus der Tatsache, dass das Unternehmen als Fusionskandidat gehandelt wird. Die Zahlen im Geschäftsjahr 2001waren gut und lagen sogar oberhalb der Erwartungen. Obwohl sich der Bewertungsabschlag zu den anderen Unternehmen in der letzten Zeit etwas verringert hat, bleibt ENI interessant.

Bei Royal Dutch greift noch immer die Kostensenkungs- und Restrukturierungsstory. Die Programme sind bisher weit fortgeschritten und liegen über Plan. Im Vergleich mit der europäischen Konkurrenz ist Royal Dutch am wenigsten betroffen, wenn der Ölpreis wieder sinkt, da ca. 40 Prozent des verarbeiteten Rohöls zugekauft werden. Ebenso wie ENI verfügt Royal Dutch über eine starke Bilanz, die auch wieder ein Aktienrückkaufsprogramm erlaubt.

e.on in Deutschland am besten positioniert

Wissen.de: Auf dem deutschen Markt tobt der Kampf der Giganten: e.on gegen RWE: Welches Unternehmen sehen Sie im Vorteil, welche Aktie ist interessanter?

Klaus Lüpertz: Ich denke, dass e.on die bessere Wahl ist. Der zweitgrößte Stromversorger in Deutschland mit einem Umsatz von über 93 Mrd. Euro, der aus der Fusion von Veba und Viag entstanden ist, fokussiert mittlerweile immer mehr auf das Kerngeschäftsfeld Energie, insbesondere Strom und Gas. Der Bereich Chemie (Degussa) soll mittelfristig veräußert werden. Nach der Übernahme von Powergen und Ruhrgas wird e.on Europas größter privater Strom- und Gasversorger sein.

Das Unternehmen hat immer noch einen hohen Bewertungsabschlag im Rahmen der sum-of-the-parts-Bewertung, die einen Kurs von 80 Euro als möglich erscheinen lässt. Die Powergen-Übernahme soll in diesem Frühjahr endgültig abgeschlossen werden. Dazu kommt, dass der Fokus auf die USA das Akquisitionsrisiko in Europa dämpft. Zu erwähnen ist auch der geschickte Aktientausch mit BP; e.on verkauft mit Veba Öl einen großen Anteil seines Nicht-Kerngeschäftes zu einem guten Preis und erhält im Gegenzug 25,5 Prozent an Ruhrgas und kann so die europäische Gasstrategie weiter ausbauen. Für e.on spricht auch noch das ausgedehnte Aktienrückkaufprogramm und das erfolgreiche Restrukturierungsprogramm.

RWE – auf dem Weg zum “Multi-Utility-Unternehmen”

Wissen.de: Und wie beurteilen Sie RWE?

Klaus Lüpertz: RWE ist auf dem Weg zum “Multi-Utility-Unternehmen mit den Bereichen Strom, Gas, Wasser / Abwasser und Abfall & Recycling. Nach der Fusion mit der VEW ist RWE im Strombereich die Nr.1 in Deutschland und europaweit die Nr.3. Der Stromabsatz beläuft sich auf ca. 210 TWh. Außerdem ist RWE weltweit der drittgrößte Wasserversorger nach Vivendi Environment und Suez. RWE verfügt noch über ein qualitativ hochwertiges Beteiligungsportfolio (z.B. Heidelberger Druckmaschinen, Hochtief) und ist einer der größten Profiteure der Steuerreform 2001.

Auch die Übernahme von Innogy passt in die Unternehmensstrategie, allerdings: Der Preis vom 27fachen des Gewinns vor Steuern und Zinsen (EBIT) war schon recht hoch. Mir fehlt bei RWE ein klares Konzept, denn obwohl der vom Management gewählte Weg zum “Multi-Utility-Unternehmen viel versprechend klingt, ist mir die Abgrenzung zu den “alten RWE nicht klar. Das Akquisitionsrisiko bei RWE ist vergleichsweise hoch, da RWE besonders im europäischen Umfeld wachsen möchte und das ist nur zu hohen Preisen möglich (siehe Innogy). Die Akquisition von American Water Works passte zwar in die Strategie, wird aber in den nächsten zwei Jahren noch wertmindernd sein. Per Saldo spricht aus meiner Sicht im Vergleich dieser beiden Player mehr für e.on.

Das Gespräch führte Nils Jacobsen

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