Fußball-Frauen spielen vor immer mehr Fans
Das Institut für Spielanalyse, das als Ausgründung des Lehrstuhls für Trainingswissenschaften und Sportinformatik der TU München entstanden ist, hat die Spiele der 1. Fußballbundesliga der Saison 2009/ 2010 unter die Lupe genommen und anhand verschiedener Parameter untersucht, was die Besonderheiten des Fußballs sind, wenn Frauen spielen. Die Erkenntnis, dass der Frauenfußball immer mehr Fans findet und auf größeres gesellschaftliches Interesse stößt, war neben der im Sommer 2011 in Deutschland stattfindenden Frauenfußball-Weltmeisterschaft Anlass genug, um sich einmal wissenschaftlich mit der Sportart auseinanderzusetzen, die zwischen 1955 und 1970 in Deutschland verboten war - und auch heute noch für viele eine etwas kuriose Randerscheinung des Männersportes Fußball darstellt. Und das, obwohl die deutschen Frauen die letzten beiden Weltmeisterschaften grandios gewonnen haben...
"Die Frauen spielen, auch wenn ihr Spiel im Schnitt 140 Mal unterbrochen ist im Vergleich zu 108 Unterbrechungen bei den Männern, zwar hektischer aber auch länger als diese", erklärt Malte Siegle, der am Lehrstuhl für Trainingswissenschaften und Sportinformatik in München promoviert und für das Institut für Spielanalyse das weite Feld der Spielunterbrechungen beackert hat. Der Grund, weshalb die Zuschauer von den Frauen mehr Fußball geboten bekommen als von den Männern, ist ganz simpel: "Frauen spielen nach einer Unterbrechung, egal ob Einwurf, Eckball, Elfmeter, Spielerwechsel oder welche Form der Unterbrechung auch immer, deutlich schneller weiter als die männlichen Fußballer - im Mittel ganze 3,31 Sekunden."
Frauen spielen vorsichtiger
Nach einem Tor spielten die Fußballerinnen übrigens bereits nach 33 Sekunden weiter, wie Malte Siegle erklärt, Männer ließen sich dagegen ganze 20 Sekunden mehr Zeit. "Das könnte sich allerdings ändern", wagt Siegle eine vorsichtige Prognose. Immerhin erfreue sich der Frauenfußball einer immer größeren Beliebtheit in Deutschland. Und wenn sich die Stadien in Zukuft stärker als bislang füllten, wenn die Frauen spielten, könne auch der weibliche Torjubel deutlich länger andauern. Eine Hypothese, die das Institut während der WM auf jeden Fall überprüfen will.
Bereits belegt ist dagegen, dass gerade nach einer Verletzungsunterbrechung die zeitliche Differenz bis zum erneuten Spielbeginn zwischen Männer- und Frauenspielen am größten ist. Malte Siegle: "Frauen setzen das Spiel schon nach 54 Sekunden wieder fort, Männer erst nach geschlagenen 79." Dieser beachtliche Unterschied von knapp einer halben Minute erklärt der Spielanalyst wie folgt: "Entweder nehmen die Frauen beim Spielen mehr Rücksicht aufeinander und verletzen sich dadurch weniger - eine These, die gerade untersucht wird - oder die Männer setzen einfach mehr auf den Showeffekt und machen noch ein, zwei Rollen mehr am Boden, um den Schiedsrichter dazu zu bringen, die gelbe oder rote Karte gegen den Gegner zu zücken."
Frauen spielen fairer, selbst wenn sie führen
Die Annahme, Frauen spielen fairer als viele ihrer männlichen Fußballkollegen, lässt sich noch aus einer weiteren Erkenntnis aus den Case-by-Case-Studien des Instituts für Spielanalyse ableiten. So soll sich die Stammtischweisheit, die in Führung liegende Mannschaft brauche deutlich länger bis zur Spielfortsetzung als die unterlegene, nur für den Männerfußball beweisen lassen. "Bei den Frauen konnten wir diesen Zusammenhang bei keiner einzigen Untersuchung nachweisen", unterstreicht Analyst Siegle. Seine Interpretation dieses Faktes: Frauen hätten den taktischen Nutzen von Spielunterbrechungen noch nicht begriffen. Oder netter ausgedrückt: Frauen spielen ein Fairplay, von dem sich so mancher männliche Fußballkollege noch ein Scheibchen abschneiden könnte.
Doch nicht nur im Fairplay haben Frauen die Nase vorn, sondern auch in Sachen Torbilanz. So fielen während der letzten beiden Weltmeisterschaften bei den Männern im Schnitt 2,3 Tore pro Spiel, während die Frauen 3,6 Mal im Mittel das Runde ins Eckige schossen. Dass Frauen weder die Spitzengeschwindigkeiten der Männer erreichen, nicht ganz so weit schießen können und auch beim Einwurf nicht dieselbe Reichweite erzielen? Geschenkt! Denn wenn in wenigen Tagen wieder unsere Frauen spielen, ist guter Fußball dennoch garantiert. So jedenfalls interpretieren die wissen.de-Frauen die Erklärungen der männlichen Spielanalysten.



