Das „dicke Ende“ steht noch bevor
wissen.de: Die Konsumgüterbranche konnte sich lange Zeit als Fels in der Brandung dem Ausverkauf an den Weltbörsen entziehen, ehe Anfang Juli auch die Kurse purzelten. Ist das Schlimmste überstanden?
Klaus Lüpertz: Der Konsumgüterbereich könnte das "dicke Ende" sogar noch vor sich haben. Warum? Nun, nach den Terroranschlägen auf die USA hat sich der Konsum lange recht robust gehalten. Die Amerikaner haben sich recht patriotisch verhalten nach dem Motto: "Jetzt erst recht"! Das Problem: Durch die starken Kursrückgänge an den Aktienmärkten sind große Geldvermögen vernichtet worden; seit den Höchstständen an den Börsen sprechen wir von einer Wertvernichtung von über 5 Billiarden US-Dollar. Das wurde lange Zeit durch steigende Immobilienpreise kompensiert, aber auch der Sektor zeigt seit zwei Monaten Tendenz zur Schwäche. Die Arbeitslosigkeit liegt mit 5,9 Prozent knapp unter dem Hoch von 6 Prozent; all dies spricht nicht für eine Belebung des Konsums.
wissen.de: Wie attraktiv ist der Sektor im gegenwärtigen Börsenumfeld: Konsumaktien halten sich, trotz der Rückschläge, ja immer noch beachtlich. Sind die aktuellen Kursniveaus Kaufgelegenheiten - bzw: Wird der Sektor den breiten Markt in den nächsten 12 - 18 Monaten outperformen?
Klaus Lüpertz: An eine Outperformance im aktuellen Umfeld glaube ich nicht; da sich die Aktien gut gehalten haben, ist auch die Bewertung teilweise über den langfristigen Durchschnitten; kommt es nicht bald zu einer Trendwende, sind die Titel zunächst einmal korrekturgefährdet.
Die Verteuerung durch den Euro wird überschätzt
wissen.de: In Europa wird der Verteuerung durch den Euro gern eine Mitschuld am regelrechten Konsumentenstreik gegeben. Ist das ein Mythos? Welchen Anteil rechnen Sie der Euro-Einführung bei den gefallenen Konsumenausgaben zu?
Klaus Lüpertz: So etwas ist schwer zu berechnen, aber mir liegen wissenschaftliche Studien vor, die durchaus glaubhaft belegen, dass die Euroeinführung nur ca. 10 Prozent Anteil an den gesunkenen Konsumausgaben hat; andere Gründe sind beispielsweise die Einführung bzw. Erhöhung einiger Verbraucherssteuern zum Jahreswechsel und der Schneefall in Griechenland, denn dadurch haben sich Obst und Gemüse in Deutschland deutlich verteuert.
wissen.de: Der europäische Markt hat mit Nestlé, Danone und Unilever Bestfoods einige klassische Konsumgüter-Blue Chips zu bieten. Rechnen Sie damit, dass die Europäer robuster performen werden als US-Unternehmen wie Kraft Foods, Pepsi & Co, Procter & Gamble und Johnson & Johnson?
Klaus Lüpertz: Die meisten der genannten Unternehmen sind Global Player und teilweise sogar mit Engagements in Emerging Markets etc. sehr global diversifiziert; allein von daher sind große Renditeunterschiede schwer vorstellbar; aber: der US-Konsument ist bisher sehr viel "treuer" als das Pendant in Europa; wie gesagt: ich kann mir vorstellen, dass auch der US-Bürger bald mal auf die Konsumbremse tritt, und dann könnte es dazu kommen, dass US-Titel für eine Weile leicht schlechter performen.
Das Konsumentenvertrauen ist stark eingetrübt
wissen.de: In den USA wird immer wieder der Mythos vom krisenresistenten Konsumenten beschworen: Die Weltwirtschaft schwächelt, die Börse kollabiert, doch der Konsument kauft weiter. Gilt diese Vorstellung, gemessen am aktuellen Geschäftsverlauf der Big Player der Konsumgüterindustrie, auch heute noch - oder wird sie als Legende enttarnt?
Klaus Lüpertz: Das Konsumentenvertrauen hat sich inzwischen stark eingetrübt. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Konsum erst noch durch das Tal der Tränen waten wird. Dazu kommt, dass die Konsolidierung im Sektor bisher nur langsam vorangeht... Ich denke, die weitere Entwicklung der Konsumaktien ist jetzt stark vom Makroumfeld geprägt: Käme es zu einer dynamischen Erholung der Wirtschaft in 2003, wonach es allerdings zur Zeit nicht so richtig aussieht, dann könnten die zyklischen Konsumtitel, z.B. Airlines, Hotels etc. auch davon profitieren. Kommt es aber eher zu einem Seitwärtsrutschen der Börsen, dann könnten die Konsumtitel durchaus noch Probleme bekommen. Es ist in der Regel ein zuverlässiges Vorzeichen für eine nahende Verschlechterung des Branchenklimas, wenn die Manager der Unternehmen das Gewinnwachstum nur noch über Kostenreduzierungen und nicht mehr über Umsatz- oder Margenwachstum erzielen wollen.
Das Gespräch für wissen.de führte Nils Jacobsen



