Feministische Vordenkerin
Leben & Lifestyle

Feministische Vordenkerin

Bild: Foto: Enno Lenze from Berlin, Germany, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons

"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es."

"Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es."

Dieser Satz aus Simone de Beauvoirs "Das andere Geschlecht" (Le Deuxième Sexe) machte 1949 in Frankreich Furore. Das Werk tat seine Wirkung bald in ganz Europa und den USA – und dies 20 Jahre vor der modernen Frauenbewegung. Es analysiert, wie sich der Mann im Lauf der Zivilisationsgeschichte zum Subjekt und Schöpfer, die Frau zum Objekt, zur ewig Reproduzierenden, zum "schlechthin Anderen" entwickelt hat, rüttelt die Frauen auf, an ihrer Befreiung zu arbeiten, und plädiert für volle Gleichberechtigung, freie Verbindung der Geschlechter, legale Abtreibung, Geburtenkontrolle.

Ein neues Lebensmodell

Simone de Beauvoir hatte sich selbst recht früh auf den Weg zur Befreiung gemacht. 1908 in Paris geboren, gehoben bürgerlich und streng katholisch erzogen, wollte sie schon als Halbwüchsige nichts mehr von Gott und elterlicher Autorität wissen und war bereits zu Beginn ihres Philosophiestudiums sicher, dass für sie keine Häuslichkeit mit Kindern, sondern nur eine Schriftsteller-Existenz in Frage käme, was dem Philosophiestudenten Jean-Paul Sartre, den sie 1929 kennen lernte, gerade recht kam. Die unverbrüchliche, lebenslange Liebe zwischen beiden gründete auf der – tatsächlich eingehaltenen – Vereinbarung, niemals zu heiraten oder zusammenzuleben, Treuebrüche gegenseitig zu tolerieren und einander niemals zu belügen – auch dieses "Modell" reizte damals zum Nacheifern.

Die Philosophin war auch ein politischer Mensch. So fand ihr Romanwerk, das um Freiheit, Bindung, Tod kreist, seinen Höhepunkt 1954 in "Die Mandarine von Paris", einer Auseinandersetzung mit der Rolle der Pariser Linksintellektuellen kurz vor und nach dem Kriegsende, also mit Résistance und Kollaboration, Existenzialismus und Marxismus, freien Linken und Kommunisten, in der die verschlüsselten Figuren von Sartre, Beauvoir, Albert Camus und Arthur Koestler im Mittelpunkt stehen. Reich an Diskussionen und Reflektionen, psychologisch subtil und spannungsvoll, ist das Werk bis heute ein wichtiges Dokument jener Zeit. Es brachte ihr den Prix Goncourt ein – und zum ersten Mal im Leben eine eigene Wohnung!

Eine Tochter aus gutem Hause

Zeitlebens engagierte sich Simone de Beauvoir leidenschaftlich bei jeder politischen Aktion, ob bei Demonstrationen gegen den Algerienkrieg 1954, ob bei den Mai-Revolten 1968, den Polit- Prozessen 1970, und natürlich bei allen Feministinnen-Kampagnen in den 1970er Jahren. Sie sympathisierte mit dem Marxismus, bereiste mit Sartre Russland, China, Kuba; die russischen Panzer in Prag trieben ihr diese Sympathie allerdings aus. Eine Fülle von Artikeln, Essays, Reisebüchern waren die Früchte ihrer Reisen durch die halbe Welt, und die vier Bände "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" (1958–1972) sind ein Kompendium der Zeitgeschichte. Mit einer ihrer letzten großen Arbeiten, dem Essay "Das Alter" (1970), wird sie dann nochmals zur Protagonistin, denn wieder ist es ein viel verdrängtes Tabuthema, das sie von allen Seiten umkreist, mit dem sie sich selbst und die Leser konfrontiert. 1980 muss Simone de Beauvoir den Tod ihres Gefährten Sartre erleben; sechs Jahre später stirbt sie selbst. Als eine der faszinierendsten und nachhaltig wirkenden Frauen im 20. Jahrhundert aber bleibt sie gegenwärtig.

Mehr aus Leben & Lifestyle

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Leben & Lifestyle.

Alle Leben & Lifestyle-Artikel
Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren
Leben & Lifestyle

Akustik historischer Instrumente: Die physikalischen Geheimnisse alter Meistergitarren

2. November 2026

Warum klingen Instrumente aus der Vorkriegszeit anders als neu gebaute Modelle? Die Antworten liegen in der komplexen physikalischen und chemischen Alterung von Holz, Leimen und Lacken über Jahrzehnte.

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur
Leben & Lifestyle

Kleine Bäume, große Geschichte: Die Entwicklung der Bonsai-Kultur

31. Oktober 2026

Von den chinesischen Penjing-Landschaften über den Zen-Buddhismus bis zur weltweiten Verbreitung: Die Geschichte der Bonsai-Kultur ist mehr als ein Dekorationstrend. Sie verbindet jahrhundertealte Philosophie mit…

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert
Leben & Lifestyle

Hypnose verstehen: Was im Zustand der Trance wirklich passiert

27. Oktober 2026

Kaum ein Verfahren ist so von Klischees umgeben wie die Hypnose. Bühnenshows, in denen Freiwillige wie ferngesteuert Hühner imitieren, prägen bis heute das Bild. Mit der Arbeit in einer Praxis hat das wenig zu tun. Dort…

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz
Leben & Lifestyle

Hefepathogen nutzt Inositol trotz Glukose: Rezeptor verknüpft Nährstoffwahl mit Virulenz

20. Oktober 2026

Eine Studie in PLOS Biology zeigt, wie ein Inositol-sensitiver Rezeptor bei einer Hefe die Nährstoffnutzung steuert – selbst bei Glukose-Überschuss. Die Entdeckung verbindet Stoffwechsel und Virulenz.

← Zurück zu Leben & LifestyleZur Startseite