Nun hatten es französische Komponisten (auch wenn Ravel von Geburt Baske war) der Jahrhundertwende in Deutschland eigentlich schon traditionell schwer. Der sich vor allem in seinen frühen Jahren gerne dandyhaft gebende Ravel geriet rasch ins Fadenkreuz der (damals wie heute) strikt zwischen U- und E-Musik trennenden deutschen Musikkritik: Seine unbestrittene instrumentale Virtuosität galt als oberflächlich, seine Nähe zu Jazz, Ballett und Tanz gar als „Amüsiergehabe“ abgetan, die ausgeprägte Affinität zur kindlichen Tier- und Märchenwelt als wenig substanziell gesehen. Darüber hinaus grenzte man die von Ravel ganz bewusst eingesetzte Tonalität mit Bezug auf einen Grundton gegen die „Neue Wiener Schule“ eines Schönberg, Berg und Webern ab: Ravel sei eben kein Neuerer gewesen. Ist diese Kritik gerechtfertigt oder war sie eventuell nur eine Reaktion auf die großen Erfolge, die Ravel beim Publikum erzielte? Eine einzige verbindliche und richtige Antwort gibt es sicher nicht, aber ein Blick auf die Werke selber eröffnet dem vorurteilsfreien Hörer zumindest Perspektiven, die der Meinungsbildung dienlich sind.
Der Bolero
Der Bolero, komponiert und uraufgeführt im Jahre 1928 in Paris, ist ursprünglich eine Ballettmusik. Dieses Auftragswerk für Ida Rubinstein verdankt seine Entstehung den verschlungenen Pfaden des Urheberrechts. Den eigentlichen Plan, einige Stücke aus Isaac Albéniz’ Klaviersuite Iberia zu instrumentieren, musste Ravel nämlich verwerfen und stattdessen, ein „Experiment“ wagen. Das Stück ist ein einziges ausgedehntes Crescendo. Zwei Bolero-Weisen werden in stets neuer instrumentaler Gewandung zu einem bis zum vorletzten Takt konstanten Rhythmus permanent wiederholt, bevor Ravel zum raffinierten Schlusscoup ansetzt: Kurz vor Schluss springt das bis jetzt durchgehaltene C-Dur nach E-Dur und das Stück bricht – ähnlich wie La Valse – völlig in sich zusammen. Die einmal angeworfene und bis zum Höhepunkt gesteigerte Orchestermaschinerie wird einfach abgestellt. Einfachheit und Raffiniertheit ergänzen sich hier zu einer Synthese von bisweilen hypnotischer Wirkung.
Daphnis et Chloé
Auch Daphnis et Chloé ist ein Auftragswerk und ebenfalls ein Ballett. Sergei Diaghilev, der vielleicht erste moderne „Kulturmanager“, hatte mit der Etablierung seiner Ballet russes die Ballettszene nicht nur Paris’ und Frankreichs, sondern ganz Europas durcheinander gewirbelt. Es war nur eine Frage der Zeit, bis Diaghilew auch Ravel um eine kompositorische Arbeit bat: Daphnis et Chloé, ein Roman des spätantiken Dichters Longos, der die Entführung, Befreiung und Heimkehr Chloés sowie ihre Wiedervereinigung mit ihrem Geliebten Daphnis thematisiert. 1909-1912 entstand Ravels „Symphonie choréographique“ mit einem Orchesterklang, der völlig neue Wege ging. Obwohl das Werk mit „strengem tonalen Plan“ als „symphonische Einheit“ geplant und gesetzt war, extrahierte Ravel 1911 und 1913 zwei Konzersuiten mit jeweils drei Teilen, die mit riesigem, aber dabei extrem elegant gehandhabten Orchester in unerhörten Farben ausmalt. Das „Lever du jour“ gehört in seiner bezaubernden Beschreibung des Sonnenaufgangs zu den schönsten Stücken Ravels. Der euphorische Schluss („Danse générale“) zeigt, dass Üppigkeit und Ausgewogenheit sehr wohl zwei Seiten einer intelligenten Instrumentation sein können.
Ma Mère l'Oye
Die bereits erwähnte Vorliebe Ravels für die Sphäre kindlicher Themen und Märchen führte u.a. in die Komposition seines Zyklus Ma Mère l’Oye (Meine Mutter, die Gans), der 1908-1910 als fünfteiliges Werk für Klavier zu vier Händen entstand. Die Stücke sind – ganz im Gegensatz etwa zum hochkomplexen und -virtuosen Gaspard de la nuit – auch für Klavierschüler mit mittleren Fähigkeiten beherrschbar. 1911 orchestrierte Ravel das Werk und schuf außerdem durch Hinzufügung zweier Sätze eine Ballettfassung. „Die Absicht, in diesen Stücken die Poesie der Kindheit wachzurufen, hat mich dazu geführt, meine Art zu vereinfachen und meine Schreibweise durchsichtiger zu machen“, kommentierte Ravel Ma Mère l’Oye. In allen Sätzen werden märchenhafte Situationen mit raffiniert ausgeklügelter Einfachheit hervorgerufen. So hört man etwa in der „Pavane de la Belle au bois dormant“ (Dornröschen) den Zauber von verwunschenem Wald und Schloss. „Les entretiens de la Belle et de la Bête“ erzählt die Begegnung von der Schönen und dem Biest, das sich in einen Prinzen verwandelt. „Petit Poucet“ (Der kleine Däumling) läuft durch den geheimnisvoll raunenden Wald, in dem Vögel zwitschern und Tiere Laut geben. Ein märchenhaftes China malt Ravel in Laideronette, Impératrice des Pagodes – exotische Koloristik mit Pentatonik, Xylophonklängen und zarten Melodien. Zum Schluss wird der Hörer noch in einen Feengarten („Le jardin féerique“) entführt – der eher „seelische Zustandsbeschreibung“ (Schmalzriedt) ist, als reine Märchenstimmung zu wecken.



