Der Verbraucher: Er wird umworben, verhätschelt, verführt und umschmeichelt. Durchleuchtet, skaliert, hochgerechnet und runtergebrochen. Belogen, bestochen, verraten und oft genug für dumm verkauft.
Wer jetzt mit einem "Na und? Die Welt ist eben schlecht" die Achseln zuckt, macht es sich ein bisschen zu einfach. In der globalisierten Welt funktioniert die alte Trennung zwischen "ich" und der "Welt da draußen" nicht mehr. Ein Turnschuh, ein T-Shirt, ein Päckchen Kaffee und "die Welt" rutscht unmittelbar in unsere Einkaufstüte. Dabei interessiert es uns meist nicht, woher die Produkte stammen, die wir da eben erworben haben. Noch weniger Gedanken machen wir uns über die Arbeitsbedingungen, unter denen der Turnschuh, das Hemd oder der Kaffee fernab der Heimat produziert wurden. Entweder, es ist uns wirklich egal, Hauptsache, der Preis stimmt. Oder wir wollen es nicht wissen. Denn oft genug würde uns das Wissen die Freude an den Einkäufen verderben. Weil wir uns dann eingestehen müssten, dass wir soeben eine Diktatur unterstützt, einen Bürgerkrieg mitfinanziert, einem Kaffeebauern die Existenz oder einer Näherin die Gesundheit geraubt haben. Denn unsere Macht als Verbraucher ist riesig.
"Da weder die Wirtschaft noch die Politik ohne die Unterstützung der Bevölkerung überleben kann, sind wir in einer starken Position, wenn wir uns zusammentun und gemeinsam auf Veränderungen drängen", schreibt die Globalisierungskritikerin und Cambridge-Professorin Noreena Hertz in ihrem pamphletischen Bestseller "Wir lassen uns nicht kaufen! Keine Kapitulation vor der Macht der Wirtschaft". Wie stark wir mit unserem Konsumverhalten tatsächlich die Geschäfte der Großkonzerne beeinflussen können, zeigen Geschichten wie die von Walmart oder Nike, die auf öffentlichen Druck hin die zum Teil menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen verbessern mussten, da ihre Umsätze aufgrund der Negativ-PR drastisch zurückgingen.
Warum Fleisch so billig ist ...
Der tatsächlichen Macht der Verbraucher steht dennoch eine gefühlte Ohnmacht gegenüber. Scheinbar unveränderliche Kräfteverhältnisse wie die Übermacht der Industriestaaten gegenüber den Entwicklungsländern, aber auch Hiobsbotschaften aus dem Lebensmittelsektor wie BSE- oder "Gammelfleisch" rufen Lähmungserscheinungen hervor, in deren Folge wir dümmlichen Pseudobotschaften wie "Geiz ist geil" oder "Ich bin doch nicht blöd!" lieber Glauben schenken als der schlichten Tatsache, dass Geiz nur solange geil ist, bis die Wahrheit ans Licht kommt: dass das Fleisch eben deshalb so billig ist, weil es bereits vor sich hin fault; dass die Brötchen beim Discountbäcker deswegen 15 Cent weniger kosten als in der Bäckerei, weil Chemikalien eben billiger sind als Hefe und Zeit. Oder dass Schnittblumen den günstigen Preis hochgiftigen Pestiziden verdanken.
Wissen ist Verbrauchermacht. Wie aber an das Wissen herankommen? Sollen wir bei jedem Einkauf das "Schwarzbuch Markenfirmen" mit uns führen, vor jeder neuen Anschaffung Amnesty International um Rat fragen? Das wäre zwar sicher sehr aufschlussreich, aber doch ein bisschen umständlich.
Eine gute Möglichkeit der Orientierung bieten die verschiedenen Gütesiegel wie z.B. das BIO-Siegel, der "Blaue Engel" für Umweltverträglichkeit, das TransFair-Siegel für fair gehandelte Waren oder das TOC-Siegel für Computerbildschirme und andere Elektronikartikel. Sie werden von unabhängigen Kommissionen streng kontrolliert. Der Verbraucher weiß diese Sicherheiten zu schätzen, was sich im Lebensmittelbereich z.B. im enormen Erfolg der Biosupermärkte zeigt.
Bei Nicht-Bio-Lebensmitteln gelten EU-weite Kennzeichnungspflichten für künstliche Zusatzstoffe. Die berühmten "E-Listen" informieren über die Schädlichkeit der verschiedenen Zusatzstoffe wie Geschmacksverstärker, Farbstoffe, Bindemittel u.a. Die Listen findet man z.B. im Internet unter www.estoffe.de oder www.oekotest.de.
Es liegt in den Genen
Eine große Grauzone stellen bisher noch die genmanipulierten Nahrungsmittel dar. Die Vorsitzende des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Prof Dr. Edda Müller, fordert eine strikte Kennzeichnungspflicht auch für solche Lebensmittel, deren Inhaltsstoffe genmanipuliert sind. Bisher müssen nur solche Produkte gekennzeichnet werden, die unmittelbar genverändert sind. Die Folgen dieses großzügigen Umgangs mit genmanipulierter Nahrung sind heute noch nicht abzusehen. Entsprechend hoch ist auf Verbraucherseite die Verunsicherung.
Immerhin, die Politik scheint den zunehmenden Wissensdurst des Verbrauchers erkannt zu haben. Mit dem geplanten Verbraucher-Informationsgesetz will die Bundesregierung das Recht des Verbrauchers zu wissen, was in seiner Einkaufstasche landet, stärken. Denn - ob bei Nahrungsmitteln, Kleidung, Elektrogeräten oder Spielzeug - für alle Konsumbereiche gilt: Solange wir wissen, was wir kaufen, liegt es in unserer Macht, wie die Welt in Zukunft aussehen soll.
Weiterführende Links zum Thema
Wie wir in kleinen Schritten die Welt verbessern können. Wenn wir nur viele sind.
Nachrichtenagentur mit Schwerpunkt „Dritte Welt“
Homepage des gemeinnützigen Vereins „TransFair“, dessen Ziel es ist, durch Fairen Handel die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Afrika, Asien und Lateinamerika zu verbessern
Kampagne für saubere Kleidung: engagiert sich weltweit für bessere Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie
Flower Label Program (FLP): steht für existenzsichernde Löhne, Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit sowie den Schutz von Mensch und Umwelt durch geringen Pestizideinsatz beim Anbau von Schnittblumen
Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz



